Ich sahe jüngst, mit fast erstauntem Blick

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Barthold Heinrich Brockes: Ich sahe jüngst, mit fast erstauntem Blick Titel entspricht 1. Vers(1713)

1
Ich sahe jüngst, mit fast erstauntem Blick,
2
Ein von Natur und Kunst vereintes Meisterstück,
3
Ein nie gebohren Fleisch, ein todtes Leben,
4
Dem die Zergliedrungs-Kunst so Farb' als Form gegeben.
5
Ein Wunder-Werck vom Wachs; wodurch der kleinen Welt,
6
Des Menschen Cörper, Fleisch, Blut, Adern, Muskeln, Sehnen,
7
Gehirn und Eingeweid' so künstlich vorgestellt,
8
So wunderbar formirt; daß es unfehlbar denen,
9
Die es, als Menschen, schauen,
10
Ein' holde Furcht erweckt, ein angenehmes Grauen.

11
Es leitete dieß Werck, voll Ehrfurcht, meinen Sinn
12
Auf dieses Kunst-Stücks Urblid hin:
13
Ich dacht' auf die Vollkommenheiten,
14
Womit Gott unsern Leib, in so vollkomm'nem Grad,
15
So wunderbarlich zu bereiten,
16
So wunderbar gewürdigt hat.

17
Viel hundert tausend Kleinigkeiten,
18
Woraus der Leib besteht, die ungezählte Menge
19
Der gantz mit Blut gefüllt-fast unsichtbaren Gänge
20
Verwirrten meinen Geist, erfüllten meine Brust
21
Mit einer frohen Angst, mit einer bangen Lust.
22
Ich sprach mit recht gerührter Seelen:

23
Der Lungen luftigs Fleisch, des Magens scharfe Kraft,
24
Des Hertzens Feur und Druck, der Leber Eigenschaft,
25
Haut, Nägel, Fleisch, und Bein,
26
Der Nerven unsichtbare Hölen,
27
Die voller Geistigkeit, und nicht zu zählen,
28
Nicht zu begreifen seyn,
29
Beweisen ein allmächtigs Wunder-Wesen.

30
Doch wenn man recht erweg't; was Menschen insgemein
31
Für eitle Dinge thun, nach welchem Tand sie sterben;
32
So scheint der gantze Mensch, in seinem gantzen Leben,
33
So vieler Kunst nicht werth zu seyn.

34
Ja, sprach zu mir hierauf ein grosser Geist,
35
Der wohl mit allem Recht der Stadt Orackel heisst:
36
Dieß scheinet wahr, doch mir fällt dieses ein:
37
Wie liebreich muß doch unser Schöpfer seyn,
38
Der, wenn wir aller Glieder Gaben
39
Zur Thorheit angewendet haben,
40
Ja gar an Ihm höchst-gröblich uns verschuldet,
41
Uns dennoch duldet!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.