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Es war bereits im Herbst, als mich ein heitrer Morgen,
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Nachdem der Schatten Heer sich Westenwärts verborgen,
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An meines Zimmers Fenster trieb;
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Ich öffnet' es mit meiner rechten Hand,
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Mein noch halb schläfrig Aug', allein
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Wie bald vertrieb der helle Schein,
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Der Wasser, Luft und Erde füllte,
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Des Schlummers Rest, der meinen Blick verhüllte!
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Es hatte, nebst dem Thau, ein starcker Nebel-Duft
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Aus der dadurch verklärten Luft
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Sich auf die Erd' herab gesencket,
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Und nicht nur Kräuter, Stauden, Gras,
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Nein auch der Bäume Haupt, geträncket.
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Fast alle Blätter waren naß,
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Und gläntzten, durch den Sonnen-Schein,
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In solcher Wunder-schönen Pracht,
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Daß alles, was man sah, in heitrer Wonne lacht'.
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Ihr Schimmer war fast allgemein.
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Nie hab' ich auf der Welt solch einen Glantz verspüret,
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Und niemahls ist mein Geist empfindlicher gerühret.
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Es schien itzt die Natur der Bäume grünen Kräntzen,
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Damit sie noch viel schöner gläntzen,
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Und unser Aug' ergetzen möchten,
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Viel bunte Bluhmen einzuflechten.
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Auf vielen Blättern prangt' ein Grün mit gelb gemengt!
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Viel' andre waren gelb mit grün und roth besprengt;
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Verschied'ne Bäume stunden gantz
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Im gelben theils, und theils im rothen Glantz:
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Von denen wiederum verschied'ne durch den Schatten,
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Verschied'ne durch das Licht, vertiefet und erhöht,
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In bunter Harmonie ein herrlichs Ansehn hatten.
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Ein jeder Baum schien lauter Diamanten
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Auf jedem Blatt' hervor zu bringen,
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Und regte sich die Luft; so schien es, daß Brilljanten
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Voll Schimmer, Gluht und Glantz an allen Blättern hingen,
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Indem ihr gelb und roth, wodurch der Herbst sie schmückte,
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Sich in die glatten Tropfen drückte,
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Die denn, da sie den bunten Eindruck fühlten,
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Noch desto lieblicher und schöner spielten.
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Die gantze Landschaft schien, durch diesen bunten Schein,
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Wodurch der Sonnen Licht, als allgemein,
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Sich noch vermehrete, noch heller strahlte;
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Nichts irdisches, was himmlisches zu seyn.
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Indem ich nun voll Freuden stand,
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Und alle Herrlichkeit, vor Lust erstaunt, besahe;
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Ach höret, was mir da geschahe,
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Was ich verwunderlichs empfand!
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In einem Augenblick verschwand
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Licht, Himmel, Sonne, Wasser, Land.
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Ein' unvermuthete Pech-schwartze Dunckelheit
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Verschlang das reine Licht,
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Begrub des Himmels Pracht,
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Der gantzen Erde gantze Zier,
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Ja raubte gleichsam mich mir selbst, ich fand mich nicht.
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Hier deucht mich, hör' ich dich, mein Leser, fragen:
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Wie gieng denn dieses zu? Ich will dirs sagen.
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Der schnelle Wechsel-Sprung zur Finsterniß vom Licht,
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Vom Schmuck der Welt zum Nichts, entstand daher,
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Weil ich mein Augen-Lied ein wenig mehr
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Geschlossen hielt, als insgemein geschicht;
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Und bloß dadurch allein
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Vergieng für mich die Welt, verschwand des Himmels Schein.
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Ob dieß nun gleich von mir viel tausendmahl geschehen;
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So hatt' ich doch, weil ich noch nie daran gedacht,
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Es würcklich auch noch nie gesehen:
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Nun aber nahm ich es in acht.
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Ich wiederhohlte dieß verschied'ne mahle wieder,
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Und fand, daß allemahl der Schluß der Augen-Lieder
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Mich stürtzt' in eine finstre Nacht.
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Mein Gott! rief ich so gleich, ist dieses wohl zu glauben?
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Mir, was Dein' Allmachts-Hand gebaut,
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Des Himmels Licht, der Erden Pracht zu rauben?
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Vermag sie mich von Millionen Freuden,
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Ja gleichsam selber von der Welt,
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Von aller Pracht, so sie enthält,
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Und zwar so Wunder-schnell, zu scheiden?
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Nachdem ich mich hierob ein wenig noch besann;
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Fieng ich bestürtzt von neuem an:
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Ach wie so schwach, wie so geringe
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Ist der Zusammenhalt der Dinge,
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Wodurch ich an der Erde fest,
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Und wären sie auch noch so sehr mein eigen;
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Wie schnell, was irdisch, mich verlässt;
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Kann jeder Augenblick mir zeigen.
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Bey diesem Kummer fiel mir etwas anders ein:
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Ich schliesse ja die Augen-Lieder
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Nicht allzeit zu, ich öffne sie auch wieder.
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Will ich denn bloß an eines dencken?
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Will ich denn bloß allein den Sinn
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Auf das, so mir verdrießlich scheinet, lencken?
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Warum erweg' ich nicht,
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Daß alles das, was meiner Augen Schluß
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Mir raubt, die Oeffnung mir ja wieder geben muß?
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Es überkommt ja mein Gesicht,
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Indem sichs schliesset, neue Stärcke.
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Erweg' es, liebster Mensch, und schau des Schöpfers Wercke,
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Mit neuer Fröhlichkeit, bey jeder Oeffnung an!
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Laß aber ja dabey der Seelen Kern gedencken
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Und, durch dein Auge, sich auf die Geschöpfe lencken;
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Sonst wirst du, auch mit offnen Augen,
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(wie leider meist geschicht,) doch nichts zu sehen taugen.
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Der gantze Leib sieht nichts von allem, was die Welt
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Vor Pracht, vor Wunder, Glantz und Schönheit in sich hält.
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Ob sie uns gleich umgeben und umringen,
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Wofern sie nicht durchs Aug' uns in die Seele dringen.
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Wie wenn das bischen Haut sich nie geöffnet hätte,
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So wären sie jedoch nicht minder da.
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Wie manche Herrlichkeit, wie mancher Schönheit Schein
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Kann folglich bey uns allen nah,
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Und bloß darum verborgen seyn;
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Weil Gott annoch der Seelen Thüren,
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Durch welche selbige zu spüren,
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Uns etwan nicht geöffnet hat.
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Jemehr ich in der Augen Schluß
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Und ihren Oeffnungen erwege
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Die Ordnung der Natur;
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Je mehr ich es bewundern muß:
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Denn da der Menschen Lebens-Zeit
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Ohn' all' Empfindlichkeit
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Gantz unvermerckt von hinnen eilet;
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So scheinet es, daß jeder Augenblick
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Recht ordentlich dieselbe theilet
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Und so zu sagen uns ein wahres Stück
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Von unsrer Dauer zeiget.
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Ach sey derhalben doch bereit,
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Die Theile deiner flücht'gen Zeit,
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Geliebter Mensch, wohl anzuwenden!
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Dasjenige mit Freuden zu vollenden,
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Weßhalben die Natur, mit solcher Müh,
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Ach unterscheide dich doch von dem Vieh!
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Beschau die Wunder-reiche Pracht
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Der Göttlichen Geschöpf' in allen Dingen!
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Nicht dorten nur, ach nein schon hier,
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Bey jedem Augenblick, ein neues Glück entspringen.
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Noch mehr: so gar im Schluß der Augen stecket
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Ein sonderbarer Trost für dich,
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Aufs künftige zugleich erstrecket;
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Indem ja bey geschloss'nen Augen
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Die Seelen ungestört von innen
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Viel schärfer nachzusinnen,
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Und ihre Kraft auf Den zu lencken taugen,
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Deß ewig stete Pracht kein Sterblicher ermisst,
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Der Alles, und nicht sichtbar ist.
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Was werden wir denn nicht für stille Lust geniessen,
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Wenn sich die ird'schen Augen schliessen,
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Und vom Vergänglichen sich trennen!
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Wie sanfte wird in GOTT die Seele sich versencken?
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Was wird sie herrliches von Ihm gedencken,
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Und welche Seeligkeit in GOTT verspüren können,
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Wenn sie, nicht eingesperrt, wie itzt, da sie annoch
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Des dichten Leibes schweres Joch,
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Des Cörpers finstrer Kercker, drücket:
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Der ew'gen Sonne seel'gen Glantz,
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Nicht durch die Augen nur, nein gantz
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In ewig-seel'ger Lust erblicket.
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Ach GOTT! unendlichs ewigs ALL!
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Selbstständig-seelige Vollkommenheit,
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Gib, daß, so lang ich hier mein Auge rühre,
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Ich Dich, verhüllt in ird'scher Herrlichkeit,
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Mit Andachts-voller Lust verspüre,
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Bis daß dereinsten dort, in den gestirnten Höhen,
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Ich Deine Majestät mag ungehindert sehen,
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Und bloß an Dir, in ewig-seel'gen Freuden,
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Gantz ungestöhrt so Seel' als Augen weiden!