24. Die Kraft des Glaubens und des Gebethes

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Johann Kaspar Lavater: 24. Die Kraft des Glaubens und des Gebethes (1770)

1
Ach, wie tief bist du gefallen,
2
Volk des Herrn; erwählt, vor allen
3
Seine Wunder auszukünden!
4
Sag, wo kann ich Christen finden?
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Flög' ich über Thal und Hügel,
6
Wo fänd' ich des Geistes Siegel;
7
Wo des alten Glaubens Kraft,
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Der mit Gott zerstört und schafft?

9
Weh uns! Denn ich finde keinen
10
Glaubenshelden; ach, nicht Einen
11
Der durch jeden Zweifel dringet,
12
Satan, sich und Welt bezwinget;
13
Keinen, der unsträflich wandelt;
14
Keinen, der wie Jesus handelt;
15
Dessen Glaube, deß Gebeth
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Seegen einer Welt erfleht!

17
Ach! du Trost in trüben Stunden,
18
Glauben, ach! du bist verschwunden!
19
Fester Stab auf steilen Wegen!
20
Reiner Quell von Licht und Seegen!
21
Ehrner Schild in den Gefahren!
22
Großes Pfand des Unsichtbaren!
23
Ach, wie du verdorret bist,
24
Ächter Glaub' an Jesum Christ!

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Zwar, es rühmt sich jeder deiner;
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Aber deine Kraft hat keiner!
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Über böse Zeiten klagen,
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»herr, Herr«, nur zu Jesus sagen;
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Sich auf Christi Tod verlassen,
30
Aber Christi Tugend hassen –
31
Ferne, daß dies Glaube sey,
32
Glauben ist nicht Heucheley!

33
»gottes Lehren richtig kennen,
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Erst nach Prüfung göttlich nennen,
35
Keine söndern, stille schweigen«,
36
Spricht Gott, sprechen seine Zeugen.
37
Sich mit Leib und Seel' und Leben
38
Seinem Willen hinergeben,
39
Gehen, wo er heißt uns gehn,
40
Will er, plötzlich stille stehn;

41
Trutz der täglichen Erfahrung
42
Bau'n auf Gottes Offenbarung;
43
Alles stehn und fahren lassen,
44
Gott nur und sein Wort umfassen;
45
Wo wir nichts als Nächte schauen,
46
Wie bey hellem Tag ihm trauen;
47
Ist von Anbeginn der Welt
48
Glaube, der dem Herrn gefällt.

49
»glaube, glaube Gottes Worte«!
50
Ruft die Schrift an jedem Orte.
51
»glaube jedem, den ich sende«!
52
Ruft vom Anfang bis zum Ende
53
Gottes Stimme. »Glücklich leben
54
Soll, wer mir Gehör will geben!
55
Ewig gilt, was Gott verspricht:
56
Ich, Jehova, liege nicht«.

57
Weisheit ist es, Gottes Lehren
58
Stillanbethend anzuhören;
59
Mensch, in deinen Finsternissen,
60
Wurm am Staub, was kannst du wissen?
61
Aller Welten Herr und Meister,
62
Vater, Lehrer aller Geister!
63
Dir Verstand und Willen weyhn,
64
Sollte das nicht Weisheit seyn?

65
Weisheit nicht, auf alle Seiten
66
Licht und Leben zu verbreiten?
67
Im Getümmel, in der Stille
68
Stets zu trinken Gottes Fülle?
69
In der Welt, der Welt entrissen,
70
Unaussprechlich es zu wissen:
71
»stühnden Welten wider mich,
72
Gottes, Gottes Kind bin ich«!

73
Alles will dem frommen Glauben
74
Gott von ihm zu flehn erlauben;
75
Beth im Glauben, Christi Jünger,
76
Dich bezwingt kein Weltbezwinger;
77
Deinem Heldenglaubensflehen
78
Kann kein Satan widerstehen;
79
Wenn die Allmacht zu dir spricht:
80
»ich bin bey dir, zage nicht«!

81
Durch den Glauben überwanden
82
Helden Gottes Schmerz und Schanden:
83
Weg von hier in jenes Leben
84
Drang ihr mächtiges Bestreben:
85
Auferstehung! Deine Freuden
86
Machten zum Triumph ihr Leiden!
87
Glaube, o wie strömtest du
88
Jedem Stärke Gottes zu!

89
Tage kämpfen, Nächte wachen,
90
Tödten und lebendig machen;
91
Schweigen, wenn Tyrannen wüten,
92
Durst und Hunger weggebieten;
93
Sturm und Ungewitter stillen,
94
Sterben um der Tugend willen;
95
Mond und Sonne heißen stehn,
96
Glaube, das kannst du erflehn!

97
Alles lernen, alles lehren;
98
Wandeln auf empörten Meeren
99
Bey den Löwen, wie bey Schaafen,
100
Ruhig wachen, sicher schlafen
101
Riesen schlagen
102
In den Flammen Gott lobsingen
103
Nichts, wenn's auch noch größer wär,
104
Glaube, dir ist nichts zu schwer!

105
Wer dem Sohne glaubt auf Erden,
106
Soll dort ewig seelig werden
107
Wahrlich, wahrlich, wer ihm gläubet,
108
Mit ihm Eins ist, in ihm bleibet,
109
Dem mittheilt er seine Stärke;
110
Der thut größre Wunderwerke,
111
Als, nach Gottes weisem Rath,
112
Christus selbst auf Erden that

113
(laut, wie Stimmen vieler Meere,
114
Ruft' ich's gern zu Gottes Ehre;
115
Ruf' aus meines Meisters Munde,
116
Ruf' noch in der letzten Stunde:
117
»möglich ist dem Glauben alles
118
Was Gott kann, das kann er alles«!
119
Deckt die Nacht des Todes mich,
120
Ruf's mein Lied noch laut, wie ich

121
Nur Ein Glauben ist! Nur Einer!
122
Der gefällt Gott, und sonst keiner!
123
Wer den hat, der wird erfahren,
124
Was der Glaubenshelden Schaaren:
125
Vor dem Richter aller Welten
126
Können keine Namen gelten:
127
Glaubt' ich heut, wie Abraham,
128
Heute wär' ich Abraham!

129
Ewig sicher vorm Verderben,
130
Göttlicher Verheißung Erben,
131
Freunde Gottes, Seegens-Väter,
132
Christi-Seher, Geistes-Bether,
133
Welt- und Sündenüberwinder,
134
Abraham, sind deine Kinder.
135
Jeder, der Gott glaubt, wie er,
136
Siehet Wunder, täglich mehr.

137
Jesus, das sind deine Lehren:
138
Dich will ich, nicht Menschen hören!
139
Meinen, ach, noch schwachen Glauben
140
Den soll mir kein Satan rauben!
141
Fest halt ich an deinem Worte;
142
Jederzeit, an jedem Orte,
143
Gilt dir gleicher Glaube gleich
144
Alles Herr; für alle reich!

145
Wahrheit! Laß dich sehn und finden;
146
Gieb dich Herzen zu empfinden,
147
Die nach deinem Lichte schmachten,
148
Alles außer dir verachten;
149
Wahrheit, Wahrheit! komm, zernichte
150
Wahn und Nacht mit deinem Lichte!
151
Wahrheit, du bist hell und schön:
152
Kindereinfalt muß dich sehn.

153
Wer die Schriften Gottes ehret,
154
Wahrheit, wird von dir gelehret;
155
Wir, auch wir seyn Gottes Kinder,
156
Gott hör unser Flehn nicht minder,
157
Als das Flehen der Propheten;
158
Wenn wir, wie sie, gläubig bethen;
159
Gott, er, der viertausend Jahr
160
Aller Frommen Vater war?

161
Allen Christen aller Zeiten,
162
Ruft der Herr der Ewigkeiten
163
»viel vermag das Flehn der Frommen«.
164
Wer zu seinem Gott will kommen,
165
Der muß glauben, daß er lebe,
166
Allen alles Gute gebe,
167
Was sein Wort uns klar verspricht.
168
Glauben muß er, zweifeln nicht!

169
Bitte, und du wirst empfangen!
170
Suche, und du wirst erlangen!
171
Klopfe, laß nicht nach im Klopfen:
172
Sollte Gott sein Ohr verstopfen
173
Mußt du leiden; Bethe, bethe!
174
Ruf mich an, spricht Gott, ich rette,
175
Wenn sonst niemand retten kann;
176
Ruf in jeder Noth mich an!

177
Trübsal sey mir noch so bitter:
178
Zehentausend Ungewitter
179
Mögen über uns sich sammeln;
180
Kann ich nur im Glauben stammeln,
181
Kann ich durch den Geist nur bethen,
182
Zag ich nicht in tiefen Nöthen;
183
In der tödtlichsten Gefahr
184
Hilft der Herr uns wunderbar.

185
Mögen die, die Gott nicht kennen,
186
Meinen Glauben Thorheit nennen;
187
Fleh' ich nur: »Herr, hilf dem Schwachen«!,
188
Wenn sie meiner Kühnheit lachen:
189
Halte nur, trutz alles Spottes,
190
Immer fest am Worte Gottes;
191
Achte keiner Creatur,
192
Fürchte mich nicht, glaube nur!

193
Müßt' ich gleich oft trostlos weynen;
194
Bäth' ich fort, wär' treu im Kleinen:
195
Gott wird meinen Muth erheben;
196
Wer da hat, dem wird gegeben!
197
Glaube! Laß den Muth nicht sinken;
198
Nicht zur Rechten, nicht zur Linken!
199
Schau nur Gott an, und sein Wort:
200
Glaube redlich, bethe fort!

201
Fort, und laß nicht nach im Flehen;
202
Was du bittest, wird geschehen:
203
Wer Gott liebt, den will er hören;
204
Wer ihn ehret, wieder ehren.
205
Seine Auserwählten sollte
206
Der, der für sie sterben wollte,
207
Wenn sie Tag und Nächte schreyn,
208
Zögert er gleich, nicht erfreun?

209
Jacob! Ach im Nachtgebethe
210
Wie er rang, und weynt' und flehte,
211
Bis er Gottes Herz durchdrungen,
212
Bis er Seegen sich errungen!
213
Wie die müde Seele brannte,
214
Bis Gott »Israel« ihn nannte;
215
Bis mit gottgestärkter Hand
216
Seinen Gott er überwand!

217
Dieß erfahren, dieß empfinden,
218
Überwinden, überwinden
219
Will ich Gott dich! Jesus, heute
220
Weich ich nicht von deiner Seite.
221
Morgen, übermorgen wieder,
222
Alle Tage fall' ich nieder,
223
Weyn' und flehe laut zu dir:
224
»mehre meinen Glauben mir«!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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