2. Wilhelm Tell

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Johann Kaspar Lavater: 2. Wilhelm Tell (1770)

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Nein! vor dem aufgestekten Hut,
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Du Mörderangesicht!
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Bükt sich kein Mann voll Heldenmuth,
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Bükt Wilhelm Tell sich nicht!

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Knirsch immer, du Tyrannenzahn!
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Wer frey ist, bleibet frey!
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Und wenn er nichts mehr haben kann,
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Hat er noch Muth und Treu!

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Der Landvogt voll von Raache schnaubt
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Ihn an: »Schieß deinem Kind
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Schnell einen Apfel weg vom Haupt;
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Sonst würg ich dich geschwind«!

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Tell hört und seufzt: »Ach, der Tyrann!
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Ich sterbe, Sohn, für dich!
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Doch Sohn! ich schieße, ja ich kann
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Erretten dich und mich«!

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Drükt an die Brust ihn – welch ein Schmerz! –
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Und lispelt ihm: »Steh still!
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Eh schlägt nicht mehr mein Vaterherz,
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Eh ich dich trefen will«!

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Und führt ihn sanft an einen Baum,
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Drükt ihm den Apfel auf
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Und legt den angewiesnen Raum
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Zurük im schnellen Lauf,

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Nimmt eilends Pfeil und Bogen, spannt,
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Blikt scharf – fest steht der Knab –
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Und drükt mit unbewegter Hand –
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Es knällt – den Apfel ab!

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Voll jugendlicher Munterkeit
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Sucht ihn der Knab; in Eil
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Bringt er dem Vater voller Freud
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Am Apfel seinen Pfeil.

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»hätt der ihm nur ein Haar gefehlt,
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Der zweyte träfe doch«!
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»wen?« »Geßler, dich! Du lägst entseelt,
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Und Tell wär frey vom Joch«!

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Der Vogt von Raach und Wuth entflammt,
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Bindt schnell ihm Händ' und Füß'
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Und schäumt und stampfet und verdammt
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Den Tell zur Finsterniß.

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Gebunden bleibt der Held ein Held,
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In Ketten Tell noch Tell.
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Gott, dem die Freyheit stets gefällt,
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Sieht ihn und hilft ihm schnell.

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Er ruft dem Sturm. Der Sturm braust her,
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Die Schiffer stehn erblaßt,
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Sehn bebend keine Rettung mehr,
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Wenn Tell das Steur nicht faßt.

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Des Helden losgebundner Arm
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Arbeitet fort zum Strand.
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Tell springt und steht von Freyheit warm
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(das Schiff prellt weg) am Land!

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Die Wogen rauschen fürchterlich
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In des Tyrannen Ohr,
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Tell sieht zu Gott auf, stärket sich
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Und läuft ihm schnell zuvor.

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Er kömmt, auf seiner Stirne Zorn,
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Verwirrung im Gehirn;
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Tell sieht ihn hinter einem Dorn,
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Sieht Tod auf seiner Stirn'.

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Da zielt er, drükte – Heil dir! – los;
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Der Pfeil zischt in die Brust.
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Des Mörders schwarzes Blut zerfloß,
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Und Tell sah es mit Lust.

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Die Freyheit seines Vaterlands
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Steht auf mit Geßlers Fall,
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Und bald verbreitet sich ihr Glanz,
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Bald strahlt sie überall.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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