Es stösst an meinen dicht-belaubten Bogen-Gang

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Barthold Heinrich Brockes: Es stösst an meinen dicht-belaubten Bogen-Gang Titel entspricht 1. Vers(1713)

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Es stösst an meinen dicht-belaubten Bogen-Gang
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Ein Fisch-Teich, der, so breit, als lang,
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Ein Regel-rechtes Viereck zeiget.
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Das Ufer deckt beblühmtes Gras,
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Und, weil es allgemählig steiget,
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Scheint jede Seit' ein kleiner Hügel.
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Das glatte Wasser scheint ein Glas
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Von einem rein polirten Spiegel,
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Der, an der Seiten, uns der Erden grüne Zier,
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Und, in der Mitte, gar den himmlischen Sapphir,
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Des Tages voller Glantz, des Nachts voll Sterne, zeiget,
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Und so die schöne Pracht des Himmels und der Welt
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Verdoppelt uns vor Augen stellt.

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Wenn ich der grünen Klarheit Grentzen,
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Mit aufmercksamem Blick, beschau';
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Seh ich des Himmerls funckelnd Blau
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Oft rein, oft hier und dort voll Wolcken-Silber gläntzen.
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Man kann, wenn man's erweget, finden,
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Wie, voller Licht und Klarheit, hier
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Des Himmels und der Erden Zier,
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Auf einer Stelle, sich verbinden.

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Ach, daß man nicht den Schöpfer preiset,
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Wenn man so holde Schönheit sieht,
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Womit sich die Natur, auf sein Geheiß, bemüht,
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(um es in's Aug' uns recht zu prägen)
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Sie uns gedoppelt vorzulegen!
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Denn dencket nicht, als ob von ungefehr
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Des Wassers Fläche solche Glätte
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Empfangen hätte.
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Wie Alles, kommt auch dieß von Gottes Allmacht her.
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Ach, daß ich oft an diese Wahrheit dächte!
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Ach, daß doch öfters mein Gemüthe
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Den Teich, von meines Schöpfers Güte,
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Als einen Spiegel, brauchen möchte!

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Der Schatten hier, und dort der Wiederschein
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Von den geschornen Taxus-Hecken,
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Wodurch der Teich umfasst, bedecken,
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In einer Anmuth-reichen Pracht,
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Mit grüner Dämm'rung hier, dort einer grünen Nacht,
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Die unbewegte Fluth. So kräftig war das Grün,
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Daß es an manchem Orte schien,
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Als nähme wahres Schilf und Binsen,
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Als nähmen grüne Wasser-Linsen
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Des Wassers Fläche wircklich ein:
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Recht leiblich schien der Schein zu seyn.
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So herrlich gläntzt, so lieblich prangt die Fluth,
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So lange sie, in glatter Stille, ruht.

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Allein es spüret unsre Brust
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Noch eine neue Lust,
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So bald von ungefehr
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Das Schuppen-reiche Heer
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Der feuchten Fisch' aus ihrer Tiefe steiget,
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Die Wunder-schön gemalte Fläche regt,
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Und, da es Licht und Laub bewegt,
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Daß eins ins andre fliesst, uns deutlich zeiget,
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Wie das, so wir gesehn,
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Nicht eine wahre Schilderey,
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Weil sie durchdringlich ist, gewesen sey.

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Wir sehn sodann, durch sie, mit Haufen,
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Bald hier, bald dort, halb grün- halb blaue Circkel laufen,
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Nachdem die regen Kreise
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Der Laub- und Licht-Schein trifft. Ich ließ, zu ihrer Speise,
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Mir etwas Brodt, das sie mit Lust verschlingen,
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Von meinem Gärtner bringen.
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Mein
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So bald das Brodt ins Wasser fiel,
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Entstund im Augenblick! Die grosse Menge,
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Womit der Teich erfüllt, erregt' ein lieblich Spiel,
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Und ihre Gierigkeit ein lustiges Gedränge.
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Es schien der gantze Teich zu leben.
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Ein jedes Stücklein Brodt war alsobald umgeben
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Von funfzig auf einmahl. Bald schien es Ernst, bald Schertz,
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Bald stieß ein Schwarm es vor- ein andrer hinterwärts.
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Man konnte, voller Lust, die blauen glatten Rücken
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Oft höher, als die Fluth, in grosser Meng', erblicken.
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Noch über die sieht man zuweilen
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Verscheid'ne, voller Eifer, eilen.
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Die liessen nun, dieweil sie alsobald,
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Gehemmet durch der andern Gegenhalt,
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Nicht konnten in das Wasser sincken,
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Von den beschuppten glatten Seiten
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Bald feuchtes Gold, bald Silber blincken.
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Dort konnte man, durch ihr behendes Drehen,
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Auch in der duncklen Fluth das Silber schimmern sehen.
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Wie, wenn man einen weichen Grund,
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Der voller Fettigkeiten, rühret,
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Man alsobald von oben spüret
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Was schwärtzliches sich in die Höhe heben;
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So sieht man oft, gleich einem Dunst,
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Was schwärtzliches von unten aufwärts schweben,
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Bis daß es höher steigt: Dann wird man erst gewahr,
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Daß es ein' ungezählte Schaar
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Beschuppter Fische sey. So voll war dieser Teich,
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Daß, ob er gleich
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Sehr tief gegraben war,
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Man dennoch glaubt', auf ihren duncklen Rücken,
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Kaum halbes Fusses tief, den Grund schon zu erblicken.
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Ein schwärmendes Gewühl, ein liebliches Gewimmel
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War überall zu sehn.
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Man spüret' überall ein fröhliches Getümmel;
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Es schien auf einmahl zu entstehn
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Ein allgemeiner Krieg von allen gegen alle.
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Wie stumm auch sonst ein Fisch; ward doch, mit lautem Schalle,
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Ein Schmatzen hier gehört, das angenehm zu hören.

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Dieß Anmuths-volle Wasser-Spiel
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War meiner Augen Ziel,
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Bis ich zuletzt,
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Nachdem ich mich daran recht sehr ergetzt,
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Die wunderbare Creatur,
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Die sonderlich gebildete Figur
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Von einem Fisch, erwog; der, sonder Fuß und Hand,
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So schnell, so hurtig, so gewandt
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Sich reget, stehet, gehet,
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Sich sencket, sich erhöhet.
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Es fliegt ein Fisch ja recht bald auf, bald nieder,
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Und solches ohn' Gefieder.
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Wer niemahls einen Fisch gesehn,
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Und man erzählet' ihm, es wär ein Thier zu finden,
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Das aus den tiefsten Gründen
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Sich, sonder Flügel, könnt' erhöhn,
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Auch, sonder Hände, sich bewegen,
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Und, sonder Füsse, gehn und stehn;
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Was meyn't ihr? Würd' er nicht mehr, als wir sonsten pflegen,
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Darob erstaunen, und gedencken:
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Was muß das für ein Wunder seyn!

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Ach
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So oft ich Fische seh', mein' Andacht lencken,
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Und dencken: wie so groß ist doch des Schöpfers Macht,
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Der, nebst der ungezählten Schaar
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Beschuppter Fisch', und zwar so wunderbar,
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Auch alle Ding', aus Nichts, hervor gebracht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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