Ach Gott, gieb meiner Seelen Stärcke

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Barthold Heinrich Brockes: Ach Gott, gieb meiner Seelen Stärcke Titel entspricht 1. Vers(1713)

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Ach Gott, gieb meiner Seelen Stärcke,
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Daß, in Betrachtung Deiner Wercke,
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Ich durch der Menschen Härtigkeit,
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(das gröste Laster dieser Zeit)
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Die, aller Wunder ungeacht't,
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Fast Stein- ja Eisen-hart und unempfindlich bleiben.
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In meiner Lust Dein' Allmacht zu beschreiben,
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Doch ja nicht möge lau gemacht,
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Noch von dem Zweck, die Wunder hier auf Erden
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Wohl zu behertzigen, mög' abgezogen werden!

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So saß und dacht' ich jüngst, mit Thränen in den Augen,
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Als ich erwog, wie hart, wie taub, wie blind
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Der meisten Menschen Hertzen sind,
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Wie wenig Göttliche Geschöpfe taugen,
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Den recht verstockten Geist zu rühren.
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Ach! rief ich: wär' der Mensch doch einst zu überführen,
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Daß Gottes Wunder-Werck' allein
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Die Vorwürf' und der Zweck von unserm Leben seyn!

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Indem ich also sitz' und voll Betrübniß dichte;
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Eröffnete sich meine Thür',
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Und wurde mir
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Ein' aufgethürnte Schüssel Früchte
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Von meinem liebsten Freund, Sylvander, zugeschickt.
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So bald als ich den Glantz, der sie umhüllt', erblickt,
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Erfüllt' er mich so gleich mit tausend Freuden,
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Und, wie der dunckle Duft der Nacht
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Früh durch Auroren bunte Pracht;
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So must durch diese Pracht der Duft der Schwermuth scheide.

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Um nun, zu Gottes Ehr', daran mich zu ergetzen;
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Befahl ich, sie auf meinen Tisch zu setzen,
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Und brachte, gantz erquickt durch ihre Zier,
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Die Lust, so ich empfand, mit Freuden zu Papier.

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Du Quell erlaubter Augen-Lüste,
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Des Herbstes prächtigs Schau-Gerüste,
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Geschmückte Schüssel, wer dich sieht,
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Erheb' in Andacht sein Gemüth
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Zu Gott, der alle Dinge schafft!
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Bewundre Seine Wunder-Kraft!
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Bewundre Seine Vater-Triebe!
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Erkenne Seine weise Liebe!

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Ergetzt zur Frühlings-Zeit das menschliche Gesichte
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Von auserles'ner Farb' ein bunter Bluhmen-Straus;
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So sieht nicht minder schön im Herbst, voll süsser Früchte
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Ein' aufgehäufte Schüssel aus.
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Vor andern zieht, durchs Auge, meinen Sinn
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Die saft'ge Pfirsich auf sich hin.
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Ihr hell- und dunckel-Roth, ihr lieblichs gelblich Weiß,
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Das hier sich deutlich theilt, dort unvermerckt vereinet,
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Formirt oft einen bunten Kreis.
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Der Circkel-runde Leib, der überzogen scheinet
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Mit einem zarten Sammt, der glatt und rauch zugleich,
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Und der ihr insbesondre nützet,
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Da seine sanfte Rauhigkeit
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Sie für den faulen Biß der Schnecken schützet,
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Ist lieblich anzusehn.
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Die Farben ihrer Haut sind Wunder-schön
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Und unvergleichlich süß gemenget.
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Bald war ein gelber Platz, der fast dem Agt-Stein gliche,
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Mit rothen Tüpfelchen besprenget,
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Bald färbten einen Ort, der Blut-roth, gelbe Striche.

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Nebst diesem ward das Aug' erfreut,
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Als ich an diesen Pfirschen nahe,
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In röthlich-gelber Lieblichkeit,
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Viel Apricosen liegen sahe.
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Ihr glattes Hertzen-förmigs Blatt,
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Das ihr fast feurig Roth verdecket hat,
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Vermehrte, durch sein lieblich Grün,
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Die Schönheit dieser Frucht, die halb gespalten schien.
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Oft zierten ihren Schmuck die dunckel-rothen Flecken,
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Und alle schienen sie in einer sanften Seiden
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Sich einzukleiden,
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Womit sie sich fast, wie die Pfirschen, decken.

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Bey dieser Schönheit wies sich auch
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In dunckler Pracht, in schön-gestreckter Länge,
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Ein röthlich-brauner Trauben-Strauch
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Mit einer ungezählten Menge
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Von lieblich-blau-bethauten Beeren,
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An deren Schmuck selbst der Lasur nicht reicht,
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Und deren klarem Glantz der gantz durchsicht'gen Glätte
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Kein Onix, kein Sardonich gleicht,
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Indem so gar der purpurn' Amethist,
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Nicht schöner anzusehen ist:
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Denn wenn des grösten Künstlers Hand
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Aus itzt benannten Edelsteinen
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Vollkomm'ne Kügelchen geschnitten,
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Und nach der grösten Kunst gedrehet hätte;
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So könnten sie unmöglich schöner scheinen:
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Auf jeder sieht man in der Mitten
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Ein blitzend Licht; denn weil sich alles ründet,
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Ist bloß allein ein' eintz'ge Stelle
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Auf einer glatten Ründung helle,
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Mit welcher sich kein' eintz'ge Farbe bindet,
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Als welche sonder Glantz gemählich abwärts weichen,
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Und sich einander selten gleichen.
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Doch ist auch dieses schön,
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Und sonder Lust nicht anzusehn,
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Da halbe Farben, halbe Schatten,
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Und halber Glantz im Wiederschein sich gatten.
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Es ist nicht zu beschreiben,
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Wie manchen Grad
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Von Tiefungen und Höh'n solch eine Traube hat.

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Dort schien, ob wollten weisse Trauben,
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Dem ungeacht't, annoch den Preis der braunen rauben,
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Ein gelblich-grüner Chrysolith,
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Wie hell sein reiner Schein auch glüht,
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Ist so durchsichtig kaum, als dieser Trauben Haut,
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Wodurch man nicht allein die zarten Adern schaut;
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Das süsse Fleisch ist selbst so klar,
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Daß man den Mittel-Punct, der gelben Körner Paar,
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In recht nachdencklicher Gestalt, als Gold erblickte.
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Zwey Blätter, wovon eins Smaragden grün,
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Das andre röthlicher, ja wie vergüldet, schien,
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Worauf die Traube sich als auf zwey Polstern streckte,
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Erhoben ihren Glantz, ob ihr das eine gleich
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Fast auf den vierten Theil der dichten Beeren deckte,
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Sie wurden, durch ihr Grün, noch einst so Farben-reich.

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Ich sahe ferner mit Vergnügen
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Dort eine grosse Zahl gefärbter Aepfel liegen,
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Die oft in mercklichen, oft unsichtbaren Grentzen,
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Halb recht wie Gold, halb wie Zinnober, gläntzen,
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Theils wie die Rosen blühn,
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Theils wie der Purpur glühn,
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Theils wie Topas und Chrysoliten scheinen,
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Worauf gar oft vom klaren Thau
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Ein weißlich Blau, ein lieblich Grau
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Sich mischen und vereinen.
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Hier siehet man den Rest der Sternen-förm'gen Blüht',
128
Wenn man von andern dort in einem holen Kreise
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Die grünen frischen Stiele sieht,
130
Durch welche sie auf wunderbare Weise,
131
Erhaben in der Luft, entfernet von der Erden,
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Gesäuget und ernähret werden.

133
Die Pyramiden-gleichen Birnen,
134
So, gelb- und roth-gefärbt, sich lieblich spitzend thürnen,
135
Sind ja so schön, so bund, so niedlich;
136
Und ob auf ihnen schon sich Gelb und Roth vereinen,
137
Und sie den Aepfeln gleich an Farben sollten scheinen;
138
Sind ihre Farben doch gantz unterschiedlich.
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Sie zeigen, daß die spielende Natur.
140
Sowohl an Farben, als Figur,
141
Nicht zu erschöpfen ist.

142
Die güld'nen Aepfel der Sinesen,
143
Wovon das äussere wie auch das inn're Wesen,
144
Ein eß- und trinckbar Gold, vermehrt' der Schüssel Zier,
145
Sie strahl'ten aus der Frucht recht Wunder-schön herfür.
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Der glatten Blätter funckelnd Grün
147
Erhöhete das Gold, das mehr als gülden schien,
148
Es mehrt den gelben Glantz die Silber-weisse Blüht',
149
Die voll Balsamischen Geruchs man um sie her,
150
Als wie von ungefehr,
151
Zu grössrer Zier bestreuet hatte.

152
Der durch das Sonnen-Licht erzeugte runde Schatte,
153
Den ein hell-gelblicher Reflex im Umkreis brach,
154
Formirete nicht nur die schöne Ründ'; er stach
155
All and're Farben weg, durch holde Dunckelheit:
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Hiedurch nun schmückte sich die hell-bestrahl'te Seit',
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Die gegen Phöbus Licht gekehrt war, desto mehr,
158
Zumalen da, wo auf den glatten Schalen
159
Im Wieder-Schein der Sonnen-Strahlen
160
Ein kleines helles Bild der Sonnen, selber malen.
161
Bey dieser fremden Frucht besonderm Schein
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Fiel dieser Wunsch mir ein:

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Gott lässt übers weite Meer
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Aus entfernten Ländern her
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Uns güldene Aepfel, die eßbar sind, bringen.
166
Ach wenn wir sie sehen, ach wenn wir sie essen;
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So lasst uns uns freuen, und ja nicht vergessen,
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Dem Schöpfer und Geber ein Lob-Lied zu singen!

169
Der Birn' an Form, der Traub' an Farben gleicher Feigen
170
Bethauter Schmuck ist auch nicht zu verschweigen.
171
Die röthlich braune Dunckelheit
172
Vermehrt der Farben Lieblichkeit,
173
Die rings um ihren Purpur liegen.
174
Wenn man derselben reife Haut
175
Ein wenig aufgeborsten schaut;
176
Sieht man, nicht ohn' Vergnügen
177
In ihrem saft'gen Fleisch fast güld'ne Körner liegen.
178
Die Oeffnung ist so schön, wodurch sie uns anlacht,
179
Daß sie jedweden Mund, der Feigen liebt und acht't,
180
Nach ihrem Honig wäßricht macht.

181
Alle Frucht, die Gott geschaffen,
182
Ist an Farben und Figur
183
Am Geschmack, Geruch, Natur
184
Wunderbarlich unterschieden.
185
Laß mich, Herr, in allen Dingen
186
Solche Wunder zu besingen
187
Und zu rühmen nicht ermüden!

188
Begreifen können wir die Wercke Gottes nicht.
189
Der Mensch scheint nicht dazu gemacht zu seyn;
190
Wohl aber ist er zugericht't,
191
Mit Seel' und Geist, durch aller Sinnen Thüren,
192
Der überall verhüllten Gottheit Schein
193
Als gegenwärtig zu verspühren.

194
Um Gottes Willen nehmt denn eure Pflicht in acht!
195
Lebt anders, als ihr sonst gelebet!
196
Denn wo ihr Gottes Werck nicht zu bewundern strebet;
197
So habt ihr, wie ein Vieh, das Leben zugebracht.

198
Ach! achtet Gott doch nur so viel, als ihr bisher
199
Das eitle Gold und Geld geachtet,
200
Und trachtet nach dem Mammon frey so sehr,
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Als ihr bisher nach Gott getrachtet.
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So oft ihr schöne Frücht' erblickt, riecht, fühlt und schmecket,
203
So schmeckt und sehet doch, wie freundlich Gott der Herr,
204
Der durch so manche Lust euch Seine Macht entdecket,
205
Er fordert nicht von euch ein langes Mund-Geplärr,
206
Als Seiner Wercke Lohn:
207
Geniesset sie mit Lust, denckt Sein, so danckt ihr schon.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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