So gar auf einem öden Lande

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Barthold Heinrich Brockes: So gar auf einem öden Lande Titel entspricht 1. Vers(1713)

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So gar auf einem öden Lande,
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Wo weder Baum, noch Strauch, noch Gras,
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Selbst in dem unfruchtbaren Sande
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Find't ein betrachtend Auge was,
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In diesem schönen Welt-Gebäude,
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Zu GOTTES Ehr' und eigner Freude.

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Auf! lasset uns denn weiter gehn,
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Und GOTT zum Ruhm was sehn, auch wenn wir nichts fast sehn!
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Die Sandes-Körper selbst und Theilchen unsrer Erden,
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Sind ebenfalls ja wircklich Creaturen,
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Worin, wenn wir den Geist mit unserm Blick verbinden,
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Wir mancherley Vergnügen finden,
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Da, wenn sonst nichts zu sehn, doch allerley Figuren
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Von eingedruckten Spuren
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Im dürren Sande ja gefunden werden.

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In kleinen Tiefen, kleinen Höh'n,
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Kann ein aufmercksam Hertz so Licht, als Schatten, seh'n.
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Man trifft, wenn man so gar allein,
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Daß weder Laub, noch Kraut, noch Bäume bey uns seyn,
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Dennoch Veränderung nicht ohn' Vergnügen an,
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Wie jeder, der es recht betrachtet, finden kann.

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Es kommet jedes Sand-Korn mir
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Als wie ein kleines Glied
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Der allgemeinen Mutter für.
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Von unsrer Welt ist es ein wircklich Theilchen mit.
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Die Kleinheit, Festigkeit, die Klarheit, Glätt' und Ründe,
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Die ich in manchem Sand-Korn finde,
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Wodurch sie sich nicht gantz verbinden können,
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Und eben dadurch allem Saft
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Vom Regen oder Thau, zu der Gewächse Kraft,
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Den Aufenthalt und Durchgang gönnen,
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Ist ja Bewunderns-werth. Noch mehr, da sie vereint,
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Und doch nicht gantz, (indem sie sonst versteint,)
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So können sie den Pflantzen nützen,
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Den Wurtzeln Raum, sich auszubreiten, geben,
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Auch, wenn dieselbigen sich aufwärts heben,
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Dieselben so viel besser stützen.

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Ich nahm hierauf ein Häuflein Sand,
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Betrachtet' es genau, und fand
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Den Unterschied, daß er nicht mancherley,
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Nein, in der That unzählig sey.
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Ich konnte tausend Form- und Ecken
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Auch an dem kleinsten Sand entdecken.
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Theils sind die Körner lang, theils rund, theils groß, theils klein,
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Theils schwartz, theils braun, theils gelb, theils grau,
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Theils röthlich, weißlich theils, theils blau,
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Es sind die meisten dicht und dunckel, viele helle,
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Durchsichtig, gläntzend, rein.
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Ich wurd' auf mancher Stelle
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Verschiedener, die, wie Krystall so klar,
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Mit Lust und mit Verwunderung gewahr.

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Indem ich nun die Kleinheit übersehe,
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Und alles dieses überlege;
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Erstaun' ich, wenn ich recht erwege,
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Daß alle Grösse dieser Welt,
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Ja selbst die Welt aus Kleinigkeiten nur,
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Wie groß sie uns auch scheint und wircklich ist, bestehe.
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Es fiel mir ferner bey,
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Wie Kleinigkeiten fast in allen Sachen
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Besondere Veränderungen machen.
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Was ist die schöne Kunst der edlen Mahlerey,
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Die guten Theils aus Farben nur bestehet,
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Und diese wiederum aus Sand und Erden?
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Wodurch jedoch die schönsten Bilder werden.
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Denn das, was unser Aug' erfrischt
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Auf solche wundersame Art,
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Ist bloß ein wenig Sand mit Oel gemischt,
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Ist so unglaublich dünn und zart,
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Daß, wenn man es vom Tuche trennen wollte,
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Man es für cörperlich kaum halten sollte.

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Noch mehr, wie wunderbar
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Erhellt im Sande Gottes Macht,
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Der alles nicht allein aus Nichts hervor gebracht;
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Der auch so gar
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Durch solche Kleinigkeit das allergrößte zwinget,
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Indem Er, durch so kleinen Sand,
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Die ungeheure Fluthen-Last
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So wunderbarlich eingefasst,
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Daß aller Wellen Wuth nicht durch ihn dringet.
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Hiemit stimmt alles überein,
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Daß, wir für uns das allerkleinste groß,
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Also für GOTT das allergrößte klein,
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Daher denn David auch recht unvergleichlich schloß:

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Wie das Zünglein an der Wage, so ist, Herr, vor Dir die Welt;
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Wie der Tropfen aus dem Eimer, welcher auf die Erde fällt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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