26) Schreiben an den Hn. Verleger. Oder: Eröffnete Gedancken über einen zugesand- ten Kupfer-Brief, welcher hier wegen seiner Annehmlichkeit auf bittliches Ersuchen von Jhm gütigst eingerücket worden

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Christian Gotthold Spindler: 26) Schreiben an den Hn. Verleger. Oder: Eröffnete Gedancken über einen zugesand- ten Kupfer-Brief, welcher hier wegen seiner Annehmlichkeit auf bittliches Ersuchen von Jhm gütigst eingerücket worden (1745)

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Werther Geßner! dein Verstand,
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Deines Fleißes seltne Proben
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Machen dich sehr starck bekannt,
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Diese haben dich gehoben.
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Du verlegest nicht allein;
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Nein, du schreibest selbst gantz fein,
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Und so müssen deine Sachen
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Dir, wie billig, Ehre machen.

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Freund! ich schmeichle warlich nicht;
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Laß dich nicht mein Blat verdriessen;
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Denn dich hat ein höher Licht
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Nur vor kurtzer Zeit gepriesen.
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Denn ein neulich Zeitungs-Blat
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Der gelehrten Linden-Stadt,
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Hat dein Buch auch angeführet,
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Und sehr schöne

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Da nun ein so hoher Geist,
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Den Verdienst und Einsicht zieret,
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Deines Buchs Verdienste preißt,
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Sage, was dein Ruhm verliehret?
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Wenn mein schwacher Dichter-Kiel
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Deinen Fleiß besingen will,
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Da dich höhre Blätter ehren,
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Singe ich dir auch zu Ehren.

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Da der schöne Kupffer-Brief,
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Der da mehr als schön erfunden,
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Mir in meine Hände lief,
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Habe ich verschiedne Stunden
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Lediglich dazu geweyht,
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Und vertriebe mir die Zeit,
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Nach derselben Ueberbringen
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Jedes Sinnbild zu besingen.

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Und das erste stellte mir,
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Als das erste Sinn-Gedichte,
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Adams edles Eden für
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Bey dem Baum verbotner Früchte
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In dem frohen Paradieß,
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Wo die Unschuld Unschuld hieß,
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Als das Bild der ersten Zeiten
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Herrlicher Vollkommenheiten.

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Hierauf schlug ich weiter nach,
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Und ein jähling frommes-Schrecken
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Muste mir die herbe Schmach
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Von dem ersten Fall entdecken,
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Da die Schlange Belial
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Würckt der ersten Eltern Fall,
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Die so süsse vorgelogen,
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Und das erste Paar betrogen.

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Doch, legt man das Blat zurück,
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Zeiget JEsus seine Wunden,
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Und bey diesem Gnaden-Blick
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Ist so Angst als Furcht verschwunden.
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Dieser wahre Lebens-Baum
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Macht dem blöden Sünder Raum,
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Weil er an dem Holtz gehangen,
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Einst das Salem zu erlangen.

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Oeffnet sich das Blat bald weit,
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Zeigt es uns das Bild der Erden,
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Da der schnöden Eitelkeit
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So viel Menschen Sclaven werden,
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Da die Wollust und der Pracht
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Sünder aufgeblasen macht,
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Da sie Sodoms Frucht geniessen,
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Und von nichts als Wollust wissen.

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Frecher! treib es wie du wilt,
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Wältze dich im Koth der Sünden;
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Oeffne hier das gantze Bild,
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Du wirst weit ein anders finden.
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Ach! die blasse Sterblichkeit
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Hat dir längst die Grufft bereit!
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Wenn du nun alsdenn wirst sterben,
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Wer wird dein Gebeine erben?

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Moder, Asche, Würmer, Staub,
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Du wirst wie ein Licht vergehen!
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Wie ein abgefallnes Laub.
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Lerne in den Spiegel sehen!
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Sterblicher! gedencke dran!
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Daß dein Glaß zerbrechen kan.
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Es steht bey dem Blumen-Topff
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Ein gemahlter Todten-Kopff.

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Also ist diß Kupffer-Blat,
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Werther Geßner! sehr erbaulich,
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Was dein Fleiß erfunden hat
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Ist auch überdiß sehr zierlich.
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Liebster Gönner! kan es seyn,
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Rück es in mein Werckgen ein,
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Hörst du diß mein bittend Schreiben,
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Will ich stets dein Diener bleiben.

(Spindler, Christian Gotthold: Unschuldige Jugend-Früchte. Leipzig, 1745.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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