Die erste Saat

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Robert Eduard Prutz: Die erste Saat (1844)

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Hier ist die Stätte, seht! Hier fällten
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Den unbetretnen Urwald wir,
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Mit unserm Schweiße hier bestellten
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Wir das jungfräuliche Revier!
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Hier soll die Heimat sich erneuen,
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Hier, von Europa wir verbannt,
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Wolln wir den ersten Samen streuen
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In dieses neue, fremde Land.

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Reicht her das Korn – o sei willkommen,
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Du unsrer Heimat teure Frucht,
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Die wir als Erbschaft mitgenommen,
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Als Pfand der Zukunft auf der Flucht!
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Als wär's ein Kind, das wir versenken,
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So streut dich zögernd unsre Hand,
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Und unsre tiefsten Herzen denken
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An das geliebte Vaterland.

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Als du zuerst emporgewachsen,
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Ein grüner Halm aus dunkler Gruft,
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Am Elbestrand, im schönen Sachsen,
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Da küßte dich die deutsche Luft;
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Da schien auf dich, da floß hernieder
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Die deutsche Sonne, deutscher Tau,
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Und deutscher Lerchen süße Lieder
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Begrüßten die geschmückte Au.

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Drauf als die Halme höher rauschten,
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Als schon die Frucht im Keime schwoll,
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O Gott, da standen wir und lauschten
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Wehmütiger Erwartung voll.
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Und als sich wiegten deine Ähren,
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Gekleidet all in lautres Gold,
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O damals, damals wieviel Zähren
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Sind abwärts in den Sand gerollt!

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Denn ach! schon suchten die Gedanken
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Fern überm Meer ein neues Ziel,
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Im Geiste schon sahn wir uns schwanken
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Fernhin auf ungewissem Kiel:
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Was nützt es, daß geerntet werde,
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Was wogt das Korn, was blüht der Wein,
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Soll nimmer doch auf deutscher Erde
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Der Freiheit teure Saat gedeihn?

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Und als man unter Spiel und Scherzen
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Das reife Korn in Garben flocht,
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Wie hat da schon in Abschiedsschmerzen
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Der Busen ängstlich uns gepocht!
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Die andern schwangen sich im Tanze,
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Da schrie die Fiedel, klang das Horn:
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Doch wir, im letzten Abendglanze,
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Wir banden schweigend unser Korn. –

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Nicht eine Hand voll Erde nahmen
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Wir zum Valet von unsrer Flur:
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Nur deutsche Frucht, nur deutschen Samen!
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Denn Leben bringt Lebend'ges nur.
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Und wie ein Fähnrich seine Fahne
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Pflanzt auf des letzten Walles Rand,
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So, jenseits nun dem Ozeane,
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Wird es gepflanzt in fremdes Land.

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O du, gesät in guter Stunde,
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Du Samen unsers Vaterlands,
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Wachs und gedeih in fremdem Grunde,
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In einer andern Sonne Glanz!
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Es wird dich keine Lerche grüßen,
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Wie du sie einst vernommen hast,
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Kein Kranz von Rosen wird versüßen
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Des heißen Erntetages Last.

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Und doch, will's Gott, so sollst du sprießen
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In stolzen Halmen, frei und stark,
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Und freie Männer solln genießen
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Dein vaterländisch deutsches Mark.
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So, während wir an fremdem Strande
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Mit Tränen unsre Aussaat weihn,
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O möge so im Vaterlande
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Der Freiheit teure Frucht gedeihn!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Robert Eduard Prutz
(18161872)

* 30.05.1816 in Stettin, † 21.06.1872 in Stettin

männlich

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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