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Nachdem ich bey dem Kern und Auszug kluger Geister,
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Dem Welt-bekannten Burgermeister,
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Dem theuren Anderson, jüngst Dessen grossen Schatz,
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Von tausend Wundern sah; und tausend Seltenheiten,
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Womit Sein Haus erfüllt, recht als ein Sammel-Platz-
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Von dem, was sonst in den verborg'nen Gründen
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Der Erden und der See zu finden,
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(von deren Ordnung, Meng' und Trefflichkeiten
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Ich künftig mehr zu melden Willens bin)
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Bewundernd angeschaut, mit fast erstauntem Sinn,
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Und bald darauf daselbst, von einer fremden Hand,
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Ein Wunderwerck der Kunst in raren Rissen fand;
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Bin ich bey dem, was ich gesehn, gehört, gelesen,
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Mehr als vergnügt, mehr als erstaunt, gewesen.
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Berühmter Obrist Lieutenant,
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Versuchter Loose du, der an Geschicklichkeit,
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An Tapferkeit, Erfahrung und Verstand,
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Zumahl im Festungs-Bau, der Erd-meß-Zeichnungs-Kunst,
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Absonderlich an weit entfernten Reisen,
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Die du durch Ottomans und Deines Königs Gunst,
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Im Orient gethan, wie Deine Risse weisen,
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Nicht Deines gleichen kennst; was hast Du uns gezeigt!
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Wir haben was gesehn, so alles übersteigt,
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Was Hamburg sonst erblickt.
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Des grauen Alterthums vorlängst verschwund'ne Zeiten,
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So die Vergessenheit schon lange weggerückt,
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Verjünget Deine Kunst, Du stellst an Seltenheiten,
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Was gleichsam schon zu nichts geworden war,
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Aus Moder, Asch und Graus uns auf das Neue dar.
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Du zeigest uns nicht nur
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Die Lage, die Gestalt der Länder und der Erden
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Aufs allerrichtigste; Du zeigest uns zugleich,
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Die Wunder, so durch Menschen Witz und Stärcke
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Vor dem gewesen sind, und noch gefunden werden.
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Da wir, durch Deine Kunst, hier das vor Augen haben,
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Was so viel Secula, was so viel Sand begraben.
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Denn nichts, als eine Last von Steinen
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Fehlt Deinem Zauberwerck; Erfindung, Ordonantz,
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Der Maasse Richtigkeit,
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Worinnen die Vollkommenheit
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Und Herrlichkeit der Kunst bestehen,
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Sind hier, in Deinem Riß, aufs deutlichste zu sehen.
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Es zeigt uns Deine kluge Hand
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Aegypten, das gelobte Land,
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Colossen, Gräber, Mausoleen,
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Gewes'ne Tempel, jetzt Moscheen,
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Palmyra, dessen Rest mich ungemein ergötzt,
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Und mich zugleich in Furcht und in Erstaunen setzt,
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Deß ungezählter Säulen Menge,
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Zerbrochner Uber-Rest, ein wunderbar Gepränge
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Noch in dem Staube zeigt. Die unterbrochnen Gänge,
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Die nicht zu zählen sind, die kommen mir
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Als lauter Grotten-Wercke für:
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In welcher Nettigkeit und Moder, Lust und Grausen,
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Verachtung, Majestät, erbärmlich-schön,
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Vermischt, verwirrt, vereint zu sehn;
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Wo Barbaren und Kunst verknüpft zusammen hausen.
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Ich habe drauf die gantze Nacht
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Mit tausend Träumen zugebracht.
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Itzt da ich meinen Sinn auf das Vergang'ne lencke,
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Und, was ich gestern sah, noch einmahl überdencke,
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Die Wunder der Natur, das Wunder-Werck der Kunst;
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Erhebet sich in mir ein trüber Schwermuths-Dunst,
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Benebelt mein Gehirn, wird der erstaunten Geister
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In einem Augenblick Tyrann und Ober-Meister:
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Ein kalter Schauder presst und ängstet Hertz und Sinn,
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Und meine Seele selbst empfand ein schüchtern Grauen,
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So viele Wunder-Werck' im Staub und Graus zu schauen.
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Welch ein fataler Fall, welch schreckliches Exempel!
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Der köstlich-prächtige Sophien Tempel,
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Ein Wunder-Werck der neuen Zeit,
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An Heiligkeit, an Pracht, an Kunst und Kostbarkeit,
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Von Türck'schen Seufzern dampft und dünstet der Altar,
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Der ehemahls den Christen heilig war.
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Erschrecklich-strenge Macht der räuberischen Zeit!
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Was lässet uns dein Grimm für wilde Proben sehen!
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Von welcher grausen Kostbarkeit
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Sind deine gräßliche Tropheen!
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Sie hauchen wirklich noch aus Schutt und Graus
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So Majestät als Ehrfurcht aus.
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Von ihrem Uber-Rest prägt ein bemooster Stein
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Zugleich Ertsaunen, Gram, Verwund'rung, Mitleid ein.
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Ja eine Lehre selbst find' ich daran geschrieben,
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Die auch im Schutt und Graus selbst unversehrt geblieben,
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Ja die so gar in ihrem Sturtz und Fall
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Recht ausgedrückt, und überall
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Erst deutlich vorgestellt,
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Die jedem, der es liest, gleich in die Augen fällt:
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Der Menschen Werck ist, wie er selber, nichtig,
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Vergänglich, wandelbar und flüchtig.
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Ja, fiel mir ferner ein,
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Wer weis, ob dieß, was wir in ihnen lesen,
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Von ihrem eigentlichen Seyn,
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Ihr wahrer Endzweck nicht gewesen?
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Wer weis, ob GOTT sie nicht zum Fall erbauen lassen;
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Damit die Menschheit, recht die Eitelkeit zu fassen,
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Von der Vergänglichkeit ein unvergänglich Bild,
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Ein überzeugend Buch, mit Wahrheit angefüllt,
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Vor Augen haben möcht'? Und wenn ichs recht erwege,
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Und sonder Vorurtheil den Zustand überlege;
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So können uns die prächtigen Ruinen,
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Auf diese Art, zu mehr Erbauung dienen,
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Als ihre vor'ge Pracht.
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Man kann in ihrem Schutt mehr Trost und Lehre finden,
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Als wenn sie noch, wie vor, im Glantz und Schimmer stünden.
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Wo etwas auf der Welt geschickt, zu Gott zu leiten;
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So ist es dieß verworrne A.B.C.
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In welchem ich in deutlich-heller Klarheit,
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Auch in gebrochnen Lettern, seh,
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Die Lehre voller Licht und Wahrheit
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Von irdischen Vergänglichkeiten.