Die Wein-Rebe

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Barthold Heinrich Brockes: Die Wein-Rebe (1713)

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Die Sonne stund schon in der güld'nen Wage,
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Als ich, an einem heitern Tage,
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In einen Saal, der Süd-wärts lage, trat,
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Den, weil ihm manches Reben-Blatt
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Die klaren Fenster gantz verhüllte,
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Ein grüner Schatten gantz erfüllte.

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Es schmeichelte das halb gebroch'ne Licht,
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Durch das begrünte Laub gefärbt, mir das Gesicht,
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So daß ich mich vergnügt ans Fenster setzte,
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Am schönen Sonnen-Schirm des Wein-Stocks mich ergetzte,
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Durch seinen Schmuck gerührt, die Sinnen aufwärts triebe,
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Und, zu des Schöpfers Ruhm, Sein schön Geschöpf beschriebe.

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Man kann auf Erden nichts so schön,
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Als zartes Laub in solcher Stellung, sehn,
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Da nemlich Licht und Tag durch sein Gewebe scheint,
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Und mit dem Grünen sich ein güld'ner Strahl vereint,
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Wodurch man alle Pracht, die in den Blättern stecket,
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In der Durchsichtigkeit am deutlichsten entdecket.

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Wie wann des Nachts ein Licht
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Durch ein mit Oel getränckt Papier, das bunt bemalet,
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Mit schön gefärbtem Glantz und buntem Schimmer strahlet;
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So strahl't, so drenget sich und bricht
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Der hellen Sonnen Strahl, bey heiterm Wetter,
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Durch die so schön geformt- als schön gefärbten Blätter.
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Viel tausend Aederchen, die sonsten nicht zu sehn,
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Wodurch die Nahrungs-Säfte fliessen,
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Sieht man sodann in schönster Ordnung stehn.
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Es scheint, als ob ein jedes Blatt
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Die Bildung eines Baumes hat.
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Der Stengel ist der Stamm; Aus diesem Stamm' entspriessen
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Fünf Haupt-Zweig', und aus diesen Zweigen,
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An deren jedem sich fünf Neben-Aeste zeigen,
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Entsteht ein Blätter-Heer, die darin bloß allein
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Von denen unterschieden seyn,
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Womit sonst and're Bäume prangen,
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Daß and're Blätter frey, da die zusammen hangen.
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Je mehr man sie besieht, je mehr man sie betracht't,
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Je mehr vermehret sich die Lust in ihrer Pracht.
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Zumahl an einigen, die aus der Maassen schön,
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Vermocht' mein Auge sich nicht satt zu sehn,
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Die gantz Zinnober-roth, wie reines Schnecken-Blut:
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Ja wie ein funckelnder Rubin,
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Da jedes von der Sonnen-Gluht,
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Die durch sie strahlt', ein funckelnd Licht erhielte:
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Und weil der Adern helles Grün
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Smaragden-gleich, bey dieser Röthe, spielte;
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Sah ich in jedem Blatt sich von zween Edelsteinen
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Die Farben und den Glantz vereinen.
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Ja der so schönen Farben Band
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War gleichsam eingefasst in einem güld'nen Rand',
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In dem verschied'ner äuss're Grentzen
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In einer gelben Farbe gläntzen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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