Antritts-Rede

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Friederike Caroline Neuber: Antritts-Rede (1728)

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Der Schauplatz wird diesmal was später aufgemacht,
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Als sonst geschehen ist. Warum? Mit Vorbedacht.
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Gnug, daß er offen steht. Wir danken Euch indessen,
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Daß Ihr uns allerseits die Tage nicht vergessen,
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Da er verschlossen war. Im Glück Behutsamkeit;
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Im Unfall rechter Muth und wahre Redlichkeit,
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Ist schon genug für mich. Gehorsam seyn und weichen,
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Gehört der klugen Welt. Wie ein vernünftig schweigen
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Mehr spricht und reden kann, als wenn ein Plaudrer schreyt,
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So heilt den grössten Schmerz, Geduld, Vernunft und Zeit.
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Das Glücksrad ist ein Ding von unsichtbarer Grösse
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Dem einen hilft es fort, dem andern giebt es Stöße.
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Und der sie unverdient zu einer Zeit erhält
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Bekömmt zu andrer Zeit, das, was ihm wohlgefällt
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Der Trost dient Spöttern zwar zu einem frohen Lachen
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Alleine die Natur der gut und bösen Sachen
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Ist nur am Ende rein und deutlich anzusehn.

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Viel ist bereits vorbey, und viel noch nicht geschehn.
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Das, was verflossen ist, das sind ja nur Geschichte
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Und was noch kommen soll, das leidet sein Gewichte.
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Die Zeit, die Wahrheit macht die Sachen offenbahr,
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Und das, was böse scheint, ist öfters gar nicht wahr.
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Man muß das Böse nur zu seiner Bessrung brauchen
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Da lieget der Gewinn im Herzen vor den Augen.
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Und wenn die Ruthe sich vom streichen abgenutzt;
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Hat sie ein frommes Kind vollkommen ausgeputzt
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Und zur Vernunft gestärkt, ja redlich wohlgezogen
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Deswegen bleibt man auch der Ruthe so gewogen.
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Nicht, weil sie Ruthe ist, Nein! in der klugen Hand
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Verehrt man ihre Kraft; da wird sie erst bekannt
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Daß sie sich von sich selbst nicht von der Stelle rühren
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Und niemand treffen kann. Sie muß sich lassen führen
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Und thut sich selbst mit Weh. Ist der Gebrauch vorbey
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So wird sie selber dürr und geht von selbst entzwey.
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Der Nutzen ist gemacht: Sie aber wird vergessen.

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Nun ist ein Umstand noch recht nöthig zu ermessen.
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Kommt, seht uns fleißig an; Ergötzt Euch unsre Pflicht:
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Und macht sie Euch noch Ruhm; O! so vergeßt uns nicht
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Erfreut Euch über mich. Mein Dank soll Euch zu Ehren
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Sich an kein Ungemach und an kein Leiden kehren.
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Mein erster Auftritt ist in meinem Trauerspiel
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Vielleicht der letzte Schmerz. Jetzt aber brauch ich viel.
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Der Schaden ist geschehn. Ihr könnt ihn leichter machen,
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Wenn Ihr uns nicht verlasst. Und kriegt Ihr nichts zu lachen:
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So wartet! Doch Ihr sucht nichts, als vernünftgen Scherz,
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Wo er zu suchen ist, und ehrt ein redlich Herz.
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Ihr kennet Kunst und Fleiß. Was hab ich denn zu klagen?
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Ich will an dessen statt Euch das zu Ehren sagen:
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Daß nur ein Leipzig ist an Klugheit und Verstand.
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Habt Dank! Ihr seyd der Welt, und ich bin Euch bekannt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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