Einsam wandl' ich mit dem Bruder

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Ludwig Tieck: Einsam wandl' ich mit dem Bruder Titel entspricht 1. Vers(1813)

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Einsam wandl' ich mit dem Bruder
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Unter Gräbern.
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Bild an Bild, und Vers an Vers gedrängt.
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Rosen glühn, und Lilien glänzen,
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Frischer grüner Rasen,
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Die Gluth des Lebens mit allen Farben
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Als Teppich des Todes. –
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Solche Haushaltung führt nur die Liebe.
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Nein, hier sind die Verschiednen nicht entflohn,
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Aus Knosp' und Blum und Thau des Grafes
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Quillt Lächeln und Thräne noch immer hervor.
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Dort knien auch Kinder
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Und heften betend Blumengewinde
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Um die eisernen Kreuze der Eltern.
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Der Gatte entfernter
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Die Eltern hier in der Nähe,
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Bringen, wie immer die Liebe that,
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Thränen, Gebet und des Sommers bunter Schmuck.
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Welche Wehmuth zittert durch mein Wesen?
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Auch hier in weiter Ferne
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Kann ich um alle die Theuern klagen,
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Die ich früh und spät verlor.
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Mein Schmerz vermischt sich mit den Weinenden,
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In den Thränen mehr als in der Lust
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Sind wir alle Brüder.

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Aber hier in der Halle,
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Im fernen, unbesuchten Winkel
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Find ich ein Blatt, von alter Hand beschrieben,
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So deutet die zitternde, ungewisse Schrift:
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»jeder Christ, der hier mag wandeln,
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Bete freundlich für ein Wesen,
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Das im unnennbaren Jammer,
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Das im tiefsten Schmerz vergeht,
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Zu dem Vater, der die Liebe,
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Daß er tröste, wenn nicht helfe.« –

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Da brachen unaufhaltsam meine Thränen,
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Und sie beteten mit Inbrunst.

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Kommt ein Herr dahergegangen,
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Sieht das Blatt, die Kreutz' und Blumen,
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Und die Kinder, Eltern, Gatten,
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Hält wohl meinen Schmerz für Ingrimm,
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Spricht mit Afterweisheit;
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Ja, es wäre nun wohl an der Zeit,
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Alle diese Thorheit abzuthun,
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Diese Blumennarrheit, diesen Aberglauben,
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Dies Wallfahrten, Beten auf den Gräbern,
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Sollte die Regierung hemmen. –

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Schmerzte mich der Arme fast noch mehr
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Als die Schreiberin des alten Blattes:
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Also hier auch, unter diesen Gottesbergen,
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Wo Natur so heilge Worte rauscht,
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Giebt's derlei vernünftig Wesen,
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Das, so wähnt' ich, nur daheim bei mir,
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Auf im Sande schießt und unter Kiefern.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Tieck
(17731853)

* 31.05.1773 in Berlin, † 28.04.1853 in Berlin

männlich, geb. Tieck

deutscher Dichter, Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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