Erstes Buch

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Albrecht von Haller: Erstes Buch (1734)

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Auf jenen stillen Höhen,
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Woraus ein milder Strom von stäten Quellen rinnt,
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Bewog mich einst ein sanfter Abend-Wind,
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In einem Busche still zu stehen.
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Zu meinen Füßen lag ein ausgedehntes Land,
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Durch seine eigne Größ umgränzet,
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Worauf das Aug kein Ende fand,
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Als wo Jurassus es mit blauen Schatten kränzet.
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Die Hügel decken grüne Wälder,
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Wodurch der falbe Schein der Felder
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Mit angenehmem Glanze bricht;
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Dort schlängelt sich durchs Land, in unterbrochnen Stellen,
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Der reinen Aare wallend Licht;
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Hier lieget Nüchtlands Haupt in Fried und Zuversicht
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In seinen nie erstiegnen Wällen.
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So weit das Auge reicht, herrscht Ruh und Ueberfluß;
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Selbst unterm braunen Stroh bemooster Bauren-Hütten
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Wird Freiheit hier gelitten
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Und nach der Müh Genuß.
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Mit Schaafen wimmelt dort die Erde,
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Davon der bunte Schwarm in Eile frisst und bleckt,
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Wann dort der Rinder schwere Heerde
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Sich auf den weichen Rasen streckt
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Und den geblümten Klee im kauen doppelt schmeckt
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Dort springt ein freies Pferd, mit Sorgen-losem Sinn,
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Durch neu-bewachsne Felder hin,
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Woran es oft gepflüget,
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Und jener Wald, wen lässt er unvergnüget?
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Wo dort im rothen Glanz halb nackte Buchen glühn
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Und hier der Tannen fettes Grün
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Das bleiche Moos beschattet;
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Wo mancher heller Strahl auf seine Dunkelheit
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Ein zitternd Licht durch rege Stellen streut
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Und in verschiedner Dichtigkeit
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Sich grüne Nacht mit güldnem Tage gattet.
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Wie angenehm ist doch der Büsche Stille,
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Wie angenehm ihr Widerhall,
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Wann sich ein Heer glückseliger Geschöpfe
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In Ruh und unbesorgter Fülle,
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Vereint in einen Freudenschall!
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Und jenes Baches Fall,
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Der schlängelnd durch den grünen Rasen
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Die schwachen Wellen murmelnd treibt
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Und plötzlich, aufgelöst in Schnee- und Perlen-Blasen,
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Durch gähe Felsen rauschend stäubt!
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Auf jenem Teiche schwimmt der Sonne funkelnd Bild
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Gleich einem diamantnen Schild,
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Da dort das Urbild selbst vor irdischem Gesichte
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In einem Strahlen-Meer sein flammend Haupt versteckt
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Und, unsichtbar vor vielem Lichte,
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Mit seinem Glanz sich deckt.
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Dort streckt das Wetterhorn den nie beflognen Gipfel
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Durch einen dünnen Wolken-Kranz;
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Bestrahlt mit rosenfarbem Glanz,
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Beschämt sein graues Haupt, das Schnee und Purpur schmücken,
56
Gemeiner Berge blauen Rücken.
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Ja, alles was ich seh, des Himmels tiefe Höhen,
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In deren lichtem Blau die Erde grundlos schwimmt;
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Die in der Luft erhabnen weißen Seen,
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Worauf durchsichtigs Gold und flüchtigs Silber glimmt;
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Ja, alles, was ich seh, sind Gaben vom Geschicke!
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Die Welt ist selbst gemacht zu ihrer Bürger Glücke,
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Ein allgemeines Wohl beseelet die Natur,
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Und alles trägt des höchsten Gutes Spur!

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Ich sann in sanfter Ruh dem holden Vorwurf nach,
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Bis daß die Dämmerung des Himmels Farben brach,
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Die Ruh der Einsamkeit, die Mutter der Erfindung,
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Hielt der Begriffe Reih in schließender Verbindung,
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Und nach und nach verknüpft kam mein verwirrter Sinn,
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Uneinig mit sich selbst, zu diesen Worten hin:

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Und dieses ist die Welt, worüber Weise klagen,
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Die man zum Kerker macht, worin sich Thoren plagen!
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Wo mancher Mandewil des guten Merkmal misst,
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Die Thaten Bosheit würkt und fühlen leiden ist.
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Wie wird mir? Mich durchläuft ein Ausguß kalter Schrecken,
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Der Schauplatz unsrer Noth beginnt sich aufzudecken,
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Ich seh die innre Welt, sie ist der Hölle gleich:
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Wo Qual und Laster herrscht, ist da wohl Gottes Reich?
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Hier eilt ein schwach Geschlecht, mit immer vollem Herzen
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Von eingebildter Ruh, und allzu wahrem Schmerzen,
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Wo nagende Begier und falsche Hoffnung wallt,
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Zur ernsten Ewigkeit; im kurzen Aufenthalt
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Des nimmer ruhigen und nie gefühlten Lebens
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Schnappt ihr betrogner Geist nach ächtem Gut vergebens.
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So wie ein fetter Dunst, der aus dem Sumpfe steigt,
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Dem irren Wandersmann sich zum verführen zeigt:
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So lockt ein flüchtig Wohl, das Wahn und Sehnsucht färben,
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Von Weh zu größerm Weh, vom Kummer zum Verderben.
89
Nie mit sich selbst vergnügt sucht jeder außenher
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Die Ruh, die niemand ihm verschaffen kann, als er;
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Sucht er in Arbeit Ruh und Leichterung in Bürden;
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Umsonst hält die Vernunft das schwache Steuer an,
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Der Lüste wilde See spielt mit dem leichten Kahn,
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Bis der auf seichtem Sand und jener an den Klippen
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Ein untreu Ufer deckt mit trocknenden Gerippen.
96
Wer ists, der einen Tag von tausenden erlebt,
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Den nicht in seine Brust die Reu mit Feuer gräbt?
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Wo ist in seltnem Stern ein Seliger geboren,
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Bei dem der Schmerz sein Recht auf einen Tag verloren?
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Was hilfts, daß Gott die Welt aufs angenehmste schmückt,
101
Wann ein verdeckter Feind uns den Genuß entrückt?
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Aus unserm Herzen fließt des Unmuths bittre Quelle;
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Ein unzufriedner Sinn führt bei sich seine Hölle.
104
Noch selig, wäre noch der Tage kurze Zahl
105
Für uns zugleich das Maaß des Lebens und der Qual!
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Ach, Gott und die Vernunft giebt Gründe größrer Schrecken,
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Vor jenem Leben kann kein Grabstein uns bedecken.
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Nachdem der matte Geist die Jahre seiner Acht,
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Verbannt in einen Leib, mit Elend zugebracht,
110
Schlägt über ihm die Noth mit voller Wuth zusammen,
111
Verzweiflung brennt in ihm mit nie geschwächten Flammen,
112
Und die Unsterblichkeit, das Vorrecht seiner Art,
113
Wird ihm zum Henker-Trank, der ihn zur Marter spart;
114
Im Haß mit seinem Gott, mit sich selbst ohne Frieden,
115
Von allem, was er liebt, auf immer abgeschieden,
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Gepresst von naher Qual, geschreckt von ferner Noth,
117
Verflucht er ewig sich und hoffet keinen Tod.

118
Elende Sterbliche! zur Pein erschaffne Wesen!
119
O daß Gott aus dem nichts zum sein euch auserlesen,
120
O daß der wüste Stoff einsamer Ewigkeit
121
Noch läg im öden Schlund der alten Dunkelheit!
122
Erbarmens voller Gott! in einer dunkeln Stille
123
Regiert der Welten Kreis dein unerforschter Wille,
124
Dein Rathschluß ist zu hoch, sein Siegel ist zu fest,
125
Er liegt verwahrt in dir, wer hat ihn aufgelöst?
126
Dieß weiß ich nur von dir, dein Wesen selbst ist Güte,
127
Von Gnad und Langmuth wallt dein liebendes Gemüthe;
128
Du Sonne wirfest ja, mit gleichem Vater-Sinn,
129
Den holden Lebens-Strahl auf alle Wesen hin!
130
O Vater! Rach und Haß sind fern von deinem Herzen,
131
Du hast nicht Lust an Qual, noch Freud an unsern Schmerzen,
132
Du schufest nicht aus Zorn, die Güte war der Grund,
133
Weswegen eine Welt vor nichts den Vorzug fund!
134
Du warest nicht allein, dem du Vergnügen gönntest,
135
Du hießest Wesen sein, die du beglücken könntest,
136
Und deine Seligkeit, die aus dir selber fließt,
137
Schien dir noch seliger, so bald sie sich ergießt.
138
Wie daß, o Heiliger! du dann die Welt erwählet,
139
Die ewig sündiget und ewig wird gequälet?
140
War kein vollkommner Riß im göttlichen Begriff,
141
Dem der Geschöpfe Glück nicht auch entgegen lief?

142
Doch wo gerath ich hin? wo werd ich hingerissen?
143
Gott fodert ja von uns zu thun und nicht zu wissen!
144
Sein Will ist uns bekannt, er heißt die Laster fliehn
145
Und nicht, warum sie sind, vergebens sich bemühn.
146
Indessen, wann ein Geist, der Gottes Wesen schändet,
147
Die Einfalt, die ihm traut, mit falschem Licht verblendet
148
Und aus der Oberhand des Lasters und der Pein
149
Lehrt schließen, wie die Welt, so muß der Schöpfer sein,
150
Soll Manes im Triumph Gott und die Wahrheit führen?
151
Soll Gott verläumdet sein und uns kein Eifer rühren?
152
Ist stummer Glauben gnug, wann Irrthum kämpft mit Witz,
153
Und ihm zu widerstehn erwarten wir den Blitz?
154
Nein, also hat sich noch die Wahrheit nicht verdunkelt,
155
Daß nicht ihr reiner Strahl durch Dampf und Nebel funkelt;
156
So schwach ihr Glanz auch ist, kein Irrwisch bleibt vor ihr,
157
Ihr stammeln hat mehr Kraft als aller Lügen Zier.

158
O daß die Wahrheit selbst von ihrem Licht mir schenkte!
159
Daß dieses Himmels-Kind den Kiel mir selber lenkte!
160
Daß ihr sieghafter Schall, der durch die Herzen dringt,
161
Beseelte, was mein Mund ihr jetzt zu Ehren singt!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Albrecht von Haller
(17081777)

* 16.10.1708 in Bern, † 12.12.1777 in Bern

männlich, geb. von Haller

Schweizer Mediziner und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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