Ihr Sonnen, die ihr ohne Zahl

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Barthold Heinrich Brockes: Ihr Sonnen, die ihr ohne Zahl Titel entspricht 1. Vers(1713)

1
Ihr Sonnen, die ihr ohne Zahl,
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Im unergründlichen unendlich-weiten Thal
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Des hohlen Firmaments stehet:
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Ihr Welten, die ihr euch um diese Sonnen drehet,
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Die voller Wärm' und Licht, voll Strahlen, Glantz und Gluth;
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Es soll von euch mein fast entzückter Muth
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Ein Andacht-volles Lied, ein Ehrerbietig's Singen
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Dem grossen

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Ich fühle, daß mein angeflammter Geist
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Dem gross- und kleinen Kreis der Erde sich entreisst,
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Zugleich sich in die Tief' ohn' End' und Anfang neiget,
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Zugleich auch in die Höh' ohn' End' und Grentzen steiget.
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Ein feur'ger Andachts-Trieb
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Versetzt mich in die Ewigkeit.
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Mein denckend Wesen breitet sich
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In's ungemessne Sternen-Haus,
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Vor Ehrfurcht stumm, vor Lust erstaunet, aus.

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Da ich anitzt die allertiefste Höhe,
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Den unbegrentzten Raum des hohlen Himmels, sehe,
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Die Weite sonder Ziel, die Gott allein erfüllet,
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Wo Sein unendlich ewig Kleid,
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Gewebt aus Licht und Dunckelheit,
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Sein Wesen zeiget und verhüllet;
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So stellet dieser Raum recht sichtbar, hell und klar
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Nicht unserm Geiste nur, den Augen selber, dar
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Selbst die Unendlichkeit,
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In deren Tiefe Licht und Dunckel sich vereinet,
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Die sonder Farbe blau, dicht sonder Cörper, scheinet.

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Vor ungeheurer Tiefe lässt
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Die ungeheure Tief', als wäre sie nicht tief:
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Es scheint der leere Raum, als wär' er voll und fest,
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Da doch in diesen hohlen Gründen,
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Wenn gleich ein schneller Blick beständig vor sich lief,
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In Ewigkeit kein Ziel, kein Grund, zu finden:
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Und dennoch können wir so ungemess'ne Höhen
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Mit unsern kleinen Augen sehen.
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O Wunder, das kein Mensch begreifen
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Und keine Klugheit fassen kann!
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O Wunder-Werck, worin sich alle Wunder häufen!
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Ach schauet es mit Ehrfurcht an!
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Ein Schau-Platz, welcher Millionen
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Und Millionen Meilen groß,
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Ein Platz, in dessen weitem Schooß
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Viel Millionen Sonnen wohnen,
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Kann, nebst verschied'nen Erden,
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Auf einmahl übersehen werden,
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Auf einmahl in die spiegelnden Krystallen
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Von unsern kleinen Augen fallen,
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Und sich so eng zusammen ziehn.

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Durch diese Wunder-reiche Klarheit
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Wird mein erstaunt Gesicht erquickt;
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Doch zittert Aug' und Hertz, wenn, halb entzückt,
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Ich diese Himmel-feste Wahrheit
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Von dieser Lichter Wunder-Grösse
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Mit Augen der Vernunft ermesse;
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Da, wenn ich nah bey einem jeden stünde,
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Ich einen jeden ja so groß,
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Als wie ich itzt des gantzen Himmels Schooß,
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So wie ich ihn hier sehe, fünde:
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Indem ja Jupiter allein,
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Nach aller Stern-Verständigen Beweis,
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Mehr als acht tausend mahl soll grösser seyn,
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Wie unser gantzer Erden-Kreis.
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Ob gleich Huygenius, Cassin,
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Horoccius und Wendelin,
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La Hire, nebst Flamstedius,
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Auch Newton und Ricciolus
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Von unsrer Sonnen Grösse schreiben,
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Sie sey entsetzlich, und die Zahl,
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Wodurch dieß helle Licht-Gefässe
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An Grösse dieser Erden Grösse
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Noch überträf', auf viel viel hundert tausend treiben;
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So wollen wir jedoch das allerkleinste setzen,
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Und sie auf hundert tausend mahl
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Nur grösser, als die Erde, schätzen.

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O Gott! wo bin ich doch? wer bin ich? Ich verschwinde,
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Indem ich nicht einmahl die Welt,
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Nebst allem, was sie in sich hält,
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Nur in Vergleich mit einer Sonne, finde.
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Solch eine Grösse kommt, wie leicht zu glauben, mir,
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Wenn ich sie recht erweg', entsetzlich herrlich für;
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Ja, wenn wir endlich gar bey dieser Gröss' und Länge
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Noch vollends erst die ungezählte Menge,
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Ja die Unendlichkeit
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So ungeheurer Lichts- und Sonnen-Cörper schauen
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Mit Augen unsrer Seel'; entsteht ein heiligs Grauen.
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Im Haupt wird das Gehirn, das Hertz in unsrer Brust,
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Von einer frohen Angst, von einer bangen Lust
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Geklemmt, gedruckt, gepresst,
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Indem der Gottheit Bild,
91
Wodurch der gantze Bau der grossen Welt erfüllt,
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Sich nicht ohn' Ehrfurcht schauen lässt.

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Es überleg' ein Mensch, wie ihm zu Muthe seyn,
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Welch ein Entsetzen ihn mit Lust befallen würde,
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Wenn seinem heiteren Gesicht
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Von solchem hellen Schein,
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Von solcher Gröss' und schrecklich schweren Bürde
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Der Blitz-geschwinde Flug, und zwar von einer nicht,
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Von tausend Millionen Kreisen,
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Sich sollt' auf einmahl weisen.

101
Des grossen Schöpfers Wunder-Wercke
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Vermehren sich bey mir auf wunderbare Weise,
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Wenn ich an die geschwinde Reise
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So grosser Cörper denck, und an die Stärcke,
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Die sie bewegen kann: da erstlich ausgemacht,
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Und durch die Rechnung längst gefunden,
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Daß ungefehr in achtzehn Stunden
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Die Kugel, welche man aus einem Stücke scheusst,
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Wie schnell sie gleich die Luft durchreisst,
110
Den Durchschnitt unsrer Welt vollführen könne.
111
Nun soll der Venus Schnelligkeit
112
Auf hundert sechs und viertzig mahl so weit
113
Sich, an Geschwindigkeit, erstrecken.
114
Wer kann doch, sonder Schrecken,
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Solch ungemessner Gröss' und ungeheurer Last
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Und ungezählter Meng entsetzlichs schnell Bewegen,
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In seiner Seelen, überlegen?
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Wer kann der so verschied'nen Kreise
119
Verschied'ne Gröss' und grausam schnelle Reise,
120
Ohn' einen Seelen-Schwindel, sehn
121
Entsetzlich durch einander gehn,
122
Und zwar so ordentlich sich drehn,
123
Daß nach viel tausend Jahren
124
Sie noch dieselben sind, die sie vorhero waren?
125
Es hat sie nichts verwirrt, nichts ihre Kraft geschwächt,
126
Nichts ihren Lauf gehemmt, der unaufhörlich recht
127
In steter Ründe fliegt.

128
Gewiß mich überläuft ein schreckendes Vergnügen,
129
Wann sich mein Geist dahin, bloß in Gedancken, lenckt,
130
Und nur von weitem einst an einen Raum gedenckt,
131
Wo, in so grosser Eil', so grosse Cörper fliegen.
132
Sprich nicht: ich würde ja solch ein geschwindes Rennen
133
Von so entsetzlichen Geschöpfen sehen können.
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Es folget nicht, indem ja unsre Augen
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Nicht das, was sich zu schnell bewegt, zu fassen taugen.
136
Wenn wir ein feurig Holtz, das glühet, drehen:
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So scheint's ein feur'ger Kreis, und gäntzlich still zu stehen.
138
Es kommt hinzu, daß der Bewegung Stand,
139
So wie der Stand der Ruh', uns gäntzlich unbekannt:
140
Da von Geschöpfen ja ein ruhiges Verweilen
141
Nicht mehr natürlich ist, als ein geschwindes Eilen.
142
Durch Gottes Willen fliesst sowohl die rege Fluth,
143
Als daß die Erd' in sich natürlich ruht.

144
Erweg't nun die fast grause Kraft,
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Die bloß allein dazu gehöret,
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Den gantzen Erden-Ball, daß er geschwinder fähret,
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Als eine Kugel, fort zu bringen!
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Betrachtet eine Kraft, die, durch ein stetes Schwingen,
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Viel tausend Cörper mit sich rafft,
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Wovon verschied'ne noch viel tausendmahl so groß!
151
Wer kann des Wesens Macht, das alles dieses fasst,
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Erschaffen hat, erhält und träget,
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Allegegenwärtig führt, beweget,
154
Und zwar,
155
Daß alles sich, in stiller Majestät,
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Und stets unwandelbar, in solcher Eile, dreht,
157
So unbegreiflich wunderbar,
158
In solcher Ordnung leiten kann,
159
Ohn' einiges Erstaunen, sehen!
160
Ach! wie verschwinden hier die kindischen Ideen
161
Von einem alten Mann,
162
Womit so mancher Mensch erbärmlich sich getragen,
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Und, da er sich dadurch ein Götzen-Bild gemacht,
164
Sich um die Gottheit selbst, durch eigne Schuld, gebracht.

165
Bedencke, lieber Mensch, um Gottes willen,
166
Wie gröblich du gefehlt! wie närrisch deine Grillen,
167
Die, fast wie Lucifern, dein eitles Hirn erfüllt,
168
Da du, aus einem stoltzen Triebe
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Der abgeschmackt'sten Eigen-Liebe,
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Fast mehr dich selbst zum Gott, als GOTT zum Menschen, machest,
171
Und wirklich, wenn mans recht erweget, Gott verlachest.
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Dein alter Gott-Mann muß entweder klein,
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(der etwa, wie ein Fürst, durch andere, regieret,
174
Durch andre, sieht und hört und seinen Scepter führet,)
175
Wo nicht, müst' er ein Mann von solcher Grösse seyn,
176
Dem hundert tausend tausend Meilen
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Nicht einst ein Glied von seinem Finger theilen.
178
Ja, wär' er auch so groß: So wär' er dennoch klein.
179
Denn hätt' er eine Form: So müst' er endlich seyn.
180
Was endlich's aber nun von einer Gottheit glauben,
181
Heisst, Ihr Allgegenwart, ja gar die Gottheit, rauben.

182
Unendlich ewigs ALL, laß unsrer Seelen Augen,
183
Durch Deine Lieb', eröffnet seyn,
184
Daß wir der wahren Gottheit Schein,
185
In Deinem Werck zu seh'n, und zu verehren, taugen!
186
Laß unsre Seelen doch Dein unbegreiflichs Wesen,
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Im Buch der Creatur, erstaunt, mit Ehrfurcht, lesen!
188
Laß uns, auch in der finstern Nacht,
189
Von Deiner unerschaff'nen Macht,
190
In funckelndem Gestirn, das herrliche Gepränge,
191
Die ungeheure Gröss', und ungeheure Menge,
192
Und ungeheure Schnelligkeit
193
Der himmlischen Geschöpf' besehen und besingen!
194
So werden wir, in allen Dingen,
195
Dich,
196
Uns selbst vernichtigen, und dich allein erhöhn.

197
Seh' ich den Himmel an, so kömmt mir sein Sapphir
198
Als eine Tafel für,
199
Die unermeßlich ist, auf welcher eine Schrift,
200
Die des allmächt'gen Schöpfers Wesen,
201
Huld, Weisheit, Macht und Majestät betrifft,
202
Im schimmernden Gestirn, in heller Pracht zu lesen.
203
Hilf Gott, welch eine Schrift! O! welch ein Wunder-Buch,
204
In welchem die Gestirne Zeilen,
205
Die Lettern grösser sind, als hundert tausend Meilen,
206
Woran, in wunderbarem Schein,
207
Die Puncte selbsten Sonnen seyn!

208
Ich seh' es, gantz erstaunt, in tiefster Ehrfurcht, an,
209
Und, ob den Inhalt gleich mein Geist nicht fassen kann:
210
So spür' ich doch, daß sie mich so zu dencken treibt:

211
O dreymahl höchst beglückt', o dreymahl sel'ge Seelen,
212
Die
213
Der ew'gen Weisheit Licht noch tiefer einzusehn,
214
Und Ihn, den Schöpfer selbst, den Inhalt, zu verstehn!
215
Indessen müssen wir,
216
Zu unsers Schöpfers Ruhm, so lange wir noch hier,
217
Das Wunder-ABC der Sternen
218
In Ehrfurcht buchstabiren lernen.

219
Es ist kein' eintzige Figur
220
Im gantzen Reiche der Natur
221
Zu finden, ja nur zu erdencken,
222
Die, wenn wir Blick und Witz in diese Höhe sencken,
223
In diesen tiefen Gründen,
224
In dem unzähligen Gestirn, nicht auch zu finden.

225
Sprich nicht: Was Schrift? ich kann sie nicht verstehn
226
Ja nicht einmahl die Lettern sehn.
227
Denn hör! Kannst du die Lettern der Sinesen,
228
Der Araber, der Russen, lesen?
229
Und kommen ihre Schriften dir
230
Nicht gantz verwirrt, ja sonder Ordnung, für?
231
Die doch, wenn wir sie erst begreifen und entdecken,
232
Gar oft voll Geist und Weisheit stecken.

233
Ich bin, ob dieser Schrift, im Dencken und im Lesen
234
Gar oft erfreut, gar oft erstaunt gewesen.

235
Noch jüngst, als ich im Buch der Sternen,
236
Mit inniglicher Lust, studirte,
237
Und, voller Ehrfurcht, buchstabirte;
238
So deucht mich, daß ich hie und da
239
Und überall geschrieben sah
240
Den grossen Namen

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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