4. Wenn nur Christus verkündigt wird!

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Johann Kaspar Lavater: 4. Wenn nur Christus verkündigt wird! (1770)

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Der kennt noch nicht Dich, Jesus Christus,
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Wer deinen Schatten nur entehrt,
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Mir sey, was Dich nur, Jesus Christus,
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Zu ehren meynt, verehrenswert!
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Wenn's Täuschung nur, nur Fabel wäre,
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Es fable nur zu Deiner Ehre!
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Es mag mich drücken und betrüben,
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Um Deinetwillen will ich's lieben,
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Erinnert's nur an Dich, trägt's nur
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Von Dir die allerschwächste Spuhr.

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Nicht lachen will ich, lieber weynen –
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Es lache, wer hier lachen kann! –,
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Verliert das Große sich im Kleinen,
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Verhüllt die Wahrheit sich im Wahn!
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Die Wahrheit in dem Wahn zu finden,
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Zu ahnden sie, sie zu empfinden,
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Mich aus dem Schutt empor zu heben,
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Sey meine Freude, mein Bestreben!
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Umringen schwache Brüder mich,
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Die Dich verehren nicht wie ich.

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Was ist es, das ich um mich sehe?
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Was ist es, das ich höhre hier?
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Spricht nichts in der gewölbten Höhe,
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In dieser Tiefe nichts von Dir?
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Das Kreuz, dein Bild, dort übergüldet,
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Ist's nicht zu Ehren Dir gebildet?
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Das Rauchfaß links und rechts geschwungen,
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Das Gloria, im Chor gesungen,
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Des ew'gen Lichtleins stiller Schein,
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Der Kerzen Licht meynt Dich allein!

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Warum wird, als um Dich zu loben,
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Den Tod der Liebe Jesu Christ,
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Die Hostie empor gehoben?
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Weil sie nicht mehr, weil Du sie bist!
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Dir beugt die glaubende Gemeine
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Das Knie! Dir macht, nur Dir, die kleine
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Schon früh belehrte Schaar der Jungen
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Das Kreuz, regt Lippen Dir und Zungen,
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Schlägt Dir mit Andacht und mit Lust
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Mit kleiner Hand dreymahl die Brust!

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Geküßt wird Dir zu lieb die Stelle,
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Die trug dein angebehtet Blut!
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Der Chorknab klingelt Dir die Schälle!
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Dir thut der Küster, was er thut!
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Vereinter Reichthum ferner Länder,
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Die schwehre Pracht der Meßgewänder,
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Der Schnörkel an des Ritters Schilde,
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Das Flittergold am Mutterbilde,
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Am Hals die falsche Perlenschnur
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Meynt Dich doch, Jesus Christus, nur.

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An marmorgleichen Hochaltären,
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Wem ziert mit Zweigen sich die Wand?
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Am Leichnams-Feste, wem zu Ehren
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Enttröpfelt Wachs des Sängers Hand?
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Wem streut man Blumen auf die Bahnen?
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Wem trägt man goldgestickte Fahnen?
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Wem die Ave Maria schallen,
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Bist Du's nicht, dem sie niederfallen?
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Ist Mette nicht, nicht Vesperzeit,
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Nicht Prim' und Nona Dir geweiht?

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Den Glocken in zehntausend Thürmen,
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Mit ganzer Städte Gold erkauft,
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Dem Blitzstrahl und den Donnerstürmen
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Zu wehren, feyerlich getauft,
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Ward ihnen, da in Gluht sie flossen,
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Dein Bild am Kreuz nicht angegossen?
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Gezogen oder schwehr getretten –
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Zur Arbeit rufend und zum Behten,
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Schallt Dir, schallt Dir nicht überall
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Der Glocken andachtreicher Schall?

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Nach deiner Huld nur, Christus, sehnet
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Sich jeder Freund der Einsamkeit!
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Nur Dich glaubt, Dich nur meynt und wähnet,
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Wer sich der keuschen Armuth weyht!
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Nicht Benedikts, nicht Bernhards Orden
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Wär' ohne Dich gestiftet worden!
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Von Dir zeugt Gottshaus, Klaus und Kloster,
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Tonsur, Brevier und Paternoster!
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Und wem steht, wem, als Dir zum Ruhm
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Im Klostergang: Silentium?

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O Wollust, Christus, deines Jüngers
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Auch da, wo Einfalt fehlt und flieht,
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Zu sehen Spuhren deines Fingers,
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Da, wo kein Aug der Welt sie sieht!
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O Wonne Dir ergebner Seelen!
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Auf jedem Fels, in allen Höhlen,
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In jedem Kruzifix der Hügel,
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In jedem an der Straße Siegel,
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Wie abgenutzt das Siegel sey,
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Zu seh'n von Dir und Deiner Treu!

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Wer freuet sich nicht jeder Ehre,
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Von der Du Ziel und Seele bist!
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Wem regt beim Gruß sich nicht die Zähre,
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»gelobet seyst Du, Jesus Christ!«
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O Heuchler der, der Christi Namen
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Sonst nennt und nicht ein frohes Amen
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Antwortet, nicht mit Bruderblicken,
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Nicht sagt mit innigem Entzücken:
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»in Ewigkeit! In Ewigkeit
100
Sey Jesus Christ gebenedeyt!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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