Indem ich jüngst, im grünen Klee

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Barthold Heinrich Brockes: Indem ich jüngst, im grünen Klee Titel entspricht 1. Vers(1713)

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Indem ich jüngst, im grünen Klee,
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Der Wiesen Schmuck, mit tausend Lust, beseh',
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Werd' ich von ungefehr gewahr,
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Wie eine blaue Käfer-Schaar
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In halb-gedorrtem Pferde-Mist
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Sich auf hält und beschäfftigt ist,
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(ohn' an der Erden Pracht und Schätzen,
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Mit welchen sie umringt, sich zu ergetzen
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Und einiges Vergnügen draus zu fühlen)
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In ihrem Wust vergnügt, beständig fort zu wühlen.
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Ich sahe dieß zuerst nicht sonder Eckel an,
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Bis ich mich überwand,
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Und eine kurtze Zeit bey ihnen stille stand;
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Da ich auf ihr Betrieb, mit ernstem Dencken, sann.
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Es scheint, ich sollte mich fast der Vergleichung schämen,
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Fiel mir zu Anfang bey,
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Von dieser Bruth ein Beyspiel herzunehmen,
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Als ob in ihr und uns was gleiches sey;
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Allein,
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Fiel mir, beym fernern Dencken, ein,
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Es ist ja dennoch wahr. Warum soll ich's nicht sagen?
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Vielleicht vermag des Beyspiels Scheußlichkeit,
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Zur Lehr' und Besserung, was beyzutragen.
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Wenn ich den geitzigen Chrysander,
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Samt seines gleichen, bey einander
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Mit nichts, als ird'schem Koth, beschäfftigt seh',
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An welchem sie mit Leib und Seele hangen,
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Nichts anders suchen, nichts verlangen,
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Den edlen Geist, mit allen seinen Kräften,
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Auf nichts, als Gold und Reichthum, heften,
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So Tag als Nacht auf anders nichts gedencken,
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Nicht einen Blick auf sich, auf Gottes Wercke, lencken;
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So scheinen sie ja wohl nichts bessers werth,
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Als daß sie mit den Käfern in der Erden,
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Den Bürgern faulen Mists, verglichen werden.
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Doch halt, mich deucht, wie sich Chrysander hier erklärt:
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Wie kommt es doch, daß dir so Geld als Mist
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So scheußlich und verächtlich ist?
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Da sich jedoch die gantze Welt
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Durch Geld und Mist allein erhält.
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Durch Mist wird Fruchtbarkeit in Land' erreget,
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Das uns die Kost und Nahrung träget;
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Durch Geld wird alles das erhalten,
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Was uns erhält, vergnügt und schützt,
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Was uns bey Jungen und bey Alten
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Gewogenheit erreget, Ansehn giebt,
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Wodurch man uns verehrt und liebt:
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Ist dieß denn nicht der Mühe werth,
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Daß man es achtet und begehrt?
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Dieß ist zwar wahr, Chrysander, aber höre,
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Du hast ja alles dieses nicht.
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Dir fehlt Beqvemlichkeit, Vergnügen, Lieb' und Ehre,
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Nichts ist fast, das dir nicht gebricht:
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Indem du gar nichts Gut's mit deinem Gelde schaffest;
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Es bloß allein zusammen raffest,
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Um Geld auf Geld zu häufen; dich vernarrst,
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Und bloß nur, um zu scharren, scharrst.
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Sollt' alle Kraft von deiner Seelen,
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Die Absicht, daß du worden bist, allein
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Auf Geld zu sammlen und zu zählen
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Bestimmet und genommen seyn?
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Indem mein Geist auf diese Weise dencket,
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Die Augen auf der Käfer Schwarm gesencket;
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Seh' ich, wie einer schnell sich aufwärts hebt,
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Und, mit geschwindem Flug, in reinen Lüften schwebt.
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Ach, dacht' ich, möchte dieß Chrysander sehen,
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Und, durch den Wurm gerühret, in sich gehen,
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Und aus dem Koth sich so, wie er, erhöh'n,
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Und schauen, wie die Welt, des Schöpfers Werck, so schön!
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Allein ich fürchte sehr, er lässt den Käfer fliegen,
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Und bleibet, nach wie vor, in seinem Unrath liegen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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