Zweites Buch

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Albrecht von Haller: Zweites Buch (1742)

1
Im Anfang jener Zeit, die Gott allein beginnet,
2
Die ewig ohne Quell und unversiegen rinnet,
3
Gefiel Gott eine Welt, wo, nach der Weisheit Rath,
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Die Allmacht und die Huld auf ihren Schauplatz trat.
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Verschiedner Welten Riß lag vor Gott ausgebreitet,
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Und alle Möglichkeit war ihm zur Wahl bereitet;
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Allein die Weisheit sprach für die Vollkommenheit,
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Der Welten würdigste gewann die Würklichkeit.
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Befruchtet mit der Kraft des Wesen-reichen Wortes
10
Gebiert das alte nichts; den Raum des öden Ortes
11
Erfüllt verschiedner Zeug; die regende Gewalt
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Erlieset, trennet, mischt und schränkt ihn in Gestalt.
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Das dichte zog sich an, das Licht und Feuer ronnen,
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Es nahmen ihren Platz die neugebornen Sonnen;
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Die Welten welzten sich und zeichneten ihr Gleis,
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Stäts flüchtig, stäts gesenkt, in dem befohlnen Kreis.
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Gott sah und fand es gut, allein das stumme Dichte
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Hat kein Gefühl von Gott, noch Theil an seinem Lichte;
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Ein Wesen fehlte noch, dem Gott sich zeigen kann,
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Gott blies, und ein Begriff nahm Kraft und Wesen an.
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So ward die Geister-Welt. Verschiedne Macht und Ehre
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Vertheilt, nach Stufen Art, die unzählbaren Heere,
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Die, ungleich satt vom Glanz des mitgetheilten Lichts,
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In langer Ordnung stehn von Gott zum öden nichts.
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Nach der verschiednen Reih von fühlenden Gemüthern
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Vertheilte Gott den Trieb nach angemessnen Gütern;
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Der Art Vollkommenheit ward wie zum Ziel gesteckt,
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Wohin der Geister Wunsch aus eignem Zuge zweckt.
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Doch hielt den Willen nur das zarte Band der Liebe,
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So daß zur Abart selbst das Thor geöffnet bliebe
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Und nie der Sinn so sehr zum guten sich bewegt,
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Daß nicht sein erster Wink die Wagschal überschlägt.
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Dann Gott liebt keinen Zwang, die Welt mit ihren Mängeln
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Ist besser als ein Reich von Willen-losen Engeln;
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Gott hält vor ungethan, was man gezwungen thut,
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Der Tugend Uebung selbst wird durch die Wahl erst gut.
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Gott sah von Anfang wohl, wohin die Freiheit führet,
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Daß ein Geschöpf sich leicht bei eignem Licht verlieret,
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Daß der verbundne Leib zu viel vom Geiste heischt,
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Daß das Gewühl der Welt den schwachen Sinn beräuscht
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Und ein gemessner Geist nicht stäts die Kette findet,
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Die den besondern Satz an den gemeinen bindet.
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Zu Gottes Freund ersehn, zu edel für die Zeit,
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Vergessen wir zu leicht den Werth der Ewigkeit;
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Des äußern Zauber-Glanz verdeckt die innre Blöße,
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Die stärkre Gegenwart erdrückt des fernern Größe.
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Wer ists, der allemal der Neigung Stufe misst,
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Wo nur das Mittel gut, sonst alles Laster ist?
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Kein endlich Wesen kennt das mitsein aller Sachen,
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Und die Allwissenheit kann erst unfehlbar machen.
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Gott sah dieß alles wohl, und doch schuf er die Welt;
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Kann etwas weiser sein, als das, was Gott gefällt?
53
Gott, der im Reich der Welt sich selber zeigen wollte,
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Sah, daß, wann alles nur aus Vorschrift handeln sollte,
55
Die Welt ein Uhrwerk wird, von fremdem Trieb beseelt,
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Und keine Tugend bleibt, wo Macht zum Laster fehlt.
57
Gott wollte, daß wir ihn aus Kenntniß sollten lieben
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Und nicht aus blinder Kraft von ungewählten Trieben;
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Er gönnte dem Geschöpf den unschätzbaren Ruhm,
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Aus Wahl ihm hold zu sein und nicht als Eigenthum.
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Der Thaten Unterscheid wird durch den Zwang gehoben:
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Wir loben Gott nicht mehr, wann er uns zwingt zu loben;
63
Gerechtigkeit und Huld, der Gottheit Arme, ruhn,
64
So bald Gott alles würkt, und wir nichts selber thun.
65
Drum überließ auch Gott die Geister ihrem Willen
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Und dem Zusammenhang, woraus die Thaten quillen.
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Doch so, daß seine Hand der Welten Steur behielt,
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Und der Natur ihr Rad muß stehn, wann er befiehlt.

69
So kamen in die Welt die neu-erschaffnen Geister,
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Vollkommenes Geschöpf von dem vollkommnen Meister
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In ihnen war noch nichts, das nicht zum guten trieb,
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Kein Zug, der an die Stirn nicht ihren Ursprung schrieb;
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Ein jedes einzle war in seiner Art vollkommen.
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Dem war wohl mehr verliehn, doch jenem nichts benommen.

75
Der einen Wesen ward vom irdischen befreit,
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Sie blieben näher Gott an Art und Herrlichkeit.
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Euch kennt kein Sterblicher, ihr himmlischen Naturen!
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Von eurer Trefflichkeit sind in uns wenig Spuren;
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Nur dieses wissen wir, daß, über uns erhöht,
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Ihr auf dem ersten Platz der Reih der Wesen steht.
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Vielleicht empfangen wir, bei trüber Dämmrung Klarheit,
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Nur durch fünf Oeffnungen den schwachen Strahl der Wahrheit;
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Da ihr, bei vollem Tag, das heitere Gemüth
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Durch tausend Pforten füllt und alles an euch sieht;
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Daß, wie das Licht für uns erst wird mit unsren Augen,
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Ihr tausend Wesen kennt, die wir zu sehn nicht taugen;
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Und wie sich unser Aug am Kleid der Dinge stößt,
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Vor eurem scharfen Blick sich die Natur entblößt.
89
Vielleicht findt auch bei uns der Eindruck der Begriffe
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Im allzuseichten Sinn nicht gnug Gehalt und Tiefe,
91
Da bei euch alles haft und, sicher vor der Zeit,
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Sich die lebhafte Spur, so oft ihr wünscht, verneut.
93
Vielleicht, wie unser Geist, gesperrt in enge Schranken,
94
Nicht Platz genug enthält zugleich für zwei Gedanken,
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In euch der offne Sinn des vielen fähig ist,
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Und den zu breiten Raum kein einzler Eindruck misst.
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Doch unser wissen ist hierüber nur vermuthen,
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Genug der Engel Sinn war ausgerüft zum guten,
99
Ihr Trieb zur Tugend war so stark als ihr Verstand,
100
Sie sehnten sich nach Gott, als ihrem Vaterland,
101
Und ewiglich bemüht mit loben und verehren
102
War all ihr Wunsch, ihr Licht zu Gottes Ruhm zu mehren.

103
Fern unter ihnen hat das sterbliche Geschlecht,
104
Im Himmel und im nichts, sein doppelt Bürgerrecht.
105
Aus ungleich festem Stoff hat Gott es auserlesen,
106
Halb zu der Ewigkeit, halb aber zum verwesen:
107
Zweideutig Mittelding von Engeln und von Vieh,
108
Es überlebt sich selbst, es stirbt und stirbet nie.

109
Auch wir, ach! waren gut: der Welt beglückte Jugend
110
Sah nichts, so weit sie war, als Seligkeit und Tugend;
111
Auch in uns prägte Gott sein majestätisch Bild,
112
Er schuf uns etwas mehr, als Herren vom Gewild.
113
Er legte tief in uns zwei unterschiedne Triebe,
114
Die Liebe für sich selbst und seines Nächsten Liebe.

115
Die eine niedriger, doch damals ohne Schuld,
116
Ist der fruchtbare Quell von Arbeit und Geduld:
117
Sie schwingt den Geist empor, sie lehrt die Ehre kennen,
118
Sie flammt das Feuer an, womit die Helden brennen,
119
Und führt im steilen Pfad, wo Tugend Dornen streut,
120
Den Welt-vergessnen Sinn nach der Vollkommenheit.
121
Sie wacht für unser Heil, sie lindert unsern Kummer,
122
Versöhnt uns mit uns selbst und stört des Trägen Schlummer;
123
Sie zeiget uns, wie heut für morgen sorgen muß,
124
Und speiset ferne Noth mit altem Ueberfluß.
125
Sie dämpft des Kühnen Wuth, sie waffnet den Verzagten;
126
Sie macht das Leben werth im Auge des Geplagten;
127
Sie sucht im rauhen Feld des Hungers Gegengift;
128
Sie kleidet Nackende vom Raub der fetten Trift;
129
Sie bahnete das Meer zur Beihülf unsres reisens,
130
Sie fand des Feuers Quell im Zweikampf Stein und Eisens;
131
Sie grub ein Erzt hervor, das alle Thiere zwung;
132
Sie kocht aus einem Kraut der Schmerzen Leichterung;
133
Sie spähte der Natur verborgne Eigenschaften;
134
Sie waffnete den Sinn mit Kunst und Wissenschaften.
135
O daß sie doch so oft, vor zartem Eifer blind,
136
In eingebildtem Glück ein wirklich Elend findt!

137
Viel edler ist der Trieb, der uns für andre rühret,
138
Vom Himmel kömmt sein Brand, der keinen Rauch gebieret;
139
Von seinem Ebenbild, das Gott den Menschen gab,
140
Drückt deutlicher kein Zug sein hohes Urbild ab.
141
Sie, diese Liebe, war der Menschen erste Kette,
142
Sie macht uns bürgerlich und sammelt uns in Städte,
143
Sie öffnet unser Herz beim Anblick fremder Noth,
144
Sie theilt mit Dürftigen ein gern gemisset Brot
145
Und würkt in uns die Lust, vom Titus oft verlanget,
146
Wann ein verwandt Geschöpf von uns sein Glück empfanget.
147
Die Freundschaft stammt von ihr, der Herzen süße Kost,
148
Die Gott, in so viel Noth, uns gab zum letzten Trost;
149
Sie steckt die Fackeln an, bei deren holdem scheinen
150
Zu beider Seligkeit zwei Seelen sich vereinen;
151
Das innige Gefühl, der Herzen erste Schuld,
152
Ist ein besondrer Zug der allgemeinen Huld.
153
Sie ist, was tief in uns für unsre Kinder lodert,
154
Sie macht die Müh zur Lust, die ihre Schwachheit fodert,
155
Sie ist des Blutes Ruf, der für die Kleinen fleht
156
Und unser innerstes, so bald er spricht, umdreht.
157
Ja auch dem Himmel zu gehn ihre reinen Flammen,
158
Sie leiten uns zu Gott, aus dessen Huld sie stammen,
159
Ihr Trieb zieht ewiglich dem liebenswürdgen zu
160
Und findt erst im Besitz des höchsten Gutes Ruh.

161
Noch weiter wollte Gott für unsre Schwachheit sorgen:
162
Ein wachsames Gefühl liegt in uns selbst verborgen,
163
Das nie dem Uebel schweigt und immer leicht versehrt,
164
Zur Rache seiner Noth den ganzen Leib empört.
165
Im zärtlichen Gebäu von wunderkleinen Schläuchen,
166
Die jedem Theil von uns die Kraft und Nahrung reichen,
167
Bräch alles Uebermaaß den schwachen Faden ab,
168
Und die Gesundheit selbst führt unvermerkt zum Grab.
169
Allein im weichen Mark der zarten Lebens-Sehnen
170
Wohnt ein geheimer Reiz, der, zwar ein Brunn der Thränen,
171
Doch auch des Lebens ist, der wider einen Feind,
172
Der sonst wohl unerkannt uns auszuhölen meint,
173
Uns zwingt zum Widerstand; er schließt die regen Nerven
174
Vor Frost und Salze zu, verflößet alle Schärfen
175
Durch Zufluß süßen Safts und kühlt gesalznes Blut
176
Durch Zwang vom heißen Durst, mit Strömen dünner Flut.
177
In allen Arten Noth, die unsre Glieder fäulet,
178
Ist Schmerz der bittre Trank, womit der Leib sich heilet.

179
Weit nöthiger liegt noch, im innersten von uns,
180
Der Werke Richterin, der Probstein unsers thuns:
181
Vom Himmel stammt ihr Recht; er hat in dem Gewissen
182
Die Pflichten der Natur den Menschen vorgerissen;
183
Er grub mit Flammenschrift in uns des Lasters Scheu
184
Und ihren Nachgeschmack, die bittre Kost der Reu.
185
Ein Geist, wo Sünde herrscht, ist ewig ohne Frieden,
186
Sie macht uns selbst zur Höll und wird doch nicht gemieden!

187
Versehn zu Sturm und See, in allem wohl bestellt,
188
Betraten wir nunmehr das weite Meer der Welt.
189
Die Werkzeug unsers Glücks sind allen gleich gemessen,
190
Jedweder hat sein Pfund, und niemand ist vergessen.
191
Zwar in der Seele selbst herrscht Maaß und Unterscheid,
192
Das Glück der Sterblichen will die Verschiedenheit;
193
Die Ordnung der Natur zeugt minder Gold als Eisen,
194
Der Staaten schlechtester ist der von eitel Weisen;
195
Der eingetheilte Witz ist nirgend unfruchtbar,
196
Und jeder füllt den Ort, der für ihn ledig war.
197
Dort würkt ein hoher Geist, betrogen vom Geschicke,
198
Nur um sich selbst besorgt, an seines Landes Glücke;
199
Wann hier ein niedrer Sinn, mit Schweiß und Brot vergnügt,
200
Des Großen Unterhalt im heißen Feld erpflügt.
201
Hier sucht ein weiser Mann, bei Nacht und stillem Oele,
202
Des Körpers innre Kraft, das Wesen seiner Seele;
203
Wann dort mit schwächrem Licht, gleich nützlich in der That,
204
Ein Weib sein Haus beherrscht und Kinder zieht dem Staat.

205
Doch nur im Zierat herrscht der Unterscheid der Gaben,
206
Was jedem nöthig ist, muß auch ein jeder haben;
207
Kein Mensch verwildert so, dem eingebornes Licht
208
Nicht, wann er sich vergeht, sein erstes Urtheil spricht.
209
Die Kraft von Blut und Recht erkennen die Huronen,
210
Die dort an Mitschigans beschneiten Ufern wohnen,
211
Und unterm braunen Süd fühlt auch der Hottentott
212
Die allgemeine Pflicht und der Natur Gebot.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Albrecht von Haller
(17081777)

* 16.10.1708 in Bern, † 12.12.1777 in Bern

männlich, geb. von Haller

Schweizer Mediziner und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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