Als jüngst mein Kind (wiewohl GottLob doch ohn Gefahr)

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Barthold Heinrich Brockes: Als jüngst mein Kind (wiewohl GottLob doch ohn Gefahr) Titel entspricht 1. Vers(1713)

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Als jüngst mein Kind (wiewohl GottLob doch ohn Gefahr)
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Durch einen Fall, am Haupt verletzet war,
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So, daß der Wund-Artzt ihm ein' Oeffnung machen muste;
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Bekümmert' es sich nicht, weil von dem Schmertz,
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Der es betreffen sollt', sein unbesorgtes Hertz
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Nicht das geringste wuste.
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Der Schnitt geschahe denn: Drauf fing es zwar
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Den Augenblick erbärmlich an zu weinen;
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Allein es sahe kaum das Gold
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Von einer Zucker-Puppe scheinen,
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Als es auch schon getröstet war;
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Die Thränen waren eh, als noch das Blut, gestillt.

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Das schien mir nun ein Lehr-reich Bild.
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Denn erstlich folgt daraus der Schluß,
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Daß wir uns Kummer und Verdruß,
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Anstatt durch Dencken sie zu mindern und zu bessern,
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Durch Dencken nur noch mehren und vergrössern.
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Man zieht die Plagen und die Pein,
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Die noch entfernt und erst zukünftig seyn,
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Im Dencken schon voraus herbey.
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Die Phantasey ist stets beschäfftiget und fertig,
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Damit ein fernes Leid uns gegenwärtig
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Und, eh mans fühlet, fühlbar sey.

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Erweget denn, geliebte Menschen, doch,
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Wie glücklich wir in diesem Stande noch,
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Und wie wir Gott dafür von Hertzen dancken müssen,
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Daß Er, nach Seinem weisen Rath,
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Uns das, was noch nicht ist, verborgen hat,
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Und wir vom Künftigen nichts wissen!
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Die Wohlthat ist fürwahr weit grösser, als man meynet,
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Und herrlicher, als sie beym ersten Anblick scheinet.
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Denn wüsten wir ein künftigs Glück vorher;
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So würden wir in steter Unruh seyn:
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Ein jeder Augenblick
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Würd' uns ein Zag, ein Tag ein Jahr-lang, währen.
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Hingegen würd' ein künftigs Ungelück
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Uns mit stets gegenwärt'ger Pein,
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Durch eine schwartze Furcht, beschweren.
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Von meines Kindes Fall war dieß die erste Lehre.

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Die andre folget itzt: So wie das Kind die Schmertzen
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Durch einen Vorwurf, der ihm lieb,
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Aus seinem Hirn und Hertzen,
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Und folglich wirklich von sich, trieb;
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So möchten wir uns wohl mit aller Kraft
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Und allem Ernst dahin bemühen,
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Uns durch die eine Leidenschaft
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Der andern zu entziehen!

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Ach daß wir uns doch ändern möchten,
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Und wann es etwa wiedrig geht,
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Mit Ernst auf etwas anders dächten,
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Weil in Gedancken meist so Glück als Leid besteht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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