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Nachdem die Sonne jüngst, seit zweymahl funfzehn Tagen,
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Die neu-beblühmte Welt beständig angelacht;
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Schwamm alles, was man sah, in Wollust und Behagen.
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Die Gluht, die alles hell, die alles lebhaft macht,
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Befloß so Stadt als Land, bedeckte See und Flüsse.
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Sie senckte sich so tief in Tellus Schooß hinein,
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Daß Feld und Felsen glüht'; es gläntzte Sand und Stein;
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Man kennete fast nicht die feuchten Wolcken-Güsse,
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Bis endlich sich einmahl, bey schwühlen Mittags-Stunden,
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Ein kleines Wölckchen zeigt', und, in dem Augenblick,
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Sich auszuspannen schien. Die Luft ward plötzlich dick;
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Das Licht ward allgemach vom Schatten überwunden;
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Es stieg ein grauer Duft und Nebel in die Höh';
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Des Tages Gold erbleicht'; es schwand das heitre Blau;
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Die dicke, dunckle Luft beschattete die See;
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Die Bäche schienen schwartz, die Flüsse braun und falbe;
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Der gantze Luft-Kreis ward von Duft und Regen schwer;
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Kein Vogel war zu sehn, die auch schon scheuche Schwalbe
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Schoß nur allein, jedoch gantz niedrig, hin und her.
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Es ließ, als wollte sie in Erd' und Fluth, vor Schrecken
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Vor dem, was in der Luft ihr drohte, sich verstecken.
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Solch eine Stille füllt' und druckte recht die Welt,
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Daß man, wie sich kein Blatt, kein Kraut, vor Schrecken, rührte,
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Vor Furcht selbst unbewegt, mit starren Augen, spürte.
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Es schien selbst die Natur erstaunet und entstellt,
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Vor Warten und vor Furcht der Dinge,
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Die sie bedroheten, bis plötzlich ein Orcan
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Die bange Stille brach, indem der Lüfte Bahn,
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Wie eine wilde Fluth, schnell an zu rauschen fienge.
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Von allen Winden ward der Erd-Kreis überfallen;
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Ein Wirbel füllete die Luft mit Sand und Staub;
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Es schien der Wald ein Meer, drin grüne Wellen wallen;
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Die Zweige heulten recht; es brausete das Laub;
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Es ward schnell hin und her geschüttelt, hier geschwenckt,
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Dort in einander wild vermischet und verschränckt.
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Bald wurden der gepeitschten Blätter Wogen,
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Mit sausendem Geräusch', empor geführt,
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Bald plötzlich unter sich gezogen,
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Daß oft der Wipfel selbst die lose Wurtzel rührt'.
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Hier borst' und brach ein dick-belaubter Ast,
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Dort kracht' und stürtzt', vom Wirbel aufgefasst,
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Ein tief-bewurtzelter bejahrter Eich-Baum nieder.
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Der Blätter Heer, von Zweigen abgestreift,
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Flog durch die graue Luft recht gräßlich hin und wieder.
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Es schien, daß Boreas noch stets die Kräfte häuft';
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Viel' Erlen wurden umgekehrt,
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Drey Tannen in die Luft gerissen,
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Und lange, welches unerhör't,
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Entsetzlich hin und her geschmissen.
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Die Wolcken, so das Firmament umzogen,
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Und oft die Sonne deckten, flogen,
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Wie schwer sie gleich, als Pfeile fort,
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Und schwärtzeten bald den, bald jenen Ort.
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Aus der gepreßten Fluth geschwärtzten Flächen
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Sah man der Wellen Schaum, wie weisse Flammen, brechen,
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Die, um den starren Strand mit Nachdruck zu bestürmen,
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Sich Himmel-hoch, wie steile Felsen, thürmen.
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Ein fürchterliches Braun färbt die erzürnte Fluth,
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Die Luft ein gräßlich Grau. Man sieht das Wasser schäumen;
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Die Wellen heben an, erschrecklich sich zu bäumen;
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Es wütet, wallt und wanckt die gantze Wasser-Welt;
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Sie brauset nicht, sie brüllt, da sie bald steigt, bald fällt.
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Mann zwischen regen Höh'n und nimmer stillen Bergen
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Manch flücht'ger Thal sich voller Wirbel zeiget,
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Und, eh' man sich's versieht, beschäumt selbst aufwärts steiget;
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Erschrickt ein schwindelnd Aug' ob solcher nahen Noth.
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Von jeder Welle scheint ein feuchter Tod,
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Der unvermeidlich ist, uns gräßlich anzublecken,
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Und seinen schwartzen Arm schon nach uns auszustrecken.
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Dem, der dieß hör't, vergeht Empfinden, Hören, Sehn;
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Man fühlet, gantz erstarrt, das Haar zu Berge stehn.
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Nichts kann, wie so gar nichts der Mensch, uns überführen,
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Als wenn wir die Gewalt der Elemente spüren.
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Der Ost-Wind rast' indeß mit unsichtbarer Macht;
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Dem stürmte, voller Wuth, der strenge West entgegen.
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Es stieß der Süd-Wind sich, gehüllt in dickem Regen,
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Mit dem erzürnten Geist der frost'gen Mitter-Nacht.
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Brach dieser jenes Wuth: so hielt der dieses Lauf,
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Mit heulendem Gezisch, Gepfeif und Brüllen, auf.
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Ein jeder strebt' ergrimmt, des andern Wuth zu schwächen:
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Darüber musten nun die stärcksten Mauren brechen.
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Was hoch war, sprang wie Glas, wie schwer es gleich, wie groß,
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Indem sie Thürme selbst aus ihren Klammern huben,
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Und, unter Schutt und Stein und Graus, das Feld begruben.
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Drauf brach das Wetter selbst noch erst, mit Schrecken, los:
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Oft hörte man erstarrt, mit abgebroch'nen Knallen,
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Die Schläge, Staffel-weis', von oben abwärts fallen,
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Und, mit Erschütterung der starck-gedruckten Erden,
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Noch immer schrecklicher, noch immer schwerer werden.
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Der Donner rollt' und kracht'. Blitz, Ströme, Strahlen, Schlossen
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Vermischten ihre Wuth; die rothen Flammen flossen,
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Und wallten überall, als wie ein feurig Meer,
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In der geborst'nen Luft entsetzlich hin und her,
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Worin, zu gleicher Zeit, mit ungestümen Wogen,
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Verdickte Regen-Ström' und gantze Flüsse flogen,
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Die öfters Boreas so durch einander trieb,
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Daß die Gestalt nicht einst vom Wasser überblieb,
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Indem es, wie gepeitscht, des Tages Licht verhüllte,
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Und mit gantz weissem Schaum die schwartzen Lüfte füllte.
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Ein steter Wolcken-Bruch stürtzt' eine dicke Fluth,
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Mit brausendem Geräusch, von oben durch die Gluht,
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Daß beydes rauscht und zischt, beströmt' das trockne Feld,
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Verschluckte das Getraid'; ein all-erschütternd Krachen
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Brach allenthalben aus; es zitterte die Welt;
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Die Berge wanckten recht; es riß die schwartze Luft
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Die düstern Pforten auf; sie schien ein weiter Rachen,
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Voll Flammen, Dampf und Gluht, ja eine Höllen-Gruft,
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In deren lichtem Pful und ungeheuren Tiefe
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Ein schütternd Strahlen-Heer, deß Licht erschrecklich hell,
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Bald rund, bald Schlangen-weis', und unbeschreiblich schnell,
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Mit zackigter Bewegung, liefe.
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Gleich schloß sich diese Kluft so plötzlich wieder,
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Und schlug der Sterblichen erschrock'ne Augen-Lieder
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Mit dicker Dunckelheit und so Pech-schwartzer Nacht,
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Ob Licht, ob Finsterniß
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Dem Hertzen gröss're Furcht gemacht.
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Da blitzt es kurtz, hier auch, wann's dorten zehnfach wittert,
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Und hier, im langen Blitz, der gantze Luft-Kreis zittert.
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Noch strahlte Blitz auf Blitz, mit fürchterlichem Schein;
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Der Donner rollte noch, mit gräßlichem Gebrülle.
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Allein, im Augenblick, nahm eine sanfte Stille
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Die fast betäubte Welt gemach von neuem ein;
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Die Wolcken theilten sich; so Duft, als Nebel, schwand;
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Das holde Sonnen-Licht, des weissen Tages Quelle,
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Goß eine See von Glantz auf das benetzte Land,
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Und macht', im Augenblick, so Welt als Himmel helle.
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Die Wiesen funckelten; es gläntzte Feld und Wald;
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Ja selbst die Sonne wies', in tausend feuchten Spiegeln,
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Auf dem genetzten Laub', die flammende Gestalt.
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Die Bluhmen haucheten, an den bewachs'nen Hügeln,
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In doppelt-schönem Schmuck, den lieblich-süssen Duft,
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Wie edlen Balsam aus, und fülleten die Luft.
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Das Land-Volck kommt gemach aus den bemooßten Hütten.
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Zu Anfang bleibet es an Zäun- und Hecken stehn,
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Schaut allenthalben hin, und wenn sie endlich sehn,
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Daß Weitzen, Obst und Dach noch nicht so viel gelitten,
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Als sie, in Angst, geglaubt, und daß sie Wind und Fluth
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Nicht viel beschädiget, ist alles wohlgemuth,
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Und lebt von neuem auf, wie man im Lentzen thut.
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Da wendet man das Heu; hie mäh't, da bindet man,
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Ja das Gefilde lebt, so weit man sehen kann.
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Es hebt die gelbe Saat die Halmen in die Höh',
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Was eingeknickt, fängt an, aufs neu' gesteift, zu schwellen,
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Und wall't, wie eine See, mit sanft-bewegten Wellen.
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Des milden Himmels Saft liegt gläntzend auf dem Klee,
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Als wie ein feuchtes Glas, indem das glatte Vieh,
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Wenn es, mit schlanckem Hals', oft bis an Bauch und Knie,
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Im Klee und Bluhmen geht, von den gespalt'nen Füssen
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Die duncklen Zeichen lässt. Die hellen Bäche fliessen,
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Und wallen sanft dahin; sie bilden Bäum' und Büsche,
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Im holden Gegen-Schein, so deutlich, daß man kaum
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Das schwimmende Gebüsch, den feuchten Schatten-Baum,
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Von dem gewachs'nen kennt. Die Schuppen-vollen Fische,
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Wann sie, dem Ansehn nach, auf hohen Wipfeln schweben,
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Sieht man, den Vögeln gleich, in blauen Lüften leben.
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Des Schilfs beweglich Laub, wie schwancke Degen-Klingen,
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Die, wo die Fluth sich endet, stehn,
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Und sich, mit lispelndem Getön',
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Zum Schmuck und Lust des Landes, schwingen,
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Belustig't das Gesicht; zumahl wann, wie ein Glas,
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Das jüngst gefall'ne Himmels-Naß
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Auf dem gesteiften Laub, wo sich's gemählig bieget,
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Wie Diamant'ne Kugeln lieget,
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In welchen sich, samt den beblühmten Hügeln,
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Die Wiesen, Büsch' und Bäume spiegeln,
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Daß alles gläntzt und lacht.
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Von seltsam spielenden geschwinden jungen Fliegen,
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Die Hitz' und Nässe zeugt. Bald steigt, bald fällt, bald schwebt
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Die Meng', indem sie sich bald theilen und bald fügen.
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Es lässt, ob kämpfe stets dieß neu-belebte Wölckchen;
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Bald öffnet es sich schnell; bald schliesset es sich dicht.
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Aufs Dunckle scheinet es, wie Gold-Staub; und im Licht'
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Ein falbes, sumsendes und lebendiges Wölckchen.
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Die schnellen Vögel schwingen
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Die feuchten Fittigen von Zweig' auf Zweig', und singen,
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Aus einem neuen Ton, so lieblich, hell und schön,
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Daß solche Stimmen uns fast an die Seele gehn.
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Mit wenigem, es scheint Luft, Wiese, Wald und Feld
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Ein altes Eden noch, und eine neue Welt.