In Häusern findet man, zur Winters-Zeit

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Barthold Heinrich Brockes: In Häusern findet man, zur Winters-Zeit Titel entspricht 1. Vers(1713)

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In Häusern findet man, zur Winters-Zeit,
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Solch' eine wunderbar formirte Zierlichkeit,
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Die keiner tüchtig zu beschreiben,
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Wenn die gefrornen Fenster-Scheiben,
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Von tausend zierlich und schönen Creaturen,
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Uns tausend zierliche Figuren,
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In solcher zarten Nettigkeit,
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In solcher lieblichen Vollkommenheit,
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Die doch in dunckler Nacht gezeugt, früh uns zeigen.

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Man siehet in den kalten Zimmern
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Oft Thäler, Felsen-Brüch', erhab'ne Berge, Felder,
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Nebst ungezählten krausen Zweigen,
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Als wenn sie in Krystall geschnitten wären, schimmern.
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Man siehet Wolcken, Buschwerck, Wälder,
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So Tannen bald, Palm- und Eichen,
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An Baum-Schlag, Zweig- und Stämmen, gleichen:
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Von Bluhmen, Sternchen, Vögeln, Thieren,
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Von Feder-Büschen, Fliegen, Mücken,
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Sich mancherley Gestalt formiren,
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Ja sich zuweilen gar mit rechten Schlössern schmücken.

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Die Schlösser aus gefronem Duft,
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So man, im Frost, am Fenster schauet,
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Vergleichen sich den Schlössern in der Luft,
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Die mancher sich des Nachts auf seinem Lager bauet,
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Die nicht von läng'rer Daur, als eines Traumes Freude.
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Denn eh man sichs versieht, sind beyde schnell dahin,
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Die dort aus dem Gesicht, die hier aus unserm Sinn:
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Der Sonnen Strahl vereitelt alle beyde.

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Ein jedes Scheiben-Glas gleicht einer Schilderey,
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In einem glatten Rahm von Bley,
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So eine Winter-Landschaft zeiget:
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Ein jedes ist so schön, so wunder- schön geschmückt,
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Die Bilder so subtil und deutlich ausgedrückt,
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Daß es nicht nur das Aug' ergetzet,
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Das Hertz selbst in Vergnügung setzet,
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So gar, daß, wer es sieht und diese Pracht ermisst,
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Der strengsten Kälte selbst darüber gantz vergisst.
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Zumahl wenn an- und durch die klaren Spitzen
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Der Morgenröthe Strahlen blitzen,
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Und an dem weissen Eis' ihr lieblich röthlich Licht
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Auf tausend Arten sich im Wiederschlagen bricht;
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So schwüre man darauf, da es so schön durchstrahlet,
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Als wär ein jeder Strich, als wär' ein jedes Bild,
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Ein jegliches Gewächs, womit es angefüllt,
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Mit Diamntnem Staub entwofen und gemahlet.
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Allein, indem sie recht im höchsten Schimmer prangen,
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Sind sie vergangen.

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Seh' ich so manche schön- und zierliche Figur
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In einem Augenblick zerfliessen und verschwinden;
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So deucht mich, von der sich verwandelnden Natur,
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Als ihrem Urbild selbst, ein schreckend Bild zu finden.
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In der, hierdurch auch mich bedrohnenden, Gefahr
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Ist dieß mein Trost: Ich werde doch bestehen.
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Laß alles schwinden und vergehen;

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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