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Die Morgen-Sonne weckte mich
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Mit ihren Rosen-rothen Strahlen,
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Und hieß mich, Dem mein Früh-Gelübde zahlen,
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Der Selbst der Sonnen ew'ge Sonne,
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Der aller Anmuth, aller Wonne
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Deß Grösse man dennoch nur nach dem Schatten miss't,
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Derhalben gieng ich in den Garten,
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Im bunt-gefärbten Bluhmen-Reich,
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Viel tausend Vorwürf' auf mich warten.
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Es ließ, als ob jedwede Bluhme,
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Zu ihrem nicht, zu ihres Schöpfers, Ruhme,
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Am ersten wünscht' gerühmt zu seyn.
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Doch hieß der weisse Schein,
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Worin ein Rosen-Strauch, mit hellem Schimmer, brannt,
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Mich, eine weisse Rose wählen,
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Die, ob ihr hoher Busch gleich noch im Schatten stand,
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Dennoch die Augen meiner Seelen
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So starck auf sich zu ziehen wuste;
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Daß ich vor andern sie zuerst betrachten muste.
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Dieß war ein hoher Busch, deß grüne Pracht so dicht,
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Sein ungezähltes Laub durchbricht,
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Daß weder Licht, noch Luft, durch ihn den Durchgang find't,
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Indem jedweder Zweig fünf Neben-Zweige heget,
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Und jeder Neben-Zweig fünf schöne Blätter träget,
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Die so verwunderlich verworren und verschrenckt,
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Daß sich das Aug' umsonst in ihre Tiefen senckt,
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Und sich der Blick, der keinen Durchgang spüret,
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Im grünen Labyrinth, doch höchst-vergnügt, verlieret.
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Der weissen Bluhmen weisser Schein.
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Der mir, in grüner Blätter Gründen
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Der Anmuth lange Dau'r zu finden,
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Durch grösser' Anmuth, nicht erlaubte,
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Riß recht, als wie ein Licht, den Blick auf sich allein.
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Mein Gott, wie ward mein Hertz gerühret,
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Da ich, im Schimmer, der ihn zieret,
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Als wie am grünen Firmament,
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(woran der Rosen Heer, wie weisse Lichter, brennt)
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Ein schimmernd Sternen-Heer zu sehen, glaubte.
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Wie kleine Monden, gläntzt die Schaar
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Der Rosen, die schon gantz geöffnet war,
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Indem die, so noch halb geschlossen sitzen,
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Gleich Sternen erster Grösse, blitzen.
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Die andern, die in gröss'rer Zahl,
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Mit einem fünf-getheilten Strahl,
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Durch noch geschloss'ne Knospen, funckeln;
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Scheint eine weit entleg'ne Ferne,
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Wie droben, in der Luft, die meisten Sterne,
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Theils zu verkleinern, theils auch zu verdunckeln;
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Ja, wie der Mond, in heiterm Wetter,
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Ein wenig röthlich scheint; so scheinen hier die Blätter
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Auch, durch ein röthlichs Gelb, geschmückt.
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Den röthlich-gelben Glantz der lieblichen Auroren,
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Wenn sie die Dämmerung gebohren,
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Sieht man, mit innigem Vergnügen,
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Im innern Schooß der Blätter liegen,
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Wobey ich oft ein zartes grünlichs Blau
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Auf ihren äussern Grentzen schau'.
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Indem ich nun vergnügt des Rosen-Busches Pracht,
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Den ein Morillen-Baum beschattete, betracht';
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Bricht durch desselben Baums verschrenckter Blätter Ritzen,
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Mit ihrer Strahlen Glantz und süssem Blitzen,
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Des holden Lichtes göld'ne Quelle,
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Die Sonne, dieser Welt Licht, Leben, Wärm' und Zier,
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Aus Wolcken, die sie schnell zertheilet hatt', herfür,
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Und macht den Rosen-Strauch noch tausendmahl so helle.
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Dadurch nun ward der weisse Schein
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So sehr vermehrt, so hoch erhoben,
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Daß ich, der Rosen Pracht im Sonnen-Glantz zu loben,
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Mein Unvermögen bald erkannt.
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Denn, konnte sie mein Kiel,
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In ihres Schattens Dämmerung, kaum malen;
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Ach! wie viel weniger war er dazu geschickt,
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Als sie selbst von der Sonnen Strahlen
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Beflossen wurden und geschmückt!
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Hingegen fiel des Rosen-Busches Schatte,
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Der sich so zierlich auf der Erden,
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Erzeuget durch der Sonnen Licht,
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So bald sie ihn berührt, gebildet hatte,
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Von ungefehr mir ins Gesicht.
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Statt eines blühenden Gebüsches, sah' ich zwey,
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Wovon die Zeichnungen und Umriss' einerley.
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Kein Knopf, kein Fäserchen, kein Stengel und kein Blatt
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Durch das gehemmte Sonnen-Licht,
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Sich auf dem Boden selbst gezeichnet hatt'.
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Die netten Bildungen so vieler Kleinigkeiten,
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Die sich im Augenblick erzeugen und bereiten,
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Doch, da ich noch beschäfftigt stand;
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Sah' ich, wie Strahl und Licht im Augenblick verschwand,
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Und, samt dem Schatten-Busch, der andern Zierlichkeiten
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Geschwinde Zeichnung ja so schnell.
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Was plötzlich ward, ward plötzlich nichts,
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Indem der Strahl des hellen Sonnen-Lichts,
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Der Vater von dem schnell erzeugten dunckeln Kinde,
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Da ein schnell laufendes Gewölck ihn schnell verdeckte;
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Dieß Schatten-Bild zugleich im Augenblick versteckte.
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Wo nun von unserer Vergänglichkeit
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Man auf der Welt ein gleiches Conterfait
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In einem Dinge finden kann:
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So traf ich es in dieser Bildung an.
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Ich sprach, so bald ich überleget hatte:
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»die Rose, welche selbst so sehr veränderlich,
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Ist doch so flüchtig nicht, als ihr so flücht'ger Schatte.
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Mich deucht, o Mensch, hier seh' ich mich und dich.
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Denn da das Leben recht verfliegt, als wie ein Strahl;
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Sind wir (zur Warnung sag' ichs euch)
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Der wahren Rose nicht einmahl,
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Nein, nur der Schatten-Rose, gleich.«