Werther und Charlotte wird gespielt. –

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Ludwig Tieck: Werther und Charlotte wird gespielt. – Titel entspricht 1. Vers(1813)

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Werther und Charlotte wird gespielt. –
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Wie neugierig strömt das Volk
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Das Lieblingsstück zu sehn,
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Wie ungeduldig sucht jeder Platz
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Den Liebling als Werther zu vernehmen.

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Die kleine Bude
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Steht ohne Vorhang,
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Das volle Sonnenlicht scheint hinein.
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Unten der gemeine Mann,
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In zweien Logen die Vornehmen und Kranken.
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Wie sonderbar
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Strecken sich die großen runden weiten Stufen
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Der Steinzirkel aus.
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Ein Sechstheil nur des großen Amphitheaters
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Ist eingehegt,
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Um auch von dort zu schaun.
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Hierher ziehn die Frauen und Mägdlein,
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Mit Schmuck angethan,
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In farbig seidenen Kleidern,
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Sie nehmen lachend die hohen Sitze ein,
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Und spannen über sich bunte Sonnenschirme.
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Wie ein Tulpenbret glänzt die Versammlung,
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Wie leuchtende Edelsteine
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Bewegen sich die Farben im wechselnden Schimmer.

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Alles ist aufmerksam,
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Und wie das Leiden der Dichtung steigt,
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Erröthen die staunenden Hörer gerührt.
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Im süßesten Schmerze melodischen Lauts,
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Und alle Hände, Fächer, Tücher, Beine, Stöcke
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Erregen das lauteste Getümmel freudigen Beifalls,
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Und tausend Thränen fließen.

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Glückseliger Dichter,
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Der du nur die schwache Feder
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In den Wohllaut der süßesten Sprache
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Nachläßig tauchen darfst!
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Wozu noch Bilder, Gedanken, Gefühle,
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Wenn dein Mutterton
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Schon für dich dichtet und die Herzen bewegt?
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Doch Heil dir, Werther,
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Denn nie vernahm ich wieder
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Die zarten Worte also schmerzlich und süß erklingend.
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Charlotte, das edelste Bild,
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Anmuth jede Geberde,
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Kräftig und groß,
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Die Stimme zart und voll: –

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O weh!
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Was mischt sich in die Leiden der Liebenden?
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Ein ferner Donner ertönt vernehmlich,
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Die leuchtenden Farben bewegen sich unruhig,
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Auch das Parterre murrt schon.
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Und wieder ein Schlag,
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Und der Regen strömt schwer in großen Tropfen,
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Da drängen sich Weiber und Mädchen herbei,
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Sie springen die Stufen herab,
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Ein Flammenmeer bunter Farben,
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Sie suchen alle Schutz, wo keiner zu finden,
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Unten kehrt man Bank und Sessel um,
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Sich gegen den Regen zu bergen,
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Alles murrt und zankt, Niemand weiß weswegen,
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Und der geliebte Werther
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Muß im Monologe
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Der Leidenschaft gebieten und inne halten, –
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Das Stück bleibt stehn,
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So lange das Gewitter des Himmels spielt.
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Darüber wird es spät und finster,
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Mancher schleicht fort,
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Und der durchnäßten Versammlung
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Wird in der Finsterniß
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Bei wenigen Lichtern,
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Gegen die die Fledermäuse fliegen,
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Das Schauspiel geendigt,
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Und Werther gerettet,
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Doch war er nicht froh mehr,
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So schien es, seines Lebens.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Tieck
(17731853)

* 31.05.1773 in Berlin, † 28.04.1853 in Berlin

männlich, geb. Tieck

deutscher Dichter, Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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