Des Firmaments entwölckte Bühne

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Barthold Heinrich Brockes: Des Firmaments entwölckte Bühne Titel entspricht 1. Vers(1713)

1
Des Firmaments entwölckte Bühne,
2
War voller Strahlen, Glantz und Schein:
3
Die Quell' des Lichts, die güld'ne Sonne, schiene
4
Des Himmels Mittel-Punct zu seyn.
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Von oben fiel ihr gantz gerader Strahl,
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Erhellt' und füllete, mit einem strengen Licht',
7
Das sonst beständig kühl- von Schatten schwartze Thal.
8
Der Luft-Kreis glimmt' und kocht', es lechzte Gras und Laub.
9
Silvanders Heerde konnte nicht,
10
In denen fast versengten Heiden,
11
Für Mattigkeit und Hitze, länger weiden.
12
Die Schafe streckten sich in den verbrannten Staub.
13
Drum er sie Seiten-wärts in einen dicken Wald,
14
Der holden Kühlung Sitz, der Schatten Aufenthalt,
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Dem frisches Gras den Grund, und Laub den Wipfel zierte,
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Mit sanften Schritten flötend führte.
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Zumahlen er, in den bebüschten Gründen,
18
Beraldo, seinen Freund, verhoffte vorzufinden,
19
Der mehrentheils, im Schatten dichter Bäume,
20
Die Schafe weidete; wo er, durch süsse Reime,
21
Die Gottheit, die mit Klee und Gras
22
Die Wiesen, und mit Laub die duncklen Wälder, schmücket,
23
Der uns, zu rechter Zeit, ein heilsam Naß,
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Im kühlen Thau und Regen, schicket,
25
Wodurch die Wollen-reichen Heerden
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Geträncket und genähret werden;
27
Das Wesen, Dem dafür von allen Hirten Ehre,
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Als einem solchen
29
Der aller Welt und Sonnen Heere,
30
Als eine Heerde Schafe, führt)
31
In mancherley Beschreibungen besang,
32
Daß Berg und Thal davon erklang.
33
Um ihm ein schön Gedicht, auf ein geschmiedet Eisen,
34
So er den Vormittag verfertiget, zu weisen.

35
Ihr bester Zeit-Vertreib war eben dieß:
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Daß einer seines Geistes Früchte,
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Die in der Einsamkeit erfundenen Gedichte,
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Zu beyder Nutz, zu beyder Lust,
39
Da keiner was vom Neid und bittrer Scheel-Sucht wust',
40
(ein Stand, bey Dichtern rar) dem andern sehen ließ.

41
Er traf ihn aber nicht, wohl aber Damon, an,
42
Der ihm berichtete:
43
Beraldo wär', in früher Morgen-Stunde,
44
Schon aus dem Schatten-reichen Grunde,
45
Auf jenes Berges steile Höh',
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Des Wipfel man,
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Für Wolcken, nicht von unten sehen kann,
48
Nachdem er seine Heerd' ihm anvertraut, gestiegen.

49
Silvander bat hierauf, so bald er dieß gehört,
50
Daß Damon seine Schaf', absonderlich die Ziegen,
51
Auch mit beachten möcht', und eilte, voll Verlangen,
52
Beraldo wieder zu umfangen,
53
Ihm nach, und gleich den Berg hinan:
54
Nachdem er eine Flasche,
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Voll frischer Milch, in seine bunte Tasche,
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Zum Labsal, eingestecket.

57
Das rauhe Hartz-Gebürg' erstrecket,
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Erhebt und thürmet sich
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Fast unersteiglich, schroff und gähe,
60
Allhier zu einer solchen Höhe,
61
Die selbst dem Blick fast fürchterlich.
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Doch ließ er sich die Schwierigkeit nicht hindern,
63
Noch die ihn treibende Begier dadurch vermindern.
64
Er trat die rauhe Bahn
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Mit fohen Schritten an.
66
Und, weil ein Fuß-Steig ihm nicht unbekannt;
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Verkürtzt' er seinen Weg, so, daß, in kurtzer Zeit,
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Trotz des Gebürges Rauhigkeit,
69
Er oben auf des Berges Spitzen,
70
Mit müden zwar, doch frohen Füssen, stand.

71
Hieselbst sah er, auf einem grossen Stein,
72
Mit Steinen gantz umringt, Beraldo gantz allein
73
Vertieft im Dencken, schreibend sitzen.
74
Indessen daß, von seiner Hand,
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Er ein beschrieben Blättchen fand,
76
So ihm der Wind entführt. Er hub's begierig auf,
77
Und lase diese Worte drauf:

78
»indem das Feld mit Schnee der dunckle Winter decket,
79
Und scharfes Eis die Fluth verstecket,
80
Sitz' ich allhier,
81
Wo ich, vergnügt, mir selber lebe,
82
Und von der eitelen Begier
83
Mich zu entfernen, mich bestrebe,
84
Bey einem frohen Feur, befreyt vom Neid und Zancken.
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Bald schreibt mein reger Kiel,
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Bald sing' ich, bald erklingt mein Saiten-Spiel.
87
Und, wenn, voll Ehr-Suchts-Dunst, sich schleichende Gedancken
88
Von neuem etwan meine Sinnen
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Zu füllen unterstehn; treibt die Erinnerung,
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Die mich zur Vorsicht bringt, dieselben schnell von hinnen.

91
Pracht, Hoheit, Titel, Geld, Ruhm, Reichthum, Ehre, Würde!
92
Was seyd ihr eigentlich?
93
Daß eurentwegen sich
94
Die Menschen so zerfoltern? Eine Bürde,
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Die, ohn' Ergetzen, drückt; ein überzuckert Gift,
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Ein' unbeständ'ge Lust, ein daurhaft Unvergnügen.
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Ich fieng auch ehmahls an, vermessentlich,
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Wie Icarus, empor zu fliegen.
99
Jetzt aber sitz' ich hier, und lache mich,
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Samt meiner Thorheit, aus.« Ja, fieng Silvander an,
101
Beraldo, du hast recht: wie wohl hast du gedacht!
102
Wie glücklich ist, der es so weit gebracht!
103
Wie glücklich ist, der also dencken kann!

104
Er fand darauf annoch an einem andern Orte,
105
Auf einem Zettul, diese Worte:
106
Er lachte,
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Wie er auf die Vergleichung dachte.
108
Drauf nähert' er sich ihm, doch in geheim, und schlich
109
Gemach zu ihm hinan.
110
Doch, da ein dürrer Ast, zertreten, brach und krachte,
111
Fuhr jener, durch's Geräusch erschreckt, so stark in sich,
112
Daß, von der regen Hand, die von der Stelle flog,
113
Ein schneller langer Strich
114
Sich über sein Papier, das er beschrieben, zog.

115
Sie lachten hertzlich alle beyde,
116
Bezeugten Wechsels-weis' einander ihre Freude,
117
Und, wie sie mit der Milch den Durst, den beyde fühlten,
118
Nachdem sie sie vorhin in einer Quelle kühlten,
119
Nicht ohne Lust gestillt, sich beyde niedersetzten,
120
Und an der bunten Pracht
121
Der Landschaft sich ergetzten;
122
Ließ das, womit sein Kiel beschäfftiget gewesen,
123
Beraldo, seinen Freund, auf sein Verlangen, lesen.

124
Des rauhen Hartzes rauhe Pracht
125
Hatt' er, durch seine Pflicht getrieben,
126
Zu Ehren dem, der ihn zum Schatz-Behalter macht,
127
Fast mehr geschildert, als beschrieben.
128
Absonderlich hatt' er des glatten Marmors Prangen,
129
Den Blanckenburgs Gebürg' uns hier,
130
In einer tausendfach gefärbten Zier,
131
Zu einem Wunder bringt, zu bilden angefangen.

132
Es wiederholete der Wiederhall,
133
Mit einem sanften Schall,
134
Aus mancher Kluft, von mehr, als einem Orte,
135
Als er, wie folget, las', fast alle Worte:

136
Welch eine Last von Stein! Welch eine Felsen-Welt
137
Wird meinem starren Blick' hier vorgestellt!
138
Fast alles, was allhier die Augen schauen,
139
Gebieret Furcht, sucht ein geheimes Schrecken
140
Auch dem, der sonst nicht bange, zu erwecken.

141
Es hauchet Wiedrigkeit und Grauen,
142
An diesem Ort, fast jeder Vorwurf aus.
143
Es sehn zugleich die scheuch- und starren Blicke
144
Hier ungeheure Felsen-Stücke,
145
Bald fest und gantz, und bald zerbrochen und zerspalten:
146
Bald Abgründ', Hölen, Mooß und Graus.
147
Ein gantz verwirrt Gemisch von allerley Gestalten,
148
Materien und Farben, stellet hier
149
Uns gleichsam recht ein Chaos für.

150
Leim- Marmor- Kiesel-Berg', unordentlich vermengt,
151
Unordentlich erhöht, unordentlich zerbrochen,
152
Als wären sie, durch ungefehren Fall,
153
So wunderlich in sich gedrengt,
154
Erblickt man überall.

155
Von erst geschmoltznem Schnee kommt hier ein träger Bach,
156
Vermischt mit Schlamm und faulem Mooß,
157
Aus kleinen Oeffnungen gekrochen:
158
Vermehrt sich aber allgemach,
159
Wird, eh man sich's versiehet, groß,
160
Erzürnt sich, schäumt und braust, und was erst kaum geflossen,
161
Kommt, über schroffe Stein', erbost herab geschossen,
162
Reisst selbst den Boden mit, stürtzt, mit beschäumtem Grimm,
163
Bejahrte dicke Bäum' und schwere Felsen üm.

164
An manchem Orte sind der Berge rauhe Höh'n
165
Recht ungeheuer schön.
166
Die Grösse kann uns Lust und Schrecken
167
Zugleich erwecken.
168
Entsetzlich ist der Klippen Höh' und Dicke:
169
Entsetzlich groß sind abgerollte Stücke:
170
Entsetzlich schwartz sind aufgespalt'ne Klüfte:
171
Entsetzlich tief, wie Rachen, hohle Grüfte:
172
Die mehrentheils verwirrte Dornen-Hecken,
173
Die voller Furcht und Grauen stecken,
174
Mit Klauen-gleichen Stacheln decken.

175
Die Gegenden sind meistens wüst' und wild,
176
Mit steter Dämmerung und Schatten angefüllt.
177
Die Einsamkeit allein
178
Scheint hier Bewohnerinn zu seyn.

179
Jedoch, erstarrter Sinn, begreife dich!
180
Die furchtbare Gestalt ist nicht so fürchterlich.
181
Sieh nicht allein der Berge wildes Wesen,
182
Sieh auch derselben Schmuck, zusamt dem Nutzen, an!
183
Du kannst hier mehr, als man leicht sonsten kann,
184
Des Schöpfers Huld und Macht, aus ihrer Anmuth, lesen.
185
Es wird kein Mensch die Vortheil' alle nennen,
186
Die ein Gebürg' uns bringt, noch sie beschreiben können.

187
Es stecken kostbare Metallen,
188
Es stecken klare Berg-Crystallen,
189
Samt Silber, Gold, der Menschen Lust,
190
In ihrer finstern Brust.
191
Das Wasser, das von ihren Gipfeln fällt,
192
Beströmt und tränckt die dürre Welt.
193
Ja, selbst die Rauhigkeit, die wir an vielen sehn,
194
Kann andrer Lieblichkeit und Anmuth noch erhöhn,
195
Durch ihren Gegensatz. Wie manchen Hügel schmücket
196
Des Grases grüner Sammt, der schönsten Kräuter Pracht!
197
Wie manche grün- und holde Nacht
198
Wird hier, im dichten Busch', erblicket!
199
Wann dort, bald an der Berge Gipfel,
200
Bald an der hohen Bäume Wipfel,
201
Ein schnelles Licht, ein heller Strahl
202
Mit frohem Schimmer fällt; wird im bebüschten Thal,
203
Auch selber in den Mittags-Stunden,
204
Ein angenehme Kühl- und sanfte Dämmerung,
205
Oft in der Nachbarschaft desselben Strahls, gefunden.

206
Es ändern, wechseln, trennen, gatten,
207
Vermischen, färben, bilden sich
208
Viel tausend Lichter, tausend Schatten,
209
So lieblich, als verwunderlich.

210
Es zeigen hier der Berge rauhe Rücken,
211
Auf welchen oft, statt Kräuter, Gras und Klee,
212
Ein graues Eis, bejahrter Schnee,
213
Die schroff- und rauhen Häupter drücken,
214
Den Winter: wann, zu gleicher Zeit,
215
Mit grün beblühmter Lieblichkeit
216
Viel Hügel, wie im Herbst, dort andre, wie im Lentzen,
217
Und hier verschied'ne, recht als wie im Sommer, gläntzen.
218
So, daß man hier nicht nur die Tages-Zeiten; gar
219
Die Jahres-Zeiten auch zugleich, und zwar
220
Auf einmahl, fühlt und sieht.

221
Erwege dieß mit Lust und Andacht, mein Gemüth!
222
Es lassen des Gebürgs so rauh- als schöne Höhen
223
Ein Bild von irdischen Verwirrungen uns sehen:
224
Indem ja Freud' und Leid, und Schertz und Schmertz auf Erden,
225
Wie Lust und Grauen hier, vereint gefunden werden.

226
Allein, was seh' ich ferner hier
227
Bey dieses Berges rauher Zier?
228
Was müssen nicht für Reichthum, welchen Segen
229
Von Marmor und Metall
230
Der Berge Bäuche hegen!
231
Kann ich doch überall
232
Den schönsten Marmor-Stein, in grossen Stücken,
233
So gar schon auf der Fläch', erblicken!
234
Wie gläntzet dieser hier, als wär' er schon polirt!
235
Wie bunt ist jener dort! Ich kann mich nicht enthalten,
236
Der unterschiedlichen unzähligen Gestalten
237
Und Farben Meng' im Marmor zu besehn,
238
Und, in der drob verspürten Augen-Lust,
239
Mit inniglich dadurch gerührter Brust,
240
Ein all-erschaffendes allmächt'ges Wunder-Wesen,
241
Ohn' Dem nichts ist, was ist, bewundernd zu erhöhn.

242
Man kann allhier, sowohl vermischt, als eintzeln, schön,
243
(ob wir gleich von der Schrift den Inhalt nicht verstehn)
244
Auch in gebrochnen Lettern lesen,
245
Daß, was geschrieben, sey, den Schöpfer anzuweisen,
246
Um auch, im Marmor-Stein, sein Wunder-Werck zu preisen.
247
Man kann, in tausendfach veränderlichen Zügen,
248
Die sich bald trennen und bald fügen,
249
Allhier ein tausendfach vermischtes Etwas sehn,
250
Worin die spielende geschäfftige Natur
251
So manche Bildungs-Art, und seltsame Figur,
252
Die in dem bunten Stein, zwar wunderlich, doch schön
253
Verstreuet und vereint, so durch einander gehn,
254
Daß es das Aug' ergetzt; den Augen vorgestellt.

255
Es sind so viel verworrene Figuren
256
Theils halb-theils gantzer Creaturen,
257
So viele Mischungen von klein- und grossen Stücken,
258
Vereint und nicht vereint, im Marmor zu erblicken;
259
Daß, so von Form als Farb', auch er ein Chaos scheint,
260
Das etwan auf einmahl erstarrt sey und versteint.

261
Hier sieht man stille Wirbel sich,
262
Dort trockne Strudel gleichsam regen.
263
Hier scheinen sich die Wellen eigentlich,
264
Ohn' daß sie sich bewegen, zu bewegen.
265
Bald stellt der Marmor Bäum' und Thier',
266
Und bald gebrochne Stein' und Ertz natürlich für.
267
Oft scheint ein rother Marmor-Stein
268
Zu Stein geword'nes Fleisch zu seyn.
269
Viel grosse Adern sind mit kleinern oft durchkrochen,
270
Die, eintzeln bald, und bald mit Haufen,
271
Bald an- und in-, bald durch einander laufen,
272
Woraus so mancherley Figur und Form entsteht.
273
Die schönen Farben sind auf tausend Art gebrochen,
274
Auf tausend Art gemischt, vertiefet und erhöht,
275
Bald hell und bald gedämpft, bald feurig und bald matt.

276
Es sind sowohl die Meng', als Graden nicht zu zählen.
277
Auch wird es ihnen nie an einem Firniß fehlen,
278
Als der mit ihnen wächst, und der ihm einverleibt.
279
Denn, eben daß er glatt,
280
Vermehret seinen Werth, erhebet seinen Preis.

281
So bald man nur das rauhe von ihm reibt,
282
Wie solches hier des Künstlers Fleiß
283
Recht künstlich zu verrichten weis;
284
So ist kein Spiegel-Glas so gläntzend und so rein,
285
Als wie, in Blanckenburgs polirtem Marmor-Stein,
286
Die abgeschliff'nen Flächen seyn.

287
Wie oft hab ich in ihm, als wie im reinsten Spiegel,
288
Gebüsche, Feld und Wald, und Thal, und Berg' und Hügel,
289
Ja gar, mit inniglichen Freuden,
290
Bald im verwachs'nen Thal, bald auf den steilen Höh'n,
291
Auch meine liebste Heerde weiden,
292
Und meine Ziegen klettern sehn.

293
Man kann, in Blanckenburgs Gebürg- und ihren Gründen,
294
Von allen Farben Marmor finden,
295
So wie man ihn verlangt:
296
Da bald ein helles Weiß im rothen Grunde prangt;
297
Da er bald braun, bald schwartz, vermischt mit weiß und grau,
298
Bald gelb und grün so gar,
299
(das, selbst in Griechenland und Welschland, Wunderrar)
300
Bald bunt gesprenget ist, mit roth, mit grün und blau.

301
Wer bildet nun des Marmors bunte Pracht?
302
Wer hat die Felsen selbst so schön, so glatt gemacht?
303
Derselbe, der der bunten Bluhmen Zier
304
So Wunder-würdig färbt, der färbet gleichfalls hier,
305
Zu unsrer Augen-Lust, den Sand, und schmückt den Stein
306
Mit tausend-färbigen Figuren, Glantz und Schein.
307
Und eben Der verlieh' auch uns den Witz,
308
Denselbigen so künstlich zu poliren,
309
Da er ja sonsten uns zu nichtes nütz'.
310
Wie sollte denn auch dafür nicht
311
Der Allmacht, ohne die nichts, was geschicht, geschicht,
312
Erkenntlichkeit und Danck gebühren?

313
Wir sollten billig nie den Blick
314
Auf den so schön- und bunten Marmor lencken;
315
Ohn' auf die Kraft, die ihn formirt, zurück,
316
Bey unsrer Augen-Lust, zu dencken.

317
O! welch ein Schatz demnach, der nicht zu schätzen,
318
So wohl zum Nutzen als Ergetzen,
319
Zur Zier und mancherley Gebrauch,
320
Liegt hier in dieses Berges Bauch!
321
Wer wird doch alle Dinge nennen,
322
Beschreiben und erzählen können,
323
Die man, so wohl zur Dauer, als zur Pracht,
324
Aus Blanckenburgs polirtem Marmor macht!

325
Der Himmel solchen Schatz gesenckt,
326
Und solchen Marmor dir geschenckt,
327
Daß ich in Welschland selbst nicht seines gleichen finde,
328
Selbst der, den Paros zeugt, kann ihm, an Glantz, nicht gleichen,
329
Und der, aus Tenarus, muß ihm, an Farben, weichen:
330
Da er, von Jaspis hier, und dorten von Achat,
331
Den Glantz, die Farb' und Adern hat.
332
Was sag' ich? ja bey dem, da er so schön geziert,
333
So Jaspis, als Achat selbst seinen Preis verliert.

334
Dein ietziger Beherrscher ist es werth,
335
(ich sag' es ohne Schmeicheley)
336
Daß Ihm ein solches Land beschert,
337
Woselbst, um Sein Verdienst (das nie genug zu schätzen)
338
In festen Marmor einzuätzen,
339
An Marmor kein Gebrechen sey.

340
Ist ehedem ein Berg, wie ich einmahl gelesen,
341
Zur Bild-Seul' einem Helden dort,
342
Zum Nachruhm, zugedacht gewesen;
343
So ist ja wohl kein bess'rer Ort,
344
Um diesem Herrn ein Ehren-Mahl zu bauen,
345
Als jenen Marmor-Berg, den wir dort vor uns schauen,
346
Der Seine Wohnung trägt, für Ihn zurecht zu hauen.

347
Wie wenig Fürsten sind auf Erden,
348
Die von den Unterthanen mehr
349
Geliebet, als gefürchtet werden!
350
Wie wenig sind geschickt, ein Krieges-Heer
351
Mit eig'nem Vorgang anzuführen!
352
Wie wenig Fürsten sind, die selbst regieren!
353
Bey denen Frömmigkeit sich mit der Staats-Kunst paart
354
Wie selten ist ein Fürst, der im Gelehrten Orden,
355
Auf Schwartzburgs Günthers Art,
356
Zum Mitglied nicht allein, zum Wunder worden,
357
Wie
358
Den selbst der Sechste

359
Wer zählt die Tugenden, die gleichfalls sonder Zahl,
360
An Dessen würd'gem Eh-Gemahl,
361
Der theuersten
362
Die so, wie Er den Fürsten, den Fürstinnen
363
Von je her sich mit Recht zu einem Muster wiese;
364
Und die, nicht nur ihr Unterthan,
365
Ein jeder, er sey fern und nah,
366
Der Sie nur einmahl sah,
367
Mit Ehrfurchts-voller Lieb', als unvergleichlich, priese.
368
Was hab' ich nicht, eh' ich den Hof verlassen,
369
Um mit dem Hirten-Stab die Ruh' hier zu umfassen,
370
Von Ihrem Hohen Geist gesehen und gehört!
371
Was hat Sie nicht, durch Großmuth angetrieben,
372
Zum Heil des Teutschen Reichs, mit eig'ner Hand geschrieben!

373
Wie wird nicht dieses Paar in Ost und West geehrt!
374
Nicht Teutschland nur, Europa wünschet ihnen,
375
Absonderlich für die so schöne Kaiserinn,
376
So Sie der Welt geschenckt, aus Danck-erfülltem Sinn,
377
Damit sie lange noch in stetem Glücke grünen:

378
Himmel, laß es doch geschehn,
379
Daß Ihr fürstlich Wohlergehn,
380
An der Dauer, Marmor gleiche!
381
Daß dieß theure Fürsten-Paar
382
Noch ein oft vervielfacht Jahr,
383
Ja das spätste Ziel erreiche,
384
So allhier, in diesem Leben
385
Einem Sterblichen gegeben!

386
Kaum kam Beraldo mit dem Lesen
387
So weit; als ihn Silvander unterbrach,
388
Und, voller Freuden, rief und sprach:
389
Wie lieb, Beraldo, ist es mir,
390
Daß Teutschlands Ehre, Ruhm und Zier,
391
Fürst,
392
Ein Vorwurf deines Kiels gewesen!
393
Auch ich hab' gestern Nachmittag,
394
(indem ich es mir längstens vorgenommen)
395
In einem Liede viel von Seinem Ruhm erzählt,
396
So ich dir zeigen will, wann wir zurück gekommen.
397
Und, weil daran nichts, als der Schluß, noch fehlt,
398
So wirst du, auf mein Bitten,
399
In meiner Schatten-reichen Hütten,
400
Für Sein lang daurendes Vergnügen,
401
Auch deinen Wunsch zu meinem fügen.
402
Sodann, und eher nicht, will ich, was auf das Eisen
403
Von mir verfertigt ward, unausgesetzt dir weisen.

404
Ja! rief
405
Und zwar um desto mehr zu dieser Zeit,
406
Da mich ein ungewohnt- und froher Trieb will zwingen,
407
Was künftiges, schon zum voraus, zu singen,
408
Wie ich wohl eh' gethan:

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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