Wo man nur wandelt, steht und schaut

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Ludwig Tieck: Wo man nur wandelt, steht und schaut Titel entspricht 1. Vers(1813)

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Wo man nur wandelt, steht und schaut,
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Sind auch die geschäftigen Mäkler bereit,
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Dem Fremden, den sie unerfahren wähnen,
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Bilder und Kupfer aufzuschwatzen.

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Mein Freund hatte heut in froher Laune
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Doch Mühe genug einen Schwätzer abzuschütteln,
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Indem wir auf der Gasse sprechen, uns gegenüber
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Ein helles glänzendes Ladenschild eines Barbiers,
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Auf dem schöne Damen in bunten seidnen Gewänden
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Sich von zierlichen jungen Gesellen die Haare schneiden,
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Den Kopfputz sich, den hochgethürmten, ordnen lassen.
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Auf dem andern Schilde sitzen die Scheerensbedürftigen,
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Und seifend oder schabend vor ihnen die Gehülfen,
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Alle grell und bunt lustig anzuschaun.
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Als uns der Mäkler verläßt, ruft der scherzende Freund
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Launigt doch mit Ernst in allen Mienen:
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Lieber ja als jene betrügerischen kauf' ich diese Tableaus.

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Das hört ein Junge des Perükenmachers,
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Der schon neugierig in unsrer Nähe geweilt,
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Er macht sich herbei, ängstlich erst und dann vertrauter,
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Spricht und grüßt und lobet, und glaubt nun endlich
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Den Deutschen zu kennen und schon im Netz zu haben,
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Daß sich am Abend der Vater seiner Klugheit bedanken muß.
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Sammeln Ihr Gnaden? – O ja, mein junger Freund! –
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Für Ihre Güter, Excellenz. – Gewiß, mein Bester!
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Und Sie würden solche Darstellung nicht verschmähn? –
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O nein, ich liebe mir bunte muntre Farben,
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Und euer Italien ist so voll der Kunst,
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Wohin man sieht, lacht einem Gebild entgegen. –
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Wir sind, Gnädigster, als Kunstbegabte berühmt,
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Der Florentiner vor allen in ganz Italien. –
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Doch seid Ihr theuer, mein Freund, mit guten Sachen. –
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Wie's kommt, Excellenz, die schönen Bilder da
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Ließe mein Vater um mäßigen Preis. –
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Auch ist es Schade, mein Sohn, derlei Glänzendes
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Der Sonne und Luft so thöricht auszusetzen. –
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Bei dem Gnädigsten würden sie ewig dauern,
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Man firnißt sie neu, so ist noch nichts daran verlohren. –
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Aber der Preis? – Wir würden schon einig werden. –
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Trennt sich der Vater nicht ungern von ihnen? –
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Er wird sie vermissen. – Allein, wenn ich sie erstehe,
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So müßt ihr mir auch den Gegenstand erklären:
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Sagt, find die Figuren aus der Mythologie entlehnt,
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So nennt mir die Götter, die sie repräsentiren:
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Oder ist die Sache christlich, so sind es wohl Märtirer,
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Die dort gequält so ergeben für den Glauben dulden.

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Da sah der Bursche den Freund mit großen Augen an,
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Merkte, daß diesmal der Italiäner der Gehänselte sei,
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Wollte erst empfindlich thun, doch lachte er dann,
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Und mit den Worten: Excellenz sind ein Schelmchen!
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Lief er mit einem Sprunge über die Gasse in's Haus.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Tieck
(17731853)

* 31.05.1773 in Berlin, † 28.04.1853 in Berlin

männlich, geb. Tieck

deutscher Dichter, Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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