Als meine Kinder einst, vor wenig Tagen

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Barthold Heinrich Brockes: Als meine Kinder einst, vor wenig Tagen Titel entspricht 1. Vers(1713)

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Als meine Kinder einst, vor wenig Tagen,
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Da es noch ziemlich früh, in sanfter Ruhe lagen,
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Und ich, um sie vom Schlafe zu erwecken,
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Selbst in die Kammer trat; sah ich sie, voll Vergnügen,
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Von lauem Schweiß gefärbt, in süsser Röthe liegen,
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Und, wie die Rosen, blühn. Theils hatten sie die Decken
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Im Schlafe von sich weggeschoben,
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Hier hatt' ein kleiner Arm sich um sein Haupt gelenckt,
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Ein andrer lag auf seinem Pfül erhoben,
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Dort waren zwey mit Hand und Bein verschränckt,
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Ein Aermchen ruh'te dort auf seines Bruders Brust,
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Wie es der Zufall gab. Ich sahe sie mit Lust,
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Ich danckte Gott, daß er sie so gesund geschaffen,
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Auch daß sie, durch desselben Macht,
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So wohl, als ich, die gantze Nacht
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So sanft, so ruhig können schlafen.

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Kaum rief ich ihnen zu: Auf! als ich sie
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So bald, den Schlummer zu vertreiben,
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Zugleich beschäfftigt sah. Doch wollte, sonder Müh',
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Der träge Schlaf nicht fort; ein sanftes Augen-Reiben
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Erhub sich überall. Hier streckt' ein Aermchen sich,
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Und dort ein kleines Bein.
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Hier sahe mich
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Von dieser kleinen Schaar
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Ein halb geöffnet Aug', indem des Tages Schein
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Ihn anfangs blendete, mit holdem Lächeln zwar,
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Doch kurtzen Blicken an. Ich hörete von allen
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Ein froh verwirrt Papa! Papa! erschallen.

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Auf! rief ich, lasst mich sehn, wer von euch kann
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Am ersten angethan,
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Am schnellsten fertig werden.
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Gleich war der Schlummer fort, ein ämsiges Gewühl,
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Das jedem, der es sah, gefiel,
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Erhub sich überall; sie sprungen von der Erden,
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Und, eh' ich's mich versah,
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Stund alles fertig da.
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Mir fiel hierüber folgends ein:

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Wie nützlich und wie gut in unserm Leben
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Die Leidenschaften seyn;
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Davon kann dieses Kinder-Spiel
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Mir eine gute Nachricht geben.
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Welch eine Schläfrigkeit würd' an dem Menschen kleben,
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Wie träg' und ungeschickt würd' er zu allem seyn,
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Wenn eine Leidenschaft, zumahl der Trieb zur Ehre,
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Nicht bey uns Menschen wäre.

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Es fliesst hieraus noch eine Lehre:
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Ob gleich wir Menschen schwach und unvermögend heissen;
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So sind wir doch geschickter, als man denckt,
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Uns dem Gewohnheits-Schlaf und Schlummer zu entreissen,
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Wenn man die Sinne nur auf einen Vorwurf lenckt,
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Der uns gefällig ist: Man wird viel Unvergnügen
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Und Hinderniß geschickt seyn zu besiegen,
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Mehr als man selbst geglaubt.
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Sprich nicht: Dieß Gleichniß hier vom Schlafe geht nicht an,
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Weil man denselbigen, des Morgens, leicht bekriegen,
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Und, durch geringen Zwang, vertreiben kann,
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Da er sich ohnedem hinweg pflegt zu verfügen;
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Wenn der Gewohnheits-Schlaf hingegen
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Beständig an uns klebt, und immer zäher wird.
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Dieß scheint zwar wahr zu seyn; Doch, wenn wir's recht erwegen,
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So hast du dich dennoch geirrt.

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Ob durch Gewohnheit gleich die Leidenschaft
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Noch immer stärcker wird; kann gleichwohl ihre Kraft
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Die gegenseitige Gewohnheit wieder dämpfen.
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Es liegt, in diesem Fall, am festen Vorsatz viel.
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Fang' du nur tapfer an, und fahre fort zu kämpfen!
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Du kommst zuletzt gewiß zum vorgesteckten Ziel.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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