2.

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Robert Eduard Prutz: 2. (1844)

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Sitz' ich dann vor meinem Hause,
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munter, wie ein Vollmond glänzend,
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neben mir ein holdes Mädchen,
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meinen Scherbet mir kredenzend:
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Nun, wenn Allah so gewollt hat,
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kann es wohl einmal geschehen,
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daß der Sultan, Sohn der Sonne,
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wird an mir vorübergehn.

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Hurtig vor dem Herrn der Erde
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in den Staub werd' ich mich bücken,
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seines Fußes heil'ge Spuren
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werd' ich küssen voll Entzücken:
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Dann vielleicht auf meinem Schmerbauch,
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auf den Wangen ohne Runzeln
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läßt er dann sein Auge ruhen,
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und er spricht zu mir mit Schmunzeln:

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»wie so glatt sind deine Wangen,
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und dein Bauch, was der so rund ist!
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Daraus seh' ich, Knecht der Knechte,
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daß dein Beutel sehr gesund ist.
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Also gleich von allem sollst du
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mir die Hälfte wiedergeben!
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Schenken werd' ich dir die andre
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und zum Vezier dich erheben.«

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Also wird der Sultan sprechen;
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und mit gnädigem Behagen
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(wenn dies nicht zuviel ist) gibt er
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einen Tritt mir auf den Magen.
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Selig werd' ich mich erheben,
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meine Schätze flink zu teilen,
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dann als Vezier an die goldnen
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Stufen seines Thrones eilen.

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Fragt ihr nun, wie ich es fürder
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als Minister werde treiben?
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Nun, versteht sich: als Minister!
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Alles wird beim alten bleiben:
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Nur die Steuern werden steigen,
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nur die Galgen sich vermehren,
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um Verweichlichung und Luxus
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von den Bürgern abzuwehren.

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Tag für Tag, mit ernster Miene,
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in dem Divan werd' ich sitzen,
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alle, die mein Antlitz schauen,
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sollen vor Bewundrung schwitzen.
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Sollten mal Parteien kommen,
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wo ich nicht weiß zu entscheiden:
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Hundert Prügel dann diktier' ich
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salomonisch allen beiden. –

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Käme dann vor meine Stufen
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ein europamüder Dichter,
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so ein Dingelstedt und Herwegh,
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oder ähnliches Gelichter,
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die mit ihren frechen Liedern,
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Freiheitjubel, Freiheitschmerzen,
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wahre Drachenzähne streuen
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in der Bürger treue Herzen:

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Nun, nicht wahr? Ihr meint, ich ließe
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ohne weiteres sie säcken?
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Weit gefehlt! In meinen Harem
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ließ ich diese Burschen stecken,
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zu der allerschönsten Sklavin
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mit den schwärzsten Augensternen –
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und ich wette drauf, sie würden
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ihre Poesie verlernen!

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Aber will auch das nicht helfen,
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wider menschliches Vermuten:
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Sei's darum! In Gottes Namen
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singen ließ' ich dann die Guten.
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Bin ich doch kein deutscher König!
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Und so will ich's ihnen gönnen,
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da ich weiß, daß meinen Türken
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sie ja doch nicht schaden können.

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Übrigens um die Regierung
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würd' ich mich nur wenig grämen:
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Wenn kein Geld im Schatze wäre,
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würd' ich borgen oder nehmen.
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Und wenn etwa der Ägypter
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unsre Truppen sollte schlagen –
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Gott ist groß! Er wird die Feinde,
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wenn es Zeit ist, schon verjagen.

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Zwar der Sultan wird mir zürnen,
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und dann wird das Schauspiel enden.
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Eine Schnur, recht eine hübsche
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seidne Schnur wird er mir senden –
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Wohl zu merken: Ein Verfahren,
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das man auch Europas Kronen
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ernst und dringend soll empfehlen;
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denn es spart die Pensionen –

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Doch mit der gewohnten Demut
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seinen Willen würd' ich ehren,
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ließ' den Bart noch einmal salben,
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einmal noch den Schopf mir scheren:
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Dann die allerliebste Schlinge
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um die fette Kehle knüpft' ich –
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ein Moment! Und ohne weitres
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in den Garten Gottes schlüpft' ich.

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Ha, was dort für eine Pracht ist!
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Was für Essen, was für Trinken!
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Die uns der Prophet verheißen,
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süße Huris seh' ich winken –
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O verdammt, daß ich als Deutscher,
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nicht als Türke bin geboren!
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Denn so geht zusamt der Erde
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auch der Himmel mir verloren.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Robert Eduard Prutz
(18161872)

* 30.05.1816 in Stettin, † 21.06.1872 in Stettin

männlich

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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