Drittes Buch

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Albrecht von Haller: Drittes Buch (1742)

1
O Wahrheit! sage selbst, du Zeugin der Geschichte!
2
Wer machte Gottes Zweck und unser Glück zu nichte?
3
Wer wars, der wider Gott die Geister aufgebracht
4
Und uns dem Laster hold, uns selber feind gemacht?

5
Verschieden war der Fall verschiedner Geister-Orden:
6
Der einen Trefflichkeit ist ihr Verderben worden,
7
Die Kenntniß ihres Lichts gebar ihr Finsterniß,
8
Sie hielten ihre Kraft für von sich selbst gewiß
9
Und, voll von ihrem Glanz, verdrüßlich aller Schranken,
10
Misskennten sie den Gott, dem sie ihn sollten danken;
11
Ihr allzu starker Trieb nach der Vollkommenheit
12
Ward endlich zum Gefühl der eignen Würdigkeit;
13
Ihr Stolz fieng an in Haß die Furcht vor Gott zu kehren,
14
Als ohne den sie selbst der Wesen erste wären.
15
So wich ihr Schwarm von Gott, dem Ursprung seines Lichts,
16
Ihr Glanz, entlehnt von Gott, fiel bald ins eigne nichts;
17
Nichts blieb an ihnen gut. Gott hatten sie verlassen,
18
Der Liebe wahren Zweck verschwuren sie zu hassen,
19
Des höchsten Guts Genuß war ewiglich verscherzt,
20
Der Sinn war missvergnügt, des Urtheils Licht geschwärzt.
21
In ihrem Wesen selbst, worin sie sich verstiegen,
22
Fand sich kein innrer Quell von stätigem Vergnügen:
23
Ihr Aufruhr rächte Gott, ihr Hochmuth ward zur Schmach,
24
Das böse war gewählt, das Uebel folgte nach;
25
Bis daß Reu ohne Buß, Verzweiflung an dem Heile,
26
Und Missgunst ohne Macht den Frevlern ward zum Theile;
27
Da dort die treue Schaar, die niemals Gott verließ,
28
In seiner Gegenwart der Geister Paradies
29
Und Tag fund ohne Nacht, da ewig hoh und steigend
30
Ihr Stand der Gottheit naht und keinen Eckel zeugend
31
In der Begierd genießt und im Genuß begehrt
32
Und ihren Geist mit Licht, das Herz mit Wollust nährt.

33
Das Uebel, dessen Macht den Himmel konnte mindern,
34
Fund wenig Widerstand bei Adams schwachen Kindern.
35
Ein stäter Bilder-Kreis schwebt spielend vor dem Sinn,
36
Der wählt zur Gegenwart, behält und sendet hin;
37
Bald hatte Lust und Zier das ernstliche verdrungen,
38
Der Müh und Tugend Bild schien trocken und gezwungen,
39
Die Seele hängte sich an Ruh und Lustbarkeit,
40
Der Tugend Kraft nahm ab durch die Abwesenheit,
41
Auch lockt der Leib zur Lust mit zärtlicher Verbindung,
42
Bedacht wich dem Genuß und Kenntniß der Empfindung.
43
Zudem, was endlich ist, kann nicht unfehlbar sein,
44
Das Uebel schlich sich auch in uns durch Irrthum ein.
45
Der schwache Geist verlor der Neigungen Verwaltung,
46
Wir wendeten in Gift die Mittel der Erhaltung,
47
Die Triebe der Natur misskennten Ziel und Maaß,
48
Bis das, was himmlisch war, sein hoh Geschick vergaß.
49
Der Schönheit Liebe trieb zu unerlaubten Lüsten,
50
Die Sorg um Unterhalt zu Haß und bittren Zwisten;
51
Der Ehre rege Sucht schwoll in den Herzen auf.
52
Gewissen und Vernunft hemmt zwar des Uebels Lauf,
53
Doch ihr verhasster Mund, voll unberedter Lehren,
54
Behielt allein das Recht, zu tadeln, nicht zu wehren.
55
Wir alle sind verderbt, der allgemeine Gift
56
Ist beide Welten durch den Menschen nachgeschifft.
57
Gold, Ehr und Wollust herrscht, so weit der Mensch gebietet,
58
Und alles was ein Herz, von diesen schwanger, brütet:
59
Betrug mit falschem Blick, die Lust an andrer Leid,
60
Verachtung fremden Werths, Verläumdung, Brut vom Neid,
61
Verführung schwacher Zucht, der Gottesdienst des Bauches,
62
Fruchtloser Müßiggang, der Hunger eitlen Rauches,
63
Und so viel Seuchen mehr, von denen undurchwühlt
64
Kein Herz mehr übrig bleibt, das echte Frucht erzielt.
65
Verschiedene Gestalt bedeckt die Ungeheuer,
66
Die Kunst der Ehrbarkeit leiht manchen ihren Schleier,
67
Wann andrer, die die Scheu mit keiner Larve deckt,
68
Erborne Hässlichkeit die Augen trotzt und schreckt.
69
Geringer Unterscheid! der auf der Haut nur lieget,
70
Nicht in das innre dringt und niemand mehr betrieget!
71
Noch Zeit, noch Land, noch Schwang vermag auf die Natur,
72
Der Quell fließt überall, der Auslauf ändert nur.
73
Vergebens rühmt ein Volk die Unschuld seiner Sitten,
74
Es ist nur jünger schlimm und minder weit geschritten:
75
Der Lappen ewig Eis, wo, allzu tief geneigt,
76
Die Sonne keinen Reiz zur Ueppigkeit erzeugt,
77
Schließt nicht die Laster aus, sie sind, wie wir, hinlässig,
78
Geil, eitel, geizig, träg, missgünstig und gehässig,
79
Und was liegt dann daran, bei einem bittren Zwist,
80
Ob Fisch-Fett oder Gold des Zweispalts Ursach ist?
81
Wer von der Tugend weicht, entsaget seinem Glücke
82
Und beugt sein Engels-Recht zu eines Thiers Geschicke.
83
Die Pflichten sind der Weg, den Gott zur Wohlfahrt giebt,
84
Ein Herz, wo Laster herrscht, hat nie sich selbst geliebt.
85
Von außen fließt kein Trost, wann uns das innre quälet,
86
Uns eckelt der Genuß, so bald die Nothdurft fehlet;
87
Die Schätze dieser Welt sind nur des Leibes Heil;
88
Der wahre Mensch, der Geist, nimmt daran keinen Theil;
89
So bleibt der müde Geist bei falschen Gütern öde,
90
Der Eckel im Genuß entdeckt das innre Blöde,
91
Nie froh vom itzigen, stäts wechslend, keinem treu,
92
Erfährt der Glücklichste, wie nichtig alles sei.
93
Vergebens übertrifft das Schicksal unsre Bitten,
94
Die Welt hat Philipps Sohn und nicht die Ruh erstritten;
95
Ein Thor rennt nach dem Glück, kein Ziel schließt seine Bahn,
96
Wo er zu enden meint, fängt er von neuem an.

97
Doch auch das Schatten-Glück erfreut den Menschen selten,
98
Weil Gold und Ehre nichts als durch den Vorzug gelten:
99
Die Güter der Natur sind endlich und gezählt,
100
Die einen werden groß von dem, was andern fehlt:
101
Ein Sieger wird berühmt durch tausend andrer Leichen,
102
Und ganzer Dörfer Noth macht einen eingen Reichen:
103
Der Schönen holdes Ja, die einem sich ergiebt,
104
Verurtheilt die zur Qual, die da, wo er, geliebt.
105
Wir streiten in der Welt um diese falschen Güter,
106
Der Eifer, nicht der Werth, erhitzet die Gemüther;
107
Wie Kinder (wer ist nicht in einem Stück ein Kind?)
108
Oft um ein streitig nichts sich in den Haaren sind
109
Bald dieß, bald jenes siegt und trotzet mit dem Balle,
110
Bei keinem bleibt die Lust, und der Verdruß drückt alle.
111
Wir schwitzen, kümmern, flehn, verschwenden Zeit und Blut,
112
Was wir von Gott erpresst, ist endlich keinem gut.

113
So findt man wahre Noth, wo man Vergnügen suchet,
114
Der Zepter wird so oft, als wie der Pflug, verfluchet.
115
Die Furcht, der Seele Frost, der Flammenstrom, der Zorn,
116
Die Rachsucht ohne Macht, des Kummers tiefer Dorn,
117
Die wache Eifersucht, bemüht nach eignem Leide,
118
Der Brand der Ungeduld, der theure Preis der Freude,
119
Der Liebe Folter-Bett, der leeren Stunden Last
120
Fliehn von der Hütten Stroh und herrschen im Pallast.
121
Noch stärker peitscht den Geist das zornige Gewissen;
122
Noch Macht, noch Haß von Gott befreit von seinen Bissen;
123
Sein fürchterlicher Ruf dringt in der Fürsten-Saal,
124
In Gold und Purpur bebt Octaviens Gemahl
125
Und siehet, wo er geht, so sehr er sucht zu schlafen,
126
Vor ihm den offnen Schlund voll unfehlbarer Strafen.

127
Der Leib, das Meisterstück der körperlichen Pracht,
128
Folgt seinem Gaste bald und fühlt des Uebels Macht.
129
Vollkommen hatt er einst, geschickt zu Gottes Bilde,
130
Die Unschuld noch zum Arzt und Einigkeit zum Schilde,
131
Dem Tode minder nah und vielleicht frei davon,
132
Nahm er Theil an der Lust und nimmt itzt Theil am Lohn,
133
Die Zeit muß seit dem Fall ihr Sandglas gäher stürzen,
134
Die Mordsucht grub ein Erzt, die kurze Frist zu kürzen,
135
Tod, Schmerz und Krankheit wird ergraben und erschifft,
136
Und unsre Speise macht der Ueberfluß zum Gift.
137
Der Sorgen Wurm verzehrt den Balsam unsrer Säfte,
138
Der Wollust gäher Brand verschwendt des Leibes Kräfte,
139
Verwesend, abgenutzt und nur zum Leiden stark
140
Eilt er zur alten Ruh und sinket nach dem Sark.

141
Der Geist, von allem fern, womit er sich bethöret,
142
Sieht sich in einer Welt, wovon ihm nichts gehöret;
143
Nur geht mit ihm ins Reich der öden Dunkelheit
144
Ein unerträglich Bild der eignen Hässlichkeit.
145
Gold, Ehre, Wollust, Tand, wonach er sich gesehnet,
146
Verblendung, Selbstbetrug, worauf er sich gelehnet,
147
Witz, Ansehn, Wissenschaft, der Eigenliebe Spiel,
148
Von allem bleibt ihm nichts, als des Verlusts Gefühl.
149
Der Thaten Unterscheid ist bei ihm umgedrehet,
150
Er hasst, was er geliebt, und ehrt, was er verschmähet,
151
Und brächte, könnt es sein, jedweden Augenblick,
152
Worin er sich versäumt, mit Jahren Pein zurück.
153
Die Wahrheit, deren Kraft der Welt Gewühl verhindert,
154
Findt nichts, das ihr Gefühl in dieser Wüste mindert;
155
Ihr fressend Feur durchgräbt das innre der Natur
156
Und sucht im tiefsten Mark des Uebels mindste Spur.
157
Das gute, das versäumt, das böse, so begangen,
158
Die Mittel, die verscherzt, sind eitel Folter-Zangen,
159
Von stäter Nachreu heiß. Er leidet ohne Frist,
160
Weil er gepeiniget und auch der Henker ist.

161
O selig jene Schaar, die, von der Welt verachtet,
162
Der Dinge wahren Werth und nicht den Wahn betrachtet,
163
Und, treu dem innren Ruf, der sie zum Heile schreckt,
164
Sich ihre Pflicht zum Ziel von allen Thaten steckt!
165
Gesetzt, daß Welt und Hohn und Armuth sie misshandeln,
166
Wie angenehm wird einst ihr Schicksal sich verwandeln,
167
Wann dort, beim reinen Licht, ihr Geist sich selbst gefällt,
168
Das überwundne Leid zu seiner Wollust hält
169
Und innig hold mit Gott, dem Urbild ihrer Gaben,
170
Sie Gott, das höchste Gut, in stäter Nähe haben!

171
Indessen ist die Welt, die Gott zu seinem Ruhm
172
Und unserm Glücke schuf, des Uebels Eigenthum:
173
In allen Arten ist das Loos des guten kleiner,
174
Wo tausend gehn zur Qual, entrinnt zur Wohlfahrt einer,
175
Und für ein zeitlich Glück, das keiner rein genießt,
176
Folgt ein unendlich Weh, das keine Ruh beschließt.
177
O Gott voll Gnad und Recht, darf ein Geschöpfe fragen:
178
Wie kann mit deiner Huld sich unsre Qual vertragen?
179
Vergnügt, o Vater, dich der Kinder Ungemach?
180
War deine Lieb erschöpft? ist dann die Allmacht schwach?
181
Und konnte keine Welt des Uebels ganz entbehren,
182
Wie ließest du nicht eh ein ewig Unding währen?

183
Verborgen sind, o Gott! die Wege deiner Huld,
184
Was in uns Blindheit ist, ist in dir keine Schuld.
185
Vielleicht, daß dermaleinst die Wahrheit, die ihn peinigt,
186
Den umgegossnen Geist durch lange Qualen reinigt
187
Und, nun dem Laster feind, durch dessen Frucht gelehrt,
188
Der Willen, umgewandt, sich ganz zum guten kehrt;
189
Daß Gott die späte Reu sich endlich lässt gefallen,
190
Uns alle zu sich zieht und alles wird in allen.
191
Dann seine Güte nimmt, auch wann sein Mund uns droht,
192
Noch Maaß, noch Schranken an und hasset unsern Tod.
193
Vielleicht ersetzt das Glück vollkommener Erwählten
194
Den minder tiefen Grad der Schmerzen der Gequälten;
195
Vielleicht ist unsre Welt, die wie ein Körnlein Sand
196
Im Meer der Himmel schwimmt, des Uebels Vaterland!
197
Die Sterne sind vielleicht ein Sitz verklärter Geister,
198
Wie hier das Laster herrscht, ist dort die Tugend Meister,
199
Und dieses Punkt der Welt von mindrer Trefflichkeit
200
Dient in dem großen All zu der Vollkommenheit;
201
Und wir, die wir die Welt im kleinsten Theile kennen,
202
Urtheilen auf ein Stück, das wir vom Abhang trennen.

203
Dann Gott hat uns geliebt, wem ist der Leib bewusst?
204
Sagt an, was fehlt daran zur Nutzbarkeit und Lust?
205
Seht den Zusammenhang, die Eintracht in den Kräften,
206
Wie jedes Glied sich schickt zu menschlichen Geschäften,
207
Wie jeder Theil für sich und auch für andre sorgt,
208
Das Herz vom Hirn den Geist, dieß Blut von jenem borgt;
209
Wie im bequemsten Raum sich alles schicken müssen,
210
Wie aus dem ersten Zweck noch andre Nutzen fließen,
211
Der Kreis-Lauf uns belebt und auch vor Fäulung schützt,
212
Der ausgebrauchte Theil von uns sich selbst verschwitzt,
213
Und unser ganzer Bau ein stätes Muster scheinet
214
Von höchster Wissenschaft, mit höchster Huld vereinet!
215
Soll Gott, der diesen Leib, der Maden Speis und Wirth,
216
So väterlich versorgt, so prächtig ausgeziert,
217
Soll Gott den Menschen selbst, die Seele nicht mehr schätzen?
218
Dem Leib sein Wohl zum Ziel, dem Geist sein Elend setzen?
219
Nein, deine Huld, o Gott, ist allzu offenbar!
220
Die ganze Schöpfung legt dein liebend Wesen dar:
221
Die Huld, die Raben nährt, wird Menschen nicht verstoßen,
222
Im kleinen ist er groß, unendlich groß im großen.

223
Wer zweifelt dann daran? ein undankbarer Knecht!
224
Drum werde, was du willst, dein wollen ist gerecht!
225
Noch Unrecht, noch versehn kann vom Allweisen kommen,
226
Du bist an Macht, an Gnad, an Weisheit ja vollkommen!
227
Wann unser Geist gestärkt dereinst dein Licht verträgt
228
Und uns des Schicksals Buch sich vor die Augen legt;
229
Wann du der Thaten Grund uns würdigest zu lehren,
230
Dann werden alle dich, o Vater! recht verehren
231
Und kündig deines Raths, den blinde Spötter schmähn,
232
In der Gerechtigkeit nur Gnad und Weisheit sehn!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Albrecht von Haller
(17081777)

* 16.10.1708 in Bern, † 12.12.1777 in Bern

männlich, geb. von Haller

Schweizer Mediziner und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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