Noch drücket ein versteinernd Eis

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Barthold Heinrich Brockes: Noch drücket ein versteinernd Eis Titel entspricht 1. Vers(1713)

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Noch drücket ein versteinernd Eis
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Die starre Fluth, die harten Felder;
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Es sind annoch bereift und weiß
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Die Wipfel der beschneiten Wälder;
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Den Himmel deckt annoch ein falbes Dunckel-Grau;
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Die Lüfte sind noch scharf und rauh,
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Und du, frühzeitigs Blühmchen, dringest
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Schon aus dem harten Staub' hervor?
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Ich, den du fast samt dir verjüngest,
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Bewundre deinen frühen Flor.
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Du kannst und willt nicht länger mehr verweilen;
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Man sieht dein zartes Laub und deine schöne Bluhme,
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Zu deines grossen Schöpfers Ruhme,
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Aus noch beeister Erden eilen.

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Ach daß dein starcke Trieb, zu Gottes Ehr',
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Auch mir ein reitzend Beyspiel wär'!
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Ach möchte doch dein Laub auch mir zur Folge dienen!
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Möcht' auch in mir ein reger Vorsatz grünen!
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Ach möcht' auch ich so früh auf Gott allein
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Der grünen Hoffnung Ancker gründen!
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So würd' auch ich den warmen Sonnen-Schein
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Von Seiner Gnade frühe finden!
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Dein holdes Himmel-blaues Kleid,
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Womit der Schöpfer dich so schön
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Mit solcher Pracht geschmückt, mit solcher Lieblichkeit,
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Erinnert, mich den Himmel anzusehn,
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Erinnert mich, den Sinn vom Ird'schen abzulencken,
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Und an des Himmels Herrn und Schöpfer zu gedencken.

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Die Sternen-förmige Figur,
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So ich an dein Bluhmen sehe,
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Die leitet mich noch ferner auf die Spur
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Zu jener hell-gestirnen Höhe.
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Dein lieblicher Geruch erfüllt mir Hirn und Brust
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Mit Balsam- dünstenden Vergnügungs-schwangern Geistern,
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Die, durch recht unverhoffte Lust,
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Sich fast der Seele selbst mit süsser Macht bemeistern,
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Als welche schier im Anmuths-Meer versincket,
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Wenn sie, recht wie berauscht durch des Geruches Kraft,
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Den säurlich-süssen zarten Saft
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Aus deiner frischen Blüht' Sapphirnen Kelchen trincket.
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Woraus, indem sie unterwärts gekehrt,
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Der trockne Saft sich stets ergiesset,
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Und, sonder, daß sie ausgeleert,
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Zu unsrer Lust beständig fliesset.
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Die allersüssesten Tockayer-Reben
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Vermögen nicht, dergleichen Kraft und Lust
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Dem dürren Gaum' und unsrer matten Brust,
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Durch ihren Nectar-Saft, zu geben,
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Als dein gewürtzter Dunst, mit Balsam angemischt,
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Mir mein benebelt Haupt erfrischt,
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Und mein Gemüthe lab't und träncket;
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So daß es sich entzückt zu deinem Schöpfer lencket,
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Dem Ursprung aller Lust, aus Dessen Lieb' und Kraft,
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Was herrlich ist, entspriesst; Der alles Schöne schafft.

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Ich wünsch', aus heissem Trieb' und froher Danckbarkeit,
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Daß ich auch so, wie du, verbringe meine Zeit;
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Daß, im Geruch der guten Wercke,
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Mein Nächster, Gott in mir, wie ich in dir, bemercke;
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Und er auch so durch mich, wie ich durch dich, gerührt,
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Sein nur von Gott erhalt'nes Leben
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Zu Dessen Ruhm mög' anzuwenden streben,
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Dem ewig Ruhm und Preis gebührt.

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Verblüh denn itzo nur, geliebtes Frühlings-Kind,
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Mit Zierde, Lehr' und Lust erfüllte Hyacinth,
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Und lege wiederum die zarte Schönheit nieder,
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Das Bild der irdischen Vergänglichkeit und Pracht;
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Verwelcke nur allmählig wieder;
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Du hast allhier, was du gesollt, vollbracht.
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Dein Zweck und deine Pflicht war, Gottes Macht zu zeigen,
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Du hast, da du so schön geblühet und gegrün't,
71
Auf Leitern der Natur zu Gott zu steigen,
72
Als eine Sprosse, mir gedient.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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