[bittgedicht an Maria Josepha, Königin von Polen]

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Friederike Caroline Neuber: [bittgedicht an Maria Josepha, Königin von Polen] (1728)

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Ach Große Königin
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Hier fällt zu Deinen Füßen
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Dein Lands Kind Deine Magd, die nichts verbrochen hat,
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und die ganz unverschuldt schon mehr hat leiden müßen
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als mancher Bößewicht für seine Mißethat.
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den deutschen Schauplaz hat mein fleiß so weit getrieben
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daß ihn Dein ganzes Land und andre Länder, mehr
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um seine redlichkeit als Rang und Ansehn lieben;
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und iezt verstößt man mich, gewiß das schmerzt mich sehr.
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in Leipzig hat man mir die Ehre nicht versaget
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daß ich mir für mein Geld den Schauplaz neu gebaut
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Der ganze Rath die Stadt die über uns nicht klaget
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hat unsere redlichkeit geprüffet und getraut
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der Rath hat uns sein Wort, sein Siegel drauf gegeben,
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wer nun
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daß man ihn halten muß; wenn nur ein ehrlich leben
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und die bezahlung folgt, kan er nicht rückwärts gehn.
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man hält dem Feind das Wort, man hält es dem Verbrecher
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wenn man ihm zugesagt, er soll erhöret seyn
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selbst die Gerechtigkeit ist aller Boßheit rächer
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und dennoch schlägt ihr Schwerd nicht nur gerade drein.
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nun kömt ein fremder Mensch, er sey in seinen würden
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und bittet Deinem Herrn den mächtigsten
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mir wieder alles recht gewaltsam auf zu bürden,
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daß er auf meinem Plaz, den
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mit meinen Hab und Guth darf schmücken und beehren
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und daß der Leip'zer Rath nun soll gehalten seyn
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sein Siegel Hand und Wort leichtsinnig um zukehren,
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der schämt sich das zu thun und komt darwieder ein
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Ach Große Königin das hab ich Dir zu klagen,
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weil mich in diesen Fall Dein Herz erhören kan,
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in Hofnung daß Du mich nicht grausam wirst verjagen
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den ich beschwöres Dir ich habe nichts gethan.
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aus Müllers bitte kanst Du sein Gemüth erkennen,
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er hat zwar Deine Gnad allein er braucht sie schlecht
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will mir mein wenig Brod mein Haab und Guth nicht gönnen
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denn das was er verlangt, ist mein vor Gott und Recht
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Du hast ein Königreich, ach laß mir meine Hütte
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und schenck mein Haab und gut nicht einem fremden Mann
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O! Große Königin das ist die Höchste Bitte,
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die Deine Groß Muth mir gar leicht gewähren kan;
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Gieb Müllern was Du wilst und mehr als er verdienet
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mach seine Armuth reich, und Deiner Gnade wehrt
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ich gönne ihm mehr als das, ob er sich gleich erkühnet
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und von mir hab und Guth nicht redlich hat begehret;
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verschaff ihm ehr und Guth und lauter große Gaben
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schenck ihm von Deiner Huld den ganzen Überfluß,
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wenn er es brauchen lernt so mag er alles haben
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wenn ich nur nicht dabey mein Guth verliehren muß.
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er kan mit meinen Guth nicht reich und seelig werden
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denn Gott hat schon den Fluch in das Gesez gelegt:
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Du solst nicht, heist es da, vom nechsten auf der Erden
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begehren was sein ist! wenn Dich nun das bewegt
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so nimm ihn diesen Fluch und lehr ihn recht gehorchen
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denn wird er auch für Dich vielleicht ein treuer Knecht,
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und siehe, daß auch Gott durch Dich will für mich sorgen,
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wenn er Dein Herze rührt, und Du erhörst mich recht.
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ich kan ja nichts dafür, daß ich auf Erden lebe
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daß Gott in Deinem Land mir meinen othem gab,
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thu ich denn unrecht dran daß ich mich drum bestrebe,
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und suche daß ich auch darinnen Nahrung hab?
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laß mich die Brosamen in Deinem Land genießen
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die er nicht brauchen kan und ihm verächtlich seyn,
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ich hab genug daran es soll mich nicht verdrießen
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nur räum ihm nicht mein Guth und mein Vermögen ein!
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verwehr mir nicht die Lufft! den Müller zu erhalten;
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doch braucht Dein Hoher Ruhm noch eine Kleinigkeit,
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so sprich, daß ich für Dich soll hungern und erkalten
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hier bin ich, und darzu auf Deinen winck bereit. –
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Dir große Königin soll dieses leichte Blatt
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das nebst der Ehrfurcht, nichts als diesen inhalt hat:
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Ein fremder suchet mich um Haab und Guth zu bringen
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Halt dieser Boßheit ein, laß meinen Wunsch gelingen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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