Wer jemals einen Strom voll Treib-Eis fliessen sehn

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Barthold Heinrich Brockes: Wer jemals einen Strom voll Treib-Eis fliessen sehn Titel entspricht 1. Vers(1713)

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Wer jemals einen Strom voll Treib-Eis fliessen sehn,
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Mit welch gewaltig streng und dennoch stillem Drange,
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In einem ungehemmt- und Wirbel-reichen Gange,
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Die Fluth die Schollen führt, der muß gestehn,
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Daß es den Augen Lust, dem Hertzen Schrecken,
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Zugleich vermögend zu erwecken,
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Indem es in der That
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Was Majestätisches, was gräßlich-schönes hat.

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Den Augen schwindelt recht, wenn sie ein flaches Feld,
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(wie es von weitem scheint) geborsten, sich bewegen,
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Die Erde nicht mehr ruhn, den Boden selbst sich regen,
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Und Felsen schwimmen sehn. Es reisst die Wasser-Welt,
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In schroffen, ungeformt- und ungeheuren Stücken.
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Selbst Berge mit sich fort. Ein wüstes, kaltes Grau
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Deckt Wasser, Land und Strand. Berödet, wild und rauh
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Ist alles, was man sieht. Der Sonne Strahlen schmücken
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Doch öfters manchen Ort,
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Da denn bald hier, bald dort,
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Zumahl an den versteinten Wellen,
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Manch schneller Blitz, manch heller Glantz erscheint,
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So daß man fast nicht anders meynt,
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Als wenn an unterschied'nen Stellen,
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Selbst in der kalten Fluth,
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Man eine bunte Gluht,
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Gefärbter Flammen funckeln, sähe.

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Dieß alles sah ich jüngst, und, wie ich in der Nähe
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Im strengen Fluß das Eis schnell vor mir überschiessen,
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Und eilend, dennoch sanft, beständig vor sich fliessen
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Und sich verlieren sah; kam mir
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»des Stroms nie stiller Zug und sanfte Strengigkeit,
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Recht, wie der streng' und stille Lauf der Zeit,
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Die Schollen, wie wir Menschen, für.«
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Wir werden durch die Fluth der Zeit dahin geführet,
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Und weil, das um uns ist, beständig mit uns geht;
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Wird die gewaltige Bewegung nicht gespühret,
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Ob gleich nicht einer stille steht.

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»gebrechlich ist das Eis; Wir auch. die Schollen werden
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Zu ihrem erstem Stoff, zu Wasser; wir zu Erden.
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Die wenigsten sind groß, die meisten klein;
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So geht es auch mit uns. Es werden von den Grossen
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Die Kleinen mitgeführt und fortgestossen;
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Ist dieß der Grossen Brauch
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Nicht bey den Menschen auch?«
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Wenn manche Stückchen Eis, vom Sonnen-Strahl geschmückt,
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Vor andern funckelten; so kommen mir
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Dieselbigen in ihrer Zier
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Als sloche Menschen für,
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Die in der Welt vor anderen beglückt.
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Es währet dieser, so wie jener Herrlichkeit,
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Nur eine kurtze Zeit,
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So bald sie sich ein wenig drehen,
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Sieht man den hellen Glantz den Augenblick vergehen.

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»verschiedene setzen sich zuammen, und formiren,
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Dem Ansehn nach, ein festes Land;
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Doch wird das scheinbar-sichre Band
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Die Festigkeit gar bald verlieren.«
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Mit diesen kömmt ein Regiment, ein Reich,
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Das aus so mancherley Gemüthern auch bestehet,
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Das auch, wie starck es scheint, doch öfters bald vergehet,
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In billigen Vergleich.

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»ich sah mit Lust viel kleine ruhig fliessen,
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So lange sie sich nicht mit andern stiessen.
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Wann aber das geschah;
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Erhob sich alsobald ein Wirbel in der Fluth,
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Ein fürchterlichs Gekrach,
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Daß ein Stück hier, das andre dorten, brach,
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Und beyde wurde von der Wuth
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Erzürnter Wellen umgeschwungen,
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Zuweilen auch wohl gar verschlungen.
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Hieraus nahm ich mir diese Lehre,
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Und dacht': Ach daß doch das auch uns ein Beyspiel wäre,
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Wie nichts so sehr, als Zanck und Streit,
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Die ruhige Zufriedenheit
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Auf dieser Welt vermind're!«
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Und alle Lust des Lebens hind're!
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Dagegen, wenn man mit der Zeit
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Und ihrem Strom gelassen fliesset,
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Man vielerley Vergnüglichkeit,
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Zu Gottes Ruhm, Der sie uns schenckt, geniesset.

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»noch ward ich einiger aufs neu gewahr,
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Die (von der Sonnen Glantz bestrahlet) heiter, klar,
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Und lieblich funckelten, in blauen, bald in grünen,
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Und bald in röthlichen, bald gelben, Flammen schienen.
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Ein jedes Stückchen Eis, ein jeder kleiner Hügel
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Schien recht ein klarer Sonnen-Spiegel,
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Der und bald hier, bald dort der Strahlen heitre Pracht,
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So sonst nicht sichtbar, sichtbar macht.

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Es prägte deren reiner Schein
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Recht tief sich den Gedancken ein,
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Und wünsch' ich, daß in meiner kurtzen Fahrt,
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Von aller Sonnen
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Ich auf dergleichen Art,
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Als wie ein Licht, dem Nächsten möge dienen!«

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Gib,
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Im Tugend-Glantze sanft vorüber fliessen möge,
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Und auf der nimmer stillen Reise
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Zum seel'gen Meer der Ewigkeit,
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Von aller Laster Ruß befreyt,
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In reinem Wiederschein des Schöpfers Allmacht weise!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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