4. Auf den Tod des Herrn Pfarrers Johannes Schmidlin

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Johann Kaspar Lavater: 4. Auf den Tod des Herrn Pfarrers Johannes Schmidlin (1770)

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Ach! Ihn hat Gott uns weggenommen!
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Auch Schmidlin folgt des Todes Ruf!
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Weynt ihn, den Redlichen und Frommen,
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Der tausend Freuden uns erschuff!
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Ach! Wie sein Leben schnell verblühte!
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Sein Aug voll Heiterkeit und Güte,
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Wie schnell es jedem Aug sich schloß,
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Das reine Thränen ihm vergoß!

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Auf sanfter Harmonieen Flügel
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Flog er empfindungsvoll uns vor,
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Riß sanft uns mit sich! Über Hügel
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Der Erde trug er uns empor!
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Er strömte Lust um sich, beseelte
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Des Dichters Lied, dem Leben fehlte!
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Wie gab's dem heißen Wandrer kühl
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Der Auferstehung Vorgefühl!

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Wie viele tausend stille Freuden
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Verbreitet' er stets um sich her!
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Wie manchen Trost in dunkeln Leiden,
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Wie manche süße Thränen er!
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Warum ließ uns den frommen Sänger,
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Gott, Deine Vaterhuld nicht länger!
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Du, Dem nur seine Sayte klang,
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Deß Leben wie sein Lied Dich sang!

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Doch war es vielleicht seines Strebens
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Dir, Vater, längst bekanntes Ziel!
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Du fandest eines bessern Lebens
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Ihn werth, den Mann, der Dir gefiel!
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Du bist gerecht! Doch unsre Klagen
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Kann auch Dein Vaterohr vertragen!
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Ist er nicht mancher Thräne werth,
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Der Mann, der Dich uns singen lehrt?

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Der Mann voll Redlichkeit, voll heller
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Zufriedenheit und edler Ruh'!
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Wer war zum Dienst des Bruders schneller?
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Wer sah' ihm ohne Liebe zu?
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Wie sanfte lehrt er milde Sitten,
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Und pflanzt in Häusern und in Hütten
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Der Zweytracht und Unwissenheit
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Erkenntnis und Vertragsamkeit!

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Wie warst du seine Freude, Jugend!
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Wie laut schlug ihm sein Herz für dich!
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Wie sanfte führt er dich zur Tugend,
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Wie reizend und wie väterlich!
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Nie mit der trüben Schwehrmuth Stimme!
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Mit Bitterkeit nie, nie im Grimme!
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Du mußtest dich der Tugend freu'n!
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Er sang sie dir in's Herz hinein!

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Wie edel war bey jedem Streite,
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Wie fest sein Herz! Wie sanft sein Ton!
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Stand er nicht stets auf deiner Seite,
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O Wahrheit und Religion?
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Die gute Sache rechnet' immer
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Zuerst auf ihn, betrog sich nimmer;
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Ob er zuerst, zuletzt er sprach;
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Er gieng vorher und folgte nach.

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Die schwache Bürde seiner Hütte
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Zog nie vom Guten ihn zurück!
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Er folgte schnell der Kranken Bitte,
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Und heiter war des Kranken Blick!
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Die Wahrheit troff von seinem Munde,
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Und Balsam auf die offne Wunde
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Der Reue, die den Stolz bezwang
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Und dürstend nur nach Gnade rang!

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Ach! Noch, da ihm die Krankheit drohte,
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Noch trat er auf die Kanzel hin –
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»mein Leben«, rief, ach, der nun Todte,
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»ist Christus! Sterben mein Gewinn«!
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Er sprach's, stieg von der Kanzel nieder
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Voll Todesahndung, Todeslieder
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Noch waren's, die er singen hieß,
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Eh' er der Schaafe Schaar verließ.

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Schon lag er an des Todes Pforte,
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Schon zitterte sein kaltes Knie,
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Gesang noch waren seine Worte,
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Und die Gebehrden Harmonie.
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Und, nun! Nun schwieg des Sängers Ehre!
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Er schlummerte in jene Chöre
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Des Lichts hinüber. Jubel war
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Der Geist bey der Verklärten Schaar!

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Er starb, und Thränenströme flossen
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Dem nun verstummten Sänger nach!
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Wer war vom Kleinen bis zum Großen
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Deß Thräne nicht vom Todten sprach?
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Die Greise weynen, Kinder sammeln,
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Die Trauerlieder nachzustammeln,
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Um Greise sich und Männer her ...
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Und jeder singt: »Er ist nicht mehr«!

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Ach! Nicht mehr, unser Vater, Lehrer,
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Der uns empor vom Staube singt!
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Der Gottheit kindlicher Verehrer,
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Den keine Klage wiederbringt!
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O! Könnten wir Dich nun erblicken,
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Dich einmahl höhren! In Entzücken
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Käm' uns auch nur ein Laut von Dir,
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In Wonne, wie zerflössen wir!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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