Sonntagsfeier

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Robert Eduard Prutz: Sonntagsfeier (1844)

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Was schwebt dort auf des Wohllauts Schwingen
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Zu mir herüber durch die Luft?
3
Ich hör es rauschen, hör es klingen
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In süßem morgentlichem Duft:
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Das ist die Orgel, sind die Glocken
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Und der Posaunen ernster Klang,
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O horch, sie laden mich und locken
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Zu einem längst entwöhnten Gang. –

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Sieh, vor der Kirche, welch Gedränge!
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Vom Staub des Werkeltages rein,
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Drängt alt und jung, in bunter Menge
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Sich in das Heiligtum hinein:
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Und hier, im sonntäglichen Kleide,
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Den Kranz im glattgestrichnen Haar,
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Gesenkten Augs, doch Augenweide,
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Der Jungfraun wunderholde Schar.

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Sie gehen all mit leisen Schritten,
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Erwägend ihres Herzens Not,
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Sie wollen beten, wollen bitten
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Um Haus und Hof und täglich Brot:
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Daß sich die Krankheit endlich wende,
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Daß auf dem Feld die Frucht gedeih
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Und daß die Arbeit ihrer Hände
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Mit gutem Zins gesegnet sei.

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O Wahn des Glaubens, süße Stille,
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In der das Herz sich selbst verlor,
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Du meiner Kinderwelt Idylle,
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Was steigst du heute mir empor?
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Und würde mir die Welt zu eigen
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Und neigten alle Sterne sich:
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Ich könnte doch mein Knie nicht neigen,
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Nicht deine Psalmen rühren mich! –

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Denn andre Glocken hör ich tönen,
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Ein andres Lied steigt himmelwärts,
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Und anders strömt mit mächt'gem Dröhnen
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Drommetenklang mir in das Herz!
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Wir stehen auch gedrängt in Scharen,
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Wir Männer, die der Tag erweckt;
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Doch keinen Kranz in unsern Haaren,
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Mit Myrten nur das Schwert bedeckt!

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Wir glauben auch an einen Morgen,
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An einen Sonntag hell und licht,
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Der, blöden Augen noch verborgen,
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Die Wolken endlich doch durchbricht!
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Wir beten auch – unausgesprochen,
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Ein Hauch, der unsre Brust durchweht,
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Ein stummer Schwur, ein Herzenspochen,
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Und eine Tat – das ist Gebet!

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Drum sollt ihr uns nicht gottlos schmähen,
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Nennt uns nicht Ketzer, treibt nicht Spott:
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Auch hier, wo unsre Fahnen wehen,
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Der freie Geist ist auch ein Gott!
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Von allem Finstern, allem Bösen,
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Von Sklavenketten groß und klein,
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Er wird noch einmal uns erlösen,
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Noch einmal unser Heiland sein.

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Laßt denn geduldig, ohne Grollen,
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Uns wandeln auf verschiednem Pfad:
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Sei jeder nur getreu im Wollen,
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Nur jeder männlich in der Tat!
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Dann deinen Gläub'gen, deinen Frommen,
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Mit Liederklang, mit Schwerterschlag,
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Dann wirst auch du uns endlich kommen,
64
Du, unser Sonntag, Freiheitstag!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Robert Eduard Prutz
(18161872)

* 30.05.1816 in Stettin, † 21.06.1872 in Stettin

männlich

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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