1.

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Robert Eduard Prutz: 1. (1844)

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Eines ist für mich verloren:
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Eins beklag' ich, eins bedaur' ich,
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dieses nämlich, daß ich leider
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nicht als Türke bin geboren!
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Denn vor allem Volk der Erde
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sind die Türken hoch zu preisen,
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sie allein die wahren Menschen,
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die Zufriedenen, die Weisen.

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Hol' der Teufel unsre Bildung!
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Sagt, was bringt es mir für Ehre,
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daß ich mühsam mich in Sorgen
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um mein Vaterland verzehre?
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Daß die Schmerzen des Jahrhunderts
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mir in meine Seele schneiden,
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und daß mein Glück mir vergällt ist,
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weil ich weiß, daß andre leiden?

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Seid ihr etwa darum weiser,
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weil ihr euch mit Weisheit brüstet?
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Sind wir etwa darum freier,
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weil nach Freiheit uns gelüstet?
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Nein, wir sind sogar noch schlechter,
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dieses dünkt mich unbestritten:
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Denn am Fleisch zwar sind die Türken,
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doch am Geist sind wir beschnitten.

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Wohl, wenn ich ein Türke wäre,
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dann die Hände auf dem Bauche,
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süße Knasterwölkchen saugt' ich
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aus dem ambraduft'gen Schlauche;
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neben mir mit nackten Hüften,
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eine Sklavin schürt' die Kohlen,
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und die andre, die Tscherkessin,
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kraute dienstbar mir die Sohlen.

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Sanft, mit ausgesprühten Perlen
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sollt' ein Springquell mich erfrischen,
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und in sein melodisch Plätschern
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flötend sich die Bulbul mischen:
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Während ich, in Gottes Frieden,
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eingemachte Feigen nasche,
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oder unter meinem Kaftan
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küßt' ich die verbotne Flasche.

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Sollt' es aber hin und wieder
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mir an Unterhaltung fehlen,
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schlummert' ich und ließ zum Schlummer
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lust'ge Märchen mir erzählen;
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oder einen Christen rief ich,
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in das Antlitz ihm zu spucken,
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und nicht mit den Augenwimpern
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dürfte der Giaur mir zucken! –

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Kriegt' ich selber auch mitunter
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ein klein wenig Bastonnade
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nun, was wär' es, recht besehen,
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für ein übermäß'ger Schade?
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Hab' ich Sklaven nicht und Weiber,
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die an ihren zarten Füßen
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jeden Streich, den ich empfangen,
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hundertfach und drüber büßen?

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Und so flössen, klar und eben,
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unermüdlich meine Tage,
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ohne Wunsch und ohne Sorgen,
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ohne Leidenschaft und Klage.
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Denn was immer, Gut' und Böses,
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mir vom Himmel wird beschieden,
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weiß ich doch: Allah il Allah!
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Und so trag' ich es in Frieden.

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Stirbt mein Weib, kauf' ich ein andres,
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das noch süßer weiß zu lachen;
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stirbt mein Sohn, wohlan, so werd' ich
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flugs mir einen neuen machen;
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und nun gar die tollen Worte,
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welche euch den Frieden stören;
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Vaterland und Recht und Freiheit,
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diese werd' ich gar nicht hören.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Robert Eduard Prutz
(18161872)

* 30.05.1816 in Stettin, † 21.06.1872 in Stettin

männlich

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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