Ich gieng im Garten jüngst vergnüget hin und her

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Barthold Heinrich Brockes: Ich gieng im Garten jüngst vergnüget hin und her Titel entspricht 1. Vers(1713)

1
Ich gieng im Garten jüngst vergnüget hin und her,
2
Und sah in selbigem von ungefehr,
3
Wie durch der Erlen dichte Wand
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Von einem Kürbs die Rancken durchgedrungen,
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Sich artig hin und her geschlungen,
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Und in dem Steig, auf dem betret'nen Sand,
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Sich ausgestreckt und ausgebreitet hatten.

8
Dieweil ich nun der Rancke Stand,
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So wie sie lag, nicht sicher fand,
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Indem sie in Gefahr,
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An einem solchen Orte, war,
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Zertreten und zerknickt zu werden;
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Hub ich sie von der Erden,
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Um, daß sie möchte sicher liegen,
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Sie wiederum dahin zu biegen,
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Woher sie kommen war; allein
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Kaum mochte sie von mir gefasset seyn;
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So brach sie, wie ein Glas. Ey daß dich! fieng ich an,
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Ist das nicht Schad'? Ey hätt' ich es gelassen!
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Doch dacht' ich, wie ich mich besann,
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Da der Verlust nicht groß, kann ich mich leichtlich fassen,
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Und darf ja nicht verdrießlich seyn.
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Mir fiel jedoch dabey dieß Sprichwort ein,
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Das mich zum öftern schon gerühret:

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Wie ich hierauf die abgebroch'nen Rancken
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So voller Früchte fand, als ich sie recht besah;
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Gieng es mir zwar aufs neue nah:
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Doch trösteten mich folgende Gedancken:
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Ich will bey dem Verlust gewißlich nichts verlieren.
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Es soll, geliebte Rancke, mich
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Die kleine Frucht und Bluhmen, die dich zieren,
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Zu dein- und meinem Schöpfer führen.

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Wer weis, warum du dich
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Hieher gelenckt, warum in dieser Stunde,
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Da ich allein, ich dich in solchem Stande funde;
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Warum ich so von dir gedacht, wie ich gedacht;
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Wer weis, warum ich dich zerbrochen, ob es nicht
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Vielleicht darum geschehn, daß mein Gesicht
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Mein sonst unachtsames Gemüthe
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Doch zur Aufmercksamkeit und zur Betrachtung brächte,
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Und ich von Gottes Macht und Weisheit, Lieb' und Güte,
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Zu Seinem Ruhm, was nützliches gedächte?

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Auf denn, mein Geist! betrachte, mit Vergnügen,
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Das fruchtbare Gewächs, woran recht wunderlich
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Verschied'ne grüne Röhren sich
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Am fünf-geeckten Stengel fügen.
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Die Blätter, so an diesem Stengel sitzen,
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Sind, wie die Bluhmen selbst, besetzt mit zarten Spitzen,
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Nicht weniger die Frucht, so lange sie noch klein.
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Aus diesen Stengeln nun, die hohl und lucker seyn,
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Wächst ein dem Reben-Laub' an Bildung gleiches Blatt,
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Das tausend kleine Adern hat,
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Die alle wiederum mit Spitzen reich versehn,
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Wodurch sie theils von einem Ort zum andern,
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Mit den fast stets verlängten Rancken, wandern,
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Theils wie auf kleinen Füssen stehn.

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An jedem Ort, woraus das Blatt entspringet,
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Entspriesst, zu einer Zeit, die Bluhm' und Frucht zugleich;
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Wobey noch überdem recht Wunder-reich
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An eben solchem Ort ein Stiel mit Gabeln dringet.
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Derselbe theilet sich in drey verschied'ne Theile,
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Die alle, recht wie kleine grüne Seile,
63
Wo sie Gelegenheit nur finden,
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Die Rancken suchen fest zu binden.

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Bewund're doch, mein Hertz, die Ordnung der Natur,
66
In diesem Kürbs-Gewächs', aufs neu'!
67
Erwege, daß nicht nur
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Die Zierlichkeit, nein, mehr hie zu bewundern sey!
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Damit dieß Rancken-Werck von wegen seiner Schwäche
70
So bald nicht breche,
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Wächst eine kleine Hand mit dreyen Fingern dran,
72
Wodurch sie hie und da sich halten kann.
73
Ach, lasst uns doch, wenn wir dergleichen sehn,
74
Den, Der dieß alles macht, den weisen Gott, erhöhn.

75
An dieses Stieles Fuß
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Erblicket man, wiewohl so wunderbarlich klein,
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Daß jeder sich darob verwundern muß,
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Blatt, Bluhme, Frucht und Stiel, die kaum zu sehen seyn,
79
Und dennoch finden wir, daß die, so an den Spitzen
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Der langen Rancken sitzen,
81
Noch sehr viel kleiner sind, da nemlich man daran
82
Ein grün verwirrtes Etwas findet,
83
Das unser Auge nicht, der Geist nur, sehen kann.

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Die Bluhme, welche mich absonderlich verbindet,
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An ihrer Farb' und artigen Figur
86
Mich zu ergetzen, stellet mir
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Die wunderbare Kunst der bildenden Natur,
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In ihrer brennenden Gold-gelben Farbe, für.

89
Die Bluhmen zeigen sich zuerst bey andern Früchten,
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Hier zeigt sich erst die Frucht; hier sieht man Wunder-schön
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Die Frucht mit einer Kron' aus Gold gekrönet stehn,
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Doch nicht zur Zier allein, es scheinen die fünf Spitzen
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Der süssen Frucht zugleich zu nützen.
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Die Bluhme gleichet einer Hand,
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Die mit fünf Fingern ausgespannt,
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Um Regen, Thau und andre Feuchtigkeiten
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Der durst'gen Wurtzel zuzuleiten,
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Als welche sie in einem grössern Grad
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Für Früchte, die so groß, vor andern nöthig hat.

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Von aussen siehet man,
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Woselbst die Bluhme glatt,
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An jedem Blatt
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Viel tausend, tausend Adern gehen.
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Von innen siehet man daran
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Viel tausend gelbe Spitzen stehen.
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Noch sieht man in der Bluhme Mitten,
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Als wär' es recht durch Kunst geschnitten,
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Ein dreyfach güld'nes Hertz. Ob die zur Zier allein,
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Wie oder ob sie sonst der Frucht auch nützlich seyn,
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Ist, wie sonst vielerley, uns bekannt.
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Indessen hat sich mein Gemüthe
112
An ihrer Zierlichkeit vergnügt.
113
Es ist die Allmacht, Weisheit, Güte
114
Desjenigen, der, durch die bildende Natur,
115
So manche zierliche Figur
116
Aus Erd' und Fluth zusammen fügt,
117
In allen Dingen zu verehren.

118
Die Frucht, die wohl von allen Früchten
119
Die allergrösseste, verdient mit allem Recht,
120
Daß wir auf sie so Geist als Augen richten.
121
Ach, daß ich sie doch hier recht zierlich schildern möcht'!
122
Ach, daß sie zwar für mich, doch nicht für mich allein,
123
Wie Jonas Kürbs, von mir möcht' angesehen seyn!
124
Nein, daß ich auch zugleich, im Kürbs, des Schöpfers Macht,
125
Indem ich ihn mit Lust beseh', besinge,
126
Und also Ihm vom Kürbs, wenn ich ihn wohl betracht',
127
Ein wohlgefälligs Opfer bringe!

128
Daß an so niedrigem und dünnem Stiele
129
Solch eine grosse Frucht, ja gar, daß ihrer viele
130
Daran zugleich entstehn und wachsen können,
131
Ist wohl mit Recht ein Wunder-Werck zu nennen.

132
Wie lieblich glatt sind ihre bunte Schalen,
133
Die bald so gelb als Gold, bald etwas bleich,
134
Bald gelb und bleich, und grün zugleich,
135
Absonderlich, wenn sie der Sonne Strahlen
136
Mit einem hellen Blick bemalen,
137
Wodurch ein heit'rer Glantz, recht Wunder-schön
138
Auf ihrer glatten Ründ', als wie ein Stern, zu sehn.

139
In Ungarn sah ich einst, mit innigem Vergnügen,
140
Ein gantzes Feld voll Kürbs', als wie voll Spiegel, liegen,
141
Indem der Sonnen Licht sie schmückte,
142
Und in die glatte Haut ihr herrlichs Bildniß drückte.
143
Wobey das gantze Feld, durch's angenehme Grün,
144
Voll kleiner heller Blitze schien,
145
Die mir, so bald den Glantz die Augen spürten,
146
Mit ihrem süssen Strahl die Seele rührten,
147
Daß ich an Den, Der aller Schönheit Pracht,
148
Der Farben, Formen, Licht und das Gesicht gemacht,
149
Mit Danck-erfüllter Ehrfurcht dachte,
150
Und Ihm ein fröhlichs Hertz dafür zum Opfer brachte.

151
Noch macht uns die Natur in einem Kürbis kund,
152
Wie sehr sie an Veränd'rung reich,
153
Da diese Frucht zugleich
154
Bald lang, bald rund.
155
Kein zierlicher gewund'ner Türcken-Bund
156
Kann an Figur so zierlich seyn,
157
Als wie ein runder Kürbs. Er scheinet recht gewunden,
158
Und theilt die Striche richtig ein,
159
Die unterwärts und oberwärts mit Haufen
160
In einen Mittel-Punct zusammen lauffen.

161
Viel' andre werden noch gefunden,
162
Die, grossen Flaschen gleich, gestreckt und länglich seyn.
163
Es lässt recht unvergleichlich schön,
164
Wenn wir von ihnen viel auf einem Haufen sehn,
165
Da so viel Farben, die sie zieren,
166
Besonders Aug' und Hertze rühren.

167
Noch fällt mir ein,
168
Was ich an dieser Frucht bemerckt, nicht sonder Freuden.
169
Wenn wir in einer Kürbs nur zarte Lettern schneiden;
170
So wachsen sie. Ach, hätt' auch mein Gemüthe
171
Des Kürbses Art, daß von des Schöpfers Güte
172
Die holde Schrift, die Züge seiner Lehren
173
Sich möchten stets in mir vergrössern und vermehren!

174
Eh' wir nun dieß Gedicht beschliessen,
175
Werd' ich, mein Leser, dir noch was,
176
So ich einmahl vom Kürbs erbaulichs las,
177
Vorher erzählen müssen:

178
Ein Land-Mann sahe, mit Vergnügen,
179
Viel grosse Kürbs' auf seinem Acker liegen.
180
Die Grösse dieser Frucht an solchen kleinen Rancken
181
War ihm besonders lieb. Voll fröhlicher Gedancken
182
Sah er von ungefehr auf einem Eichen-Baum
183
Desselben kleine Frucht.
184
Pfuy! Schande, brach er los:
185
Des kleinen Strauches Frucht ist so gewaltig groß;
186
Die deine sieht man kaum,
187
Nichts-werthes faules Holtz! Kaum hatt' er dieß gesprochen,
188
Mit recht erzürntem Muth;
189
So viel ein' Eichel ihm auf seinen Hut.
190
Er stutzt', und blieb gantz unbeweglich stehn.
191
Ach! fieng er, wie er sich besann,
192
Aus einem andern Ton, wie folget, an:
193
Wie wäre mir geschehn,
194
Dafern nach meinem Wollen
195
Und meinem närrischen Verstande
196
Die Frucht sich hätte richten sollen?
197
Ich läge schon zerschmettert in dem Sande.
198
Er danckte Gott, und nahm sich für,
199
Allein auf Ihn zu sehn, in allen seinen Sachen.

200
Mein Gott! ach laß auch mich es allezeit, wie hier
201
Der Land-Mann es gemachet, machen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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