Ich sah', an einer Garten-Wand

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Barthold Heinrich Brockes: Ich sah', an einer Garten-Wand Titel entspricht 1. Vers(1713)

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Ich sah', an einer Garten-Wand,
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Jüngst einen Pfirsch-Baum ausgespannt,
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Deß, dem Rubin-Balaß an Farben gleiche, Blühte
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Im angenehmen Schimmer glühte.
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Es glich der gantze Baum, sowohl an Form und Glantz,
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Als runder grüner Zierlichkeit,
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Fast einem gläntzenden erhab'nen Pfauen-Schwantz,
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Nur bloß mit diesem Unterscheid:
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Da dort des Pfauen grünes Rad
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Von blauem funckelnden Sapphir,
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Viel hundert schöne Augen hat;
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So prangt des Pfirsch-Baums Circkel hier,
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In seinem ja so schönen Grünen,
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Mit tausend Augen von Rubinen.

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Nicht leicht kann man was schöners sehn,
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Als wenn wir etwan an der Seiten
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Von einem blüh'nden Pfirsch-Baum stehn.
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Die Blicke, die sodann
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Gemählich über Bluhmen gleiten,
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Die sehn den sonst zertheilten Glantz
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Nicht anders an,
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Als ein vereintes Gantz,
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Und scheint sodann die gantze Wand,
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Mit Decken von Damast,
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Die Rosen-farb gefärbet, überspannt.

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Wenn man dieselbigen nun in der Nähe sieht,
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Erblickt, mit tausend Lust, ein aufmercksam Gemüth,
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Viel tausend kleine weisse Spitzen
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Auf noch nicht offnen Knospen sitzen,
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Die, wie ein weisser Peltz von Hermelinen,
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Zum Schutz der zarten Blühte dienen.

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Wenn sich dieselbe nun zertheilet; siehet man
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Zuerst ein schönes Roth, das man Rubinen,
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Mit allem Recht vergleichen kann.
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Sie sind sodann recht wunderschön,
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Wie Rosen-Knöspchen, anzusehn.

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Die rothen Kügelchen eröffnen sich,
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Wenn sie der Sonnen Licht bestrahlt, fast sichtbarlich.
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Wann ich sodann die offne Blüthe schau;
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Entdeck' ich voller Lust, und sehe, mit Vergnügen,
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Ein weißlich Roth, ein röthlichs Blau,
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In süsser Zärtlichkeit, sich auf den Blättern fügen.
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Es wird das Roth allmählich blaß,
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Recht, wie gesagt, als ein Rubin-Balaß.
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Es sieht der Rose dann, die wild, und röthlich-bleich,
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An Form und Farb', ein jedes Blühmchen gleich.
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Der gantze Pfirsch-Baum scheint, in einem holden Schein,
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Ein grosser Rosen-Busch zu seyn;
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Der aber (wie nicht leicht ein Rosen-Busch sonst pfleget)
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Kein Laub und keinen Dorn, nur Bluhmen, träget.

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Noch war in gleicher Form zu schauen
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Ein recht, als wie mit Silber-Schaum,
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Geschmückter Apricosen-Baum.
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Er glich dem schönen Schweif von einem weissen Pfauen.
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Aus Knospen, wenn sie noch nicht gantz
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Geöffnet, sieht man recht, in einem weissen Glantz,
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Gleichwie aus röthlichen zerborst'nen Schaalen,
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Die Blüht', als einen Stern mit weissen Spitzen, strahlen.
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Wie aber die, so bald sie aufgeblüht,
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Den weissen Rosen ähnlich sieht;
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So siehet auch der Baum, an schönen Bluhmen reich,
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Dem weissen Rosen-Busch, ohn' Laub und Dornen, gleich.

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Wie wir, in ausgeschmückten Zimmern,
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Tapeten oft in bunten Bahnen schimmern,
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Und Wechselsweise prangen sehn;
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So sind nicht minder wunderschön,
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Im Frühling, bunter Garten Schrancken,
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Die, bald mit Apricosen, Pfirschen,
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Mit Aepfeln hier, und dort mit Kirschen
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Besetzt' und überzog'ne Plancken,
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Wie bunte Bahnen. Wenn das Licht
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Der Sonnen gar, bey aufgeklärtem Wetter,
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Durch ihre zarte Blüht' und Blätter,
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Mit ihrem klaren Feuer bricht,
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Und, durch der Blätter Saft selbst bunt gefärbet, fällt;
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So kann nichts lieblichers auf Erden
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Den Augen vorgestellet werden.
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Der allerherrlichsten Tapeten Pracht
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Wird denn mit Recht, bey diesem Glantz, veracht.

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Willst du nun recht was zärtlichs sehn;
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So schau ein solches Blatt
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Aufmercksam an, wie wunderschön
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In selbem kleine Bäume stehn,
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Die sich darinn, mit Stämm- und Zweigen,
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Verwunderlich und deutlich zeigen.
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Von diesen glaubet man, daß in den zarten Röhren
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Die Säfte, so die Früchte nähren,
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Bereitet, ausgekocht und zugerichtet werden,
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Ja, daß so gar des Saamens Geist und Kraft
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In dem geläuterten oft umgetrieb'nen Saft,
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In dieser Blätter zarten Decken,
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Geheimniß-voll verborgen stecken.

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Die Bluhmen lassen durch die Spitzen,
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Da, wo sie an dem Kelch vereinet sitzen,
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Ein Sternen-förmiges, ein grünlich Blühmchen sehn,
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In dessen Mitte sich von kleinen Stangen
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Ein netter Circkel zeigt, worauf so zart als schön
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Mit einem dünnen Staub bedeckte Zäser hangen,
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Die, durch den allerkleinsten Wind,
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Verwunderlich beweglich sind,
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Aus deren Mitte denn noch eine steiget,
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Die, als ein Mittel-Punct der zarten Frucht, sich zeiget.

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O wunderbar Gewebe der Natur!
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Wer dich mit menschlichem Gemüth,
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Und nicht mit vieh'schen Augen, sieht;
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Der kann die Allmacht-volle Spur
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Von einem ew'gen Wunder-Wesen,
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Auf deinen Blättern, deutlich lesen.

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Ich sah, mit höchster Lust und innigem Ergetzen,
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Des Schöpfers Werck an diesen Frühlings-Schätzen.
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Mir fiel zu gleicher Zeit, bey solchem holden Schein,
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Mit Danck-erfüllter Seelen ein,
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Wie nützlich diese Bluhmen seyn;
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Welch eine schöne Frucht aus ihrer Schönheit spriesset,
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Von welcher man, zur schwühlen Sommer-Zeit,
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Die wunderbare Lieblichkeit
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Nicht mit dem Auge nur, mit Zung' und Gaum, geniesset.
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Der Apricosen Silber-Blüht'
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Wird Gold in ihrer Frucht, und strahlt in gelber Zier,
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Die oft so, wie Aurora, glüht,
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Zumahl wenn man sie recht gehäuft, wie Trauben, sieht,
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Aus ihrem grünen Laub' herfür:
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Ihr Saft erfrischt das Blut und das Gemüthe.

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Wie herrlich gläntzt die Pfirsich, wenn sie reifft,
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Auf welcher sich der Schmuck verschiedner Farben häufft!
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Bald funckeln sie, in ihrem holden Grünen,
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Wie grosse Kugeln von Rubinen;
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Bald blitzt ein Silberweiß auf ihnen;
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Bald glimmen sie, wie Gold, bald sieht man, wie die Pracht
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Von holden Rosen-rothen Wangen,
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Wenn sie am allerschönsten prangen,
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Bey holder Fleisch-Farb' uns anlacht.
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Auf mancher zeiget sich ein bunter Strahl
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Von allen Farben auf einmahl.
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Es ist ein solcher Baum so Wunderschön,
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Wenn viele Früchte drauf, die reif sind, anzusehn;
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Daß, uneracht der süssen Lust,
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Die ihm, durch den Geschmack, die heisse Brust
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Und seinen trocknen Gaum erquicket,
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Ein Näscher selbst sie fast mit Unmuth pflücket.

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Bewund're ferner nun, mein Hertz, zu Gottes Ehre,
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Von dieser reiffen Frucht die Gröss' und Schwere,
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Da viele mehr, als zwey Pfund am Gewicht,
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Durch die gehäuffte Meng' der Feuchtigkeiten, haben:
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Erkenn' hierinnen auch des grossen Gebers Gaben!
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Vergiß dafür des Danckens nicht!

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Wenn den Mund die Pfirsich füllet,
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Und den Durst mit Anmuth stillet,
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Daß die Zung' in Honig schwimmt;
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Ach! so schätzt es nicht geringe!
151
Danckt dem Schöpfer aller Dinge,
152
Der euch so viel Guts bestimmt!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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