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Als ich, bey trüber Luft, kurtz nach gefall'nem Regen,
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Der Floren buntes Kind, den hoch erhab'nen Mah
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In meinem Garten blühen sah;
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Ward Aug' und Hertz, da ich sie kaum erblicket,
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Durch ihren tausendfach gefärbten Schein, erquicket,
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Das Auge ward, durch ihren Glantz, gerührt,
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Das Hertz, in seiner Lust, zu Dem geführt,
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Der die Bewund'rungs-werthe Pracht,
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Aus blosser Lieb' und Huld, zu unsrer Lust, gemacht:
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Und so empfunden Geist und Cörper, alle beyde,
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Theils eine geistige, theils cörperliche Freude.
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Durch sie kam auf einmahl
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Ein feuriger Vergnügungs-Strahl
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Mir, durch's Gesicht, ins Hertz geschossen:
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Ich war mit süsser Lust recht übergossen.
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Um selbige nun länger zu empfinden;
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Beschloß ich, mich mit dieser Bluhmen Zier,
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Durch längere Betrachtung, zu verbinden.
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Ich setzte mich demnach bey ihnen nieder,
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Und fieng, so viel ich mich erinnern kann,
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Zum Anfang meiner Lieder,
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Du Bluhmen-Königinn, die du mit einer Krone,
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Auf einem hoch erhab'nen Throne,
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Der schöner, als Smaragd, in buntem Sammet, sitzest,
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Die Edelsteine selbst beschämest, schimmernd blitzest,
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Und aller Farben Pracht und Licht in dir vereinest,
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Ja gar im bunten Feuer scheinest,
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Wie herrlich blühest du?
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Dein funckelnd Dunckel-Roth glüht hier in hellem Schein,
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Und dort ergetzt ein hell-roth lieblich Licht,
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Das nebst denjenigen, die schimmernd weiß allein,
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Von andern, welche purpricht blau,
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Den angenehmen Schatten bricht,
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Ein menschliches Gesicht!
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Da haben rothe weiss- hier weisse rothe Grentzen,
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Wann dorten viel', in holdem Silber-Grau,
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Ja fast unzählbar'n Farben, gläntzen.
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Ach Gott! wie lieblich gläntzt und glühet,
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Wie herrlich funckelt, prangt und blühet
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Der tausend-färbig-bunte Mah.
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In seinem Schmuck sieht mein Gemüthe
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Die Weisheit, Allmacht, Lieb' und Güte
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Des Schöpfers, ja Ihn selber, nah.
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Doch welche Feder ist geschickt,
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Der Farben Glantz, so deine Blätter schmückt,
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Mit tücht'gen Farben zu beschreiben?
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Unmöglich ist's. Drum will ich nur,
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Bey deiner zierlichen Figur,
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Vorjetzt, mit meinem Singen, bleiben.
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Ein kleiner grüner Knopf gebiert
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Von grossen Blättern solche Menge,
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Daß jener ihr gefaltetes Gedränge,
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So lange sie verschränckt, nicht ohn' Verwundern spürt.
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Wer wird nicht, wann er sieht, gerührt,
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Wie künstlich sie sich zu entwickeln wissen,
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Da sie vorher so eng verschräncket liegen müssen?
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Zu Anfang sieht man noch die Spuren ihrer Falten,
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Die sie jedoch nicht lang behalten,
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Indem sie, durch die Luft gesteift,
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Ihr buntes Blatt, voll nett gekerbten Ecken,
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In holder Ründe von sich strecken.
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Die ihr mit kluger Hand, mit Scheren, kleinen Messern
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Und anderm Werckzeug', aus Pappier
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Manch künstlich Werck zu schneiden wisset,
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Sprecht, ob ihr nicht bekennen müsset,
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Daß ihr der saubern Blätter Zier
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Nicht nachzuahmen taug't, viel minder zu verbessern.
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Wann viele Bluhmen stoltz sich in die Höhe lencken,
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Und eben dadurch Sturm und Wind
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Am meisten ausgesetzet sind,
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Sieht man verschiedene die Häupter sittsam sencken,
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Wodurch ihr schönes Kleid
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Die Feinde weniger versehren,
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Einfolglich sie viel länger währen:
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Von allen Kräutern, die so schön,
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Wird man nicht leicht ein schöners sehn,
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Als wie das Majestät'sche Kraut,
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Das man, am stoltzen Fuß der Mah-Bluhm', prangen schaut.
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Es sieht vortrefflich schön gewunden,
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Vortrefflich schön gezieret, eckigt, kraus,
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Sehr zierlich eingekerbt, voll netter Spitzen,
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Voll schönem Rancken-Werck von Adern, lieblich aus.
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Ein weißlich-grüner Duft, von Farbe Seladon,
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Bedeckt den Stengel und das Blatt,
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Die sonsten dunckel-grün und glatt.
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Auf diesem siehet man, mit innigem Vergnügen,
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Zuweilen runde Kugeln liegen,
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Die reiner, als die reinesten Krystallen,
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An Ründe Perlen gleich, an Glantz dem Demant-Stein,
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Aus Thau und Regen auf sie fallen:
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Sie rollen, ohne was zu netzen,
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In ihrer vollenkomm'nen Ründe,
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(worin ich Klarheit, Glantz und Schein,
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Und, in dem Wiederschein, die schönsten Farben finde)
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Mit schnell- und lieblicher Bewegung, schimmernd fort.
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Von diesem Wunder-schönen Grünen
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Muß die so holde Pracht, die auf so mancher Stelle
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Ein wenig dunckel-grün, doch meistens lieblich helle,
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Den bunten Bluhmen selbst zur schönsten Fulge dienen,
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Dadurch ihr weißlich Grün, was sonst schon lieblich glüht,
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Man noch verschönerter und herrlich funckeln sieht
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Ich sah hierauf, daß von den hohen Stielen,
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Vielleicht vom Regen allzuschwer,
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Bald hier bald dort die bunten Blätter fielen.
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Mich dauret' es; doch gab mir's diese Lehr:
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Die Schönheit ist der Bluhmen Eigenschaft;
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Doch sind sie von Natur vergänglich, flüchtig:
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Ihr Kleid ist wandelbar, sie selber nichtig.
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Entkleidet sie gar bald, und rafft
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Die Bildungs-Pracht, der Farben Herrlichkeit,
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Mit scharfen Fingern weg, da jeder Augenblick
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Sie, durch ein stilles Reiben, plaget,
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Und gleichsam, wie ein Wurm, an ihrem Wesen naget.
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Ihr, die ihr noch im Frühling eurer Jahre,
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Den Bluhmen gleich, an holder Schönheit blühet,
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Die ihr, wie Lilien, gläntzt, und, wie die Rosen, glühet,
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Ach dencket doch hierauf zurück!
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Ihr seyd dem Bluhmen-Heer, auch an Vergänglichkeit
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Nicht minder, als an Schönheit, gleich:
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Ihr prangt, stoltziret, brüstet euch;
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Womit? mit Farben. Die verschwinden
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Im Huy. Im Huy wird Gras zu Heu;
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So wird der schönsten Bluhmen Pracht,
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Durch Hitze, Kält' und Dampf, vom Regen und von Winden,
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Verheeret und zu nicht gemacht.
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Zertreten sind sie theils, und theils vom Vieh verzehrt.
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Wie bald vergeht das Kraut, wie bald verwelckt das Laub!
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Ach, leider! ach wie bald ist auch der Mensch in Staub,
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Durch manchen Unglücks-Fall, verkehrt!
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Was um und an uns ist, bestreitet uns: es droht
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Uns mancherley Gefahr, ja manchen jähen Tod,
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Selbst das, draus wir bestehn, der Elementen Wuth.
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Durch Gift, durch Sturm, durch Wasser, Dampf und Gluht,
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Wird mancher unverhofft verschlungen und verzehret,
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Gestürtzet und erstickt,
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Durch schwere Last erdrückt,
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Durch Schwerdt und Waffen aufgerieben,
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Oft durch des Pulvers wilde Macht
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Zerquetscht, verschüttet, umgebracht.
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Drum denckt, so oft ihr Bluhmen sehet,
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Daß ihr, wie Bluhmen, schnell vergehet.
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Doch bey dem Mah, der eine Krone trägt,
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(die man nicht eher sieht, als da sie welckt) erwegt:
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Dein Sterben, liebster Mah, zeigt allererst die Krone.
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Du bist ein Bild von einem schönen Leben:
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Ach möcht' ich, Gott zum Dienst zu leben, mich bestreben!
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So weis ich, würd' auch Gott, aus Gnaden, mir zum Lohne,
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Des Nachruhms hier, und dort des Himmels Krone geben.