Mein Bruder, lieber Mensch, (verwundere dich nicht

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Barthold Heinrich Brockes: Mein Bruder, lieber Mensch, (verwundere dich nicht Titel entspricht 1. Vers(1713)

1
Mein Bruder, lieber Mensch, (verwundere dich nicht,
2
Daß meine Wenigkeit zu dir: mein Bruder! spricht.
3
Ich habe Recht dazu, du wirst es selbst gestehen,
4
Wenn du mich angehört, und mich recht angesehen.)
5
Mein Bruder, sprech' ich denn noch einmahl, sage mir,
6
Wie kommst du dir so groß, ich so verächtlich, für?
7
Sind wir, durch eines Schöpfers Macht,
8
Nicht alle beyd' hervor gebracht?
9
Ist deine Mutter nicht die Erde, so wie meine?
10
Werd' ich von ihr nicht auch sowohl, als du, genährt?
11
Wie dein, ist auch mein, Leib mit Adern gantz durchröhrt,
12
Und diese sind mit Saft so wohl gefüllt, als deine.
13
Ich habe zwar nur eins, du aber hast zwey Beine;
14
Doch überhebe dich des Vorzugs halber nicht,
15
Weil sonst ein Ochs' zu dir
16
Mit ja so grossem Rechte spricht:
17
Wie karg ist gegen dich die gütige Natur,
18
Armselige zweybeinigte Figur!
19
Hab' ich nicht ihrer vier?
20
Sprich ferner nicht:
21
Sprich, sag' ich, nicht also: sonst werd' ich Vögel kriegen,
22
Die sagen: Ist der Mensch nicht plump? er kann nicht fliegen!

23
Ey, pochst du, gantz vom Eifer roth:
24
Bist du nicht auch, wie wir, vielleicht schon morgen todt,
25
Und must du nicht so wohl zur Erden,
26
Als ich mit meinen Blättern, werden?
27
Es richten dich annoch mehr Fäll', als uns, zu Grunde.

28
Ach höre, lieber Mensch, mit meinem stummen Munde
29
Lob' ich den Schöpfer mehr, als du.
30
Ich will nicht einst von meiner Schönheit sagen,
31
Worin der Vorzug ja unstreitig mir gebührt,
32
Nicht von dem lieblichen Geruche, der dich rührt;
33
Denn, wie mich deucht, so hör' ich dich schon fragen,
34
Und zwar nicht sonder Heftigkeit:

35
Die Art, wie ich gedenck', ist anders zwar, als deine,
36
Das geb' ich zu;
37
Alleine
38
Wofern auch du,
39
Wenn du mich siehst, nicht gleich dein Dencken lenckest
40
Auf Den, Der uns gemacht,
41
Und an den Schöpfer nicht gedenckest,
42
Der uns so wunderbar hervor gebracht,
43
Der dir dein Wesen so, wie meines mir, gegeben;
44
So hast du, glaub' es mir, in deinem gantzen Leben
45
Nicht weniger, als ich, so gut als nichts, gedacht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.