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Es giengen jüngst Ergast und Belisander,
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In einen dicht-verwachs'nen Wald,
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Zur schwühlen Sommers-Zeit, vertraulich mit einander,
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Um, unter Eichen, Büchen, Linden,
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Der holden Kühlung Aufenthalt,
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Der frischen Schatten Kind, zu finden.
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An einen angenehm-erhab'nen Ort,
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Der sein beschattet Haupt mit krausen Büschen kräntzte,
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Und doppelt schön, im nahen Wasser, gläntzte,
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Das an der grünen Höhe Fuß,
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Wie ein lebendig Silber, rollte,
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Und manchen feuchten Kuß,
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Durch sein erquickend Naß, dem fetten Ufer zollte.
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Sie sah'n die Bluhmen, auf den Hügeln,
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Sich theils in eig'nem Schmuck verliebt bespiegeln;
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Theils sahen sie, um sich zu träncken,
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Die Bluhmen in die Fluth die bunten Häupter sencken.
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Sie hör'ten, in den nahen Büschen,
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Gelinde Winde säuselnd zischen.
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Es waren hier beblühmte Höhen,
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Bebüschte Thäler dort, zu sehen.
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Sie sah'n der Vögel Schaar von Zweig auf Zweige springen.
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Sie hörten auf einmahl,
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Von kleinen Schnäbeln ohne Zahl,
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Ein zwitscherndes Geräusch, ein süß-verwirrtes Singen.
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Das Gurgeln der verliebten Nachtigall,
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Das Murmeln von den hellen Bächen,
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Die auf dem Kiesel-Grund die Fluth gemählich brechen,
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Sucht der geschwinde Wiederhall,
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Den Schall verdoppelnd, nachzusprechen.
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Hiedurch fast halb entzückt, hub Belisander an,
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Der Wälder Schmuck, wie folget, zu besingen:
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Ach, wie viel schöne Farben fallen,
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Bey diesen fliessenden Krystallen,
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Die diesen dichten Wald durchwallen,
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Mir nicht auf einmahl ins Gesicht!
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Ein tausendfach gefärbtes Licht,
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Ein tausendfach geformter Schatten,
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Die sich bald trennen und bald gatten,
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Und tausendfach vermischet seyn;
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Verdoppeln sich im Wieder-Schein.
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Es kann mein Auge sich nicht satt,
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An aller Vorwürf' Anmuth sehn.
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Ein jeder Strauch, ein jedes Blatt
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Ist schön, ist Wunder-würdig schön.
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Hier bricht ein lichtes Grün, in gleich-gezog'ner Länge,
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Durch starck beschatteter bemooßter Stämme Menge.
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Dort sencket sich ein dicht bepflantzter Hügel,
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Und strecket den bewachs'nen Fuß
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Bis an des Bachs durchsicht'gen Spiegel,
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In dessen unvermercktem Fluß
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Der Bäume Meng' ihr angenehmes Grün
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Selbst zu besehn, selbst zu bewundern schien.
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Es schimmern hier, in dunckeln Gründen,
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Wenn sie das Sonnen-Licht bestrahlt,
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Der schlancken Bircken weisse Rinden,
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Als wären sie mit Silber übermalt.
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Hier bieget sich manch Knoten-reicher Ast,
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Durch seiner Blätter Meng' und Last
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Gleich als mit Macht herab gezogen,
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Macht manchen schattigten gantz dunckel-grünen Bogen,
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Und stärckt, durch seine Dunckelheit, die Augen,
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Daß sie das helle Feld,
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Da, wo es selbst der Sonnen Strahl erhellt,
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Viel deutlicher, durch sie, zu schauen taugen.
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Des schattigten Waldes erhabene Wipfel
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Bewölcket der Blätter annehmliches Grün,
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Um Augen und Hertzen gen Himmel zu ziehn.
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Wer wollte denn immer am Irdischen kleben?
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Laß Sinnen und Seelen den Schöpfer erheben!
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Sein herrlichs Geschöpfe verherrlichet Ihn.
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Es ist der dick-verwachs'ne Wald,
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Erfüllt mit dicht-belaubten Büschen,
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Worin sich Furcht und Licht mit Lust und Schatten mischen,
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Der Ruhe wahrer Aufenthalt.
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Der zarten Blätter lispelnd Rauschen
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Reitzt jedes unzufried'nes Hertz,
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Mit Lust und Anmuth seinen Schmertz,
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Und mit Vergnüglichkeit sein Leiden, zu vertauschen.