O Vorwurf, der so hoch, als fürchterlich

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Barthold Heinrich Brockes: O Vorwurf, der so hoch, als fürchterlich Titel entspricht 1. Vers(1713)

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O Vorwurf, der so hoch, als fürchterlich,
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Deß Unermeßlichkeit das Hertz mit Schrecken rühret,
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O Abgrund, den kein Mensch begreift, in welchem sich
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Mein gantz verwirrter Geist verlieret;
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Mit welchen Farben mahl' ich dich!

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Du tiefes Meer der Zeiten, die vergehen;
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Aus dir kommt jedes Jahr, das wieder in dich fällt,
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Du künftigs Grab von unsrer Welt,
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Du Quell, woraus dereinst die künft'gen Welt' entstehen!

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Entstehn, sich enden, sterben, leben,
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Verweilen, folgen, Aufschub geben,
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Sind Wörter, die bey dir nichts heissen und nichts seyn,
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Die Folge der Natur, die Zeiten, so verschwunden,
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Versencken, samt den künft'gen Stunden,
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Ihr kurtzes Seyn in dich, als einen Punct, hinein.

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Ihr Stunden, Tag', ihr Wochen, Monden, Jahr',
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Fort, häuft euch auf einander auf!
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Eilt, fliegt, erfüllet euren Lauf!
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Erschreckt uns durch die Zahl der ungezählten Schaar.

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Welch ein gewaltigs Heer! Vergebens sucht das Dencken
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Der tiefen Algebra darein sich zu versencken.
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Allein, was seyd ihr doch bey der Unendlichkeit,
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Aus welcher ihr gebohren seyd?
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Ihr seyd nicht einst geschickt, sie anzufangen.

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Die Thaten, wovon itzt so viele melden,
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Der edlen Geister Frucht, versincken samt den Helden
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In eine finstre Nacht.
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Viel tausend herrliche, vortreffliche Gedancken
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Versencken sich mit dem, der sie gedacht,
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In seines Sarges enge Schrancken.
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Die Unvergänglichkeit, mit welcher ihre Seelen
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Sich, voll von eitlem Stoltz, vermählen,
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Ist bey der Ewigkeit ein kleines Bächlein nur,
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Von dessen Kriechen man im Grase kaum die Spur
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Gewahr wird, und das sich im Ocean verlieret,
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Wohin sein Lauf es führet.

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Ihr festen Ehren-Mahl', ihr stoltzen Mausoleen,
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Umsonst sucht euer Grund von Ertz und Marmor-Stein
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Bey Völckern, die annoch von uns entfernet seyn,
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Den Ruhm, nein mehr den Hochmuths-Tand,
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Von Rom und Griechen-Land
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Zu übertragen, zu erhöhen;
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Ihr werdet alle schnell, dem Schatten gleich, vergehen.
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Die Ewigkeit in ihrer düstern Nacht,
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In welcher sie aus tausend Dingen,
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Die allbereit dahin sind und vergingen,
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Ein traurig wüstes Chaos macht,
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Vermischt, was niemahls war, mit dem, was nicht mehr ist.

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Wie, daß du denn, mein Hertz, so voller Schwachheit bist,
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Und übergiebst dich selbst der schwartzen Traurigkeit!
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Warum willt du so sehr den Gift und Grimm
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Verläumderischer Zungen scheun?
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Folg' immer unbewegt der ernsten Weisheit Stimm'!

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Veracht' ein augenblicklich Leid!
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Durchdringe von der künft'gen Zeit
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Die grause Dunckelheit,
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Und suche das, was wahr, darin zu lesen!
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Vergleich die Dauer deiner Pein
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Mit der Unendlichkeit,
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Und gläube fest, daß das, so endlich, nie gewesen!

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Mir edler Festigkeit bewaffne deinen Muth
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Die Hoffnung zu dem höchsten Gut;
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So wirst du bald, von hinnen weggenommen,
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In unverwelcklicher Unsterblichkeit
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Der seeligsten Vollkommenheit,
66
Dein wahres Wesen überkommen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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