Es giengen jüngst Ergast und Belisander

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Barthold Heinrich Brockes: Es giengen jüngst Ergast und Belisander Titel entspricht 1. Vers(1713)

1
Es giengen jüngst Ergast und Belisander,
2
In einen dicht-verwachs'nen Wald,
3
Zur schwühlen Sommers-Zeit, vertraulich mit einander,
4
Um, unter Eichen, Büchen, Linden,
5
Der holden Kühlung Aufenthalt,
6
Der frischen Schatten Kind, zu finden.
7
Sie setzten sich sofort
8
An einen angenehm-erhab'nen Ort,
9
Der sein beschattet Haupt mit krausen Büschen kräntzte,
10
Und doppelt schön, im nahen Wasser, gläntzte,
11
Das an der grünen Höhe Fuß,
12
Mit sanftem Fluß,
13
Wie ein lebendig Silber, rollte,
14
Und manchen feuchten Kuß,
15
Durch sein erquickend Naß, dem fetten Ufer zollte.

16
Sie sah'n die Bluhmen, auf den Hügeln,
17
Sich theils in eig'nem Schmuck verliebt bespiegeln;
18
Theils sahen sie, um sich zu träncken,
19
Die Bluhmen in die Fluth die bunten Häupter sencken.

20
Sie hör'ten, in den nahen Büschen,
21
Gelinde Winde säuselnd zischen.
22
Es waren hier beblühmte Höhen,
23
Bebüschte Thäler dort, zu sehen.
24
Sie sah'n der Vögel Schaar von Zweig auf Zweige springen.
25
Sie hörten auf einmahl,
26
Von kleinen Schnäbeln ohne Zahl,
27
Ein zwitscherndes Geräusch, ein süß-verwirrtes Singen.
28
Das Gurgeln der verliebten Nachtigall,
29
Das Murmeln von den hellen Bächen,
30
Die auf dem Kiesel-Grund die Fluth gemählich brechen,
31
Sucht der geschwinde Wiederhall,
32
Den Schall verdoppelnd, nachzusprechen.
33
Hiedurch fast halb entzückt, hub Belisander an,
34
Dem
35
Der Wälder Schmuck, wie folget, zu besingen:

36
Ach, wie viel schöne Farben fallen,
37
Bey diesen fliessenden Krystallen,
38
Die diesen dichten Wald durchwallen,
39
Mir nicht auf einmahl ins Gesicht!
40
Ein tausendfach gefärbtes Licht,
41
Ein tausendfach geformter Schatten,
42
Die sich bald trennen und bald gatten,
43
Und tausendfach vermischet seyn;
44
Verdoppeln sich im Wieder-Schein.

45
Es kann mein Auge sich nicht satt,
46
An aller Vorwürf' Anmuth sehn.
47
Ein jeder Strauch, ein jedes Blatt
48
Ist schön, ist Wunder-würdig schön.

49
Hier bricht ein lichtes Grün, in gleich-gezog'ner Länge,
50
Durch starck beschatteter bemooßter Stämme Menge.
51
Dort sencket sich ein dicht bepflantzter Hügel,
52
Und strecket den bewachs'nen Fuß
53
Bis an des Bachs durchsicht'gen Spiegel,
54
In dessen unvermercktem Fluß
55
Der Bäume Meng' ihr angenehmes Grün
56
Selbst zu besehn, selbst zu bewundern schien.
57
Es schimmern hier, in dunckeln Gründen,
58
Wenn sie das Sonnen-Licht bestrahlt,
59
Der schlancken Bircken weisse Rinden,
60
Als wären sie mit Silber übermalt.
61
Hier bieget sich manch Knoten-reicher Ast,
62
Durch seiner Blätter Meng' und Last
63
Gleich als mit Macht herab gezogen,
64
Macht manchen schattigten gantz dunckel-grünen Bogen,
65
Und stärckt, durch seine Dunckelheit, die Augen,
66
Daß sie das helle Feld,
67
Da, wo es selbst der Sonnen Strahl erhellt,
68
Viel deutlicher, durch sie, zu schauen taugen.

69
Des schattigten Waldes erhabene Wipfel
70
Bewölcket der Blätter annehmliches Grün,
71
Um Augen und Hertzen gen Himmel zu ziehn.
72
Wer wollte denn immer am Irdischen kleben?
73
Laß Sinnen und Seelen den Schöpfer erheben!
74
Sein herrlichs Geschöpfe verherrlichet Ihn.

75
Es ist der dick-verwachs'ne Wald,
76
Erfüllt mit dicht-belaubten Büschen,
77
Worin sich Furcht und Licht mit Lust und Schatten mischen,
78
Der Ruhe wahrer Aufenthalt.
79
Der zarten Blätter lispelnd Rauschen
80
Reitzt jedes unzufried'nes Hertz,
81
Mit Lust und Anmuth seinen Schmertz,
82
Und mit Vergnüglichkeit sein Leiden, zu vertauschen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.