Wenn die Sonne aufgehet, verkündiget sie den Tag

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Barthold Heinrich Brockes: Wenn die Sonne aufgehet, verkündiget sie den Tag Titel entspricht 1. Vers(1713)

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Wenn die Sonne aufgehet, verkündiget sie den Tag.

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Es wältzete bereits die rege Last der Welt,
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Die, samt der Lüfte Kreis, sich um die Angel drehet,
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Der äussern Fläche Theil, auf welchem Hamburg stehet,
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Der göld'nen Sonnen zu, die alle Ding' erhält,
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Erwärmet und beweg't; nachdem der Nächte Schatten
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Die Schönheit der Natur fast in ihr erstes Nichts,
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So lang die Nacht gewährt, gesetzet hatten.
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Ein ungewiß Gemisch des Dunckeln und des Lichts
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Gebahr die Dämmerung. Zu Anfang ward der Kreis
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Der äussern hohlen Luft allmählig weiß.
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Bald färbt' den untern Theil, worin die Wolcken schwimmen,
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Ein Rosen-rother Glantz. An ihren zarten Spitzen
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Sieht man sodann ein Roth, wie Rosen und Rubin,
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Und bald ein funckelnd Gold, so mehr als gölden schien,
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In grünlich-blauem Licht des Himmels, blüh'n und glüh'n,
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In unbeschreiblichem Schein, Glantz und Schimmer blitzen.
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Woher? Hier zeigt sich dem Gesicht
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Kein irdisches, ein himmlisch Licht.
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So strahl't kein Diamant, kein Feuer kann so glimmen.
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Der allerhellsten Farben Schein,
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So wir im Lust- und Kunst-Feur sehn,
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Sind, gegen diesen Glantz, nicht rein,
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Sind, gegen diese Gluht, nicht hell, nicht schön.
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Ja, solch ein lichter Schimmer glühet
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Und strahl't so hell verschied'ne Stellen an,
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Daß man die Sonne selbst kaum schöner glauben kann,
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Bis man sie selber wieder siehet.

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Die Höhen dieser Welt, der Berg' erhab'ne Gipfel,
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Durchdrungen bald darauf Auroren Rosen-Reich;
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Die Spitzen wurden roth, die feuchten Felder bleich,
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Die dunckeln Thäler grau. Der Bäume hohe Wipfel
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Bemalt' ein röthlichs Gelb, wodurch das holde Grün
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Der frischen Blätter recht, wie übergüldet, schien.

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Der Lüfte Bürger-Heer, das zwitschernde Geflügel,
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Zog aus den Fittigen die kleinen Köpf' hervor,
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Sprang von den Aesten ab, schwung über Thal und Hügel,
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Mit gurgelndem Gepfeif, sich in die Luft empor,
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Um, aus der duncklen Nacht, so sie bisher befangen,
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Noch schneller, als die Erd', ins Licht-Reich zu gelangen.

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Und endlich tritt die Welt ins Reich der Sonnen ein,
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Woselbst des Lichts Monarch, mit Klarheit, Strahl und Schein,
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Mit Gluht und Glantz gekrön't, das weite Firmament,
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Das unergründlich tief, das keine Grentzen kennt,
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In stiller Majestät beherrschet und erfüllet.

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Gleich überschwemmt die Welt, wie eine schnelle Fluht,
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Sein Rosen-farb'ner Strahl. Ein Ocean von Gluht,
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Die unveränderlich aus seinem Throne quillet,
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Ergiesst sich überall, beleb't, besämet, schmückt,
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Verherrlichet, erwärmt, begeistert und erquickt
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Natur und Creatur. Was die Natur gebildet,
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Nimmt einen Schimmer an, scheint alles übergüldet.

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So lange nun die Quell des Lichts noch niedrig sitzet,
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Wird Gras und Kraut und Schilf zuerst nur halb bestrahl't,
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Indem die unt're Hälft' ein dämmricht Grün noch mal't,
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Wenn schon der ob're Theil im grünen Schimmer blitzet.
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Durch dieses grüne Licht,
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Zusamt der grünen Dunckelheit,
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Wird nicht nur das Gesicht;
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Selbst das Gemüth, erfreut,
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Zumahlen wenn, so oft sie kühle Lüfte fühlen,
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Sie gleichsam mit einander spielen.
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Die Schatten, die, gestreckt, sich Westen-wärts begeben,
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Und ihren Vater flieh'n, vermehren und erheben,
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Im Gegensatz, durch ihre Dunckelheit,
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Des nahen Lichtes Heiterkeit.
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Selbst wo es schattigt bleibet,
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Indem das Licht den Schatten West-wärts treibet,
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Sind alle Dinge schön geschmückt, gefärbt, gemalt.
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Da aber, wo das Licht der Sonne selber strahl't;
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Scheint alles, nicht so sehr gefärb't, als wunderschön
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In einer bunten Gluht zu stehn.
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Im grünen Feuer glüht das Laub, das Kraut, das Gras,
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In tausend-färbigem, wann es bethaut und naß.
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Ein gelber angenehmer Brand
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Bedeckt den gelben Kies und Sand,
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Ein röthlicher das jüngst gepflüg'te Land.
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Es gläntzt die reine Luft, es glüht die glatte Fluht
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(wenn da, wo sie sich reg't, viel göld'ne Blitze schwimmen,
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Und, wie geschür'te Kohlen, glimmen)
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In einer weißlich-blauen Gluht.
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In dunckel-blauer stehn entfernte Hügel,
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In einer rothen, rothe Ziegel,
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So wie in einem grauen Schein
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Beschilfte Hütten, Holtz und Stein.
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In den bestrahl'ten Bluhmen flammen
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Gluht, Farben, Glantz und Schein zusammen.
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Die schwartzen nicht so sehr, als bunt-gefärbten, Schatten
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Erheben die beflammte Pracht,
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So wie das schwartze Heer der Schatten, bey der Nacht,
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Stern, Mond und Licht, daß sie noch einst so schön,
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Durch ihren Gegensatz, erhöh'n.
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Es lacht uns, was man sieht,
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In solchem Wunder-Schmuck und süssen Schimmer an,
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Daß auch das traurigste Gemüth,
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Sich, Trotz sich selbst, zu freu'n, nicht unterlassen kann.

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Hierdurch nun breitet sich, durch meine gantze Brust
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Ein süss- und schnelles Feur sonst nie gespür'ter Lust,
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In meinem wallenden begeisterten Geblüte
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Und allen Sehnen aus. Hiedurch beweg't, entzücket,
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Gantz ausser mir vor Lust, erheb't sich mein Gemüthe,
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Besingt in ihrem Strahl, in ihrer Wunder-Pracht,
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Mit unterbrochenen, vor Lust verwirrten, Worten
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Den
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Die Sonne leuchten ließ, die Welt an allen Orten
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So herrlich ausgeschmückt, so wunderschön gemacht;
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Sein unausdrücklich's Lob nimmt meine Sinnen ein,
108
Und werd' ich (durch den unerschaffnen Schein
109
Von seiner Herrlichkeit noch immer mehr gerühret)
110
Zu einer höheren Betrachtung aufgeführet:

111
Da uns die Schönheit einer Welt,
112
Wenn sie die Morgen-Sonne schmücket,
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So unvergleichlich wohlgefällt,
114
Und aus uns selber setzt, ja gantz entzücket;
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Welch eine Seelen-Lust muß sel'ge Geister rühren,
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Wenn sie mit geistigen verkläreten Gesichtern,
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Und nicht mit Augen nur; nein gantz,
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Den Strahlen-reichen Morgen-Glantz
119
Von so viel tausend Sonnen-Lichtern,
120
In hundert tausend Welten, spüren!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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