Erster Gesang: Allgemeines Lob des menschlichen Herzens; Summe des ganzen Gedichtes

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Johann Kaspar Lavater: Erster Gesang: Allgemeines Lob des menschlichen Herzens; Summe des ganzen Gedichtes (1770)

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Gepriesenstes von Allem, was die Sprache
2
Der Erdensöhne sang! Dich wählt mein Lied
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Dich, Menschenherz! Für Dich besayt' ich meine
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So lange nie berührte Leyer, suche
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Den Goldklang, welcher Dir geziemt, du Wunder
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Der Schöpfung! Kern der Menschenbrust! Du Eins
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Voll Unausdenkbarkeit! Des Lebens Quelle!
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Du, des Bewußtseyns Sitz! Du liebend Leben!
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Du Welt der Welten! Herz! Du Innbegriff
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Der Wirklichkeiten all'! Die Tief' und Höhe
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Vereinigt sich in Dir! Es findet jeder
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Erhabne Himmelsfürst in Dir sich selbst!
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Es findet sich die Gottheit selbst in Dir!
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O Menschenherz! Geheimniß! Offenbahrung!
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Der Menschheit Ruhm! Du Krone des Geschlechtes,
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Dem keines gleicht! Du Urkraft aller Kräfte!
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Der Gottheit gleich, verborgen und gewiß!
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Ein unermeßlich Reich, gedrängt von Reichen,
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Die unermeßlich sind! Du unerforschtes!
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Du innig Nahes, Fernes, Allbekanntes,
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Das tausend Namen nicht, das zehentausend
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Nicht nennen! Du, dir niemals gleiches Selbst!
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Du Eins und Alles! Lied der Lieder Du!
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Gesang der Sänger all', an deren Stirne
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Ein Strahl des Urlichts brach, auf deren Scheitel
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Die Hand des Genius, die Weyherinn
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Zu ewigen Gesängen, segnend ruhte!
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Wem gab der Himmel je nur Eine Sayte,
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Die nicht für Dich erklang? Doch, welcher
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Der Sterblichen vermißt sich je zu sagen:
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»ich sang das Menschenherz«!

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Wie zahllos sind des Mayenthaues Tropfen!
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Des Frühlings Blumenheer' und Halm' und Blätter!
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Doch, größer, Menschenherz, ist deiner Kräfte
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Unausforschbare Zahl! Der Pfade sind
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Und Höh'n und Tiefen mehr in Dir als Pfade,
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Als Höh'n und Tiefen sind, als Flüß' und Bäche
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Du zeigst und birgst, o baumgeschmückte Erde!
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Ich sehe mehr der Krümmungen in Dir,
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Als aller Ströme, die aus fernen Öden
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Durch Städte sich und Länder, Thal' und Felder
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Ergießen! Labyrinthe viel! Wie schrecklich,
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Zu schau'n der tiefen Unabsehbarkeit!

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Ich wende mich, ihr Labyrinth' und Tiefen!
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Am Eingang schon verlischt die Fackel mir.
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O wendet, wendet euch, ihr reinen Blicke,
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Mit Licht und Tag vertraut! Kein Faden leitet
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Hinein, hinaus! Dich sing' ich nicht, verkehrtes,
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Verworfnes Menschenherz, ohn' Licht und trugvoll.
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Nur schnell geworfne Züge, bebend nur,
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Wird selten zwahr mein Lied zu zeichnen wagen,
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Daß Schatten nicht dem lichten Bilde fehle.
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Ein böses Herz entsagt der Menschheit Namen;
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Ich mag nicht dein! Nicht quäle sich mein Herz,
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Dich zu beschau'n! Vergött're du dich selbst
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Und zaubre dir Satane her zu Sängern!
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Du magst die Stimmen leih'n zum Wuthgesange,
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O Abgrund, wo bey Bosheit Bosheit brüllt!
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Gieb zum Gemähld', o Hölle, Farben her!
60
Ihr Eisgebürge, die kein Sonnenstrahl
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Zerfließen macht, die kein Jahrhundert schmelzt!
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Ihr leiht dem Bild und Liede Todeskälte!
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Ich weile nicht, ich trett' und schmettre nieder!
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Dich sing' ich, Menschenherz, der Menschheit Ehre!
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Der Menschlichkeit und eines Gottes froh
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Und reiner Geisterwelt und lichter Zukunft!
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Dich, edles Herz, allein des Namens werth,
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Besingt entzückt mein heiliger Gesang!

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O Menschenherz! Allmächtiger als Alles!
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Bezwingst du nicht die Herrscherinn Vernunft?
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Und führt ein Pfad zu ihr so schnell wie Du?

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O Menschenherz! Bist Du nicht Meisterinn
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Der Königinn von zehen andern Kräften?
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Beherrschest Du nicht die Verrätherinn
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Von ihr, die allverrufne Phantasie,
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Die jeder Weisheit, jeder Jugend Larve
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Sich vorzuhalten weiß, die Allgestalterinn,
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Die nie noch hoch genug gepriesne Mittlerinn,
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Ach! ohne die der Mensch nichts schönes kennt –
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Die nie genug verfluchte Zaubrerinn,
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Die Heuchlerinn von Dir? Bezwingst du sie
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Nicht schneller stets, als die Vernunft sie zwingt?

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Genie des Herzens! Dir ist kein Genie gleich!
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Du bist, so schwach Du bist, ein Held durch Liebe!
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Dein Muth verachtet tief Gefahr und Leiden!
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Vor deinem Blicke schwinden Schrecknisse!
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Die Mitternacht wird Tag! Ein Thal die Höhe;
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Gebürge sinken Dir zu breiten Bahnen!
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Gestirne selbst entfliehen unter Dich –
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Du dringst in Höh'n, die nie kein Flug erreicht!
91
In Tiefen hin, wo der Gedanke nur –
92
Den Finger auf dem Mund – entfernt und bebend
93
Dir nachschaut. Allso dringt krystallne Fenster
94
Der Stral hindurch und läßt die Luft zurücke.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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