1
Betrübt saß ich in meiner Kammer,
2
Dacht' an die Noth, an all' den Jammer
3
Der rund um drückt die weite Erde,
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Daß man nur schaut Trauergeberde,
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Wie Lust und Sang und frohe Weisen
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Gezogen weit von uns auf Reisen,
7
Daß Argwohn, Mißtraun unsre Gäste,
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So Furcht wie Angst bei jedem Feste,
9
Daß jedermann nur frägt in Sorgen:
10
Wie wird es mit dir heut' und morgen?
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Dazu war ich noch schwach und krank,
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Mir war so Tag wie Nacht zu lang;
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Ich sorgte, was mein Arzt ermessen,
14
Was ich nicht trinken durft' und essen,
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Wie meine Pein zu lindern wäre,
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Was mir den Schlaf, die Ruh' nicht störe:
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So saß ich still in mich gebückt,
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Den Kopf in meine Hand gedrückt,
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Als ich, so sinnend, es vernahm
20
Daß jemand an die Thüre kam,
21
Es klopfte, und ich rief: herein!
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Da öffnet schnell ein Händelein
23
So weiß wie Baumesblüth, herfür
24
Trat dann ein Knäblein in die Thür,
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Das Haupt gekränzt mit jungen Rosen,
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Die eben aus den Knospen losen,
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Wie Rosengluth die Lippen hold,
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Das krause Haar ein funkelnd Gold,
29
Die Augen dunkel, violbraun,
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Der Leib gar lieblich anzuschaun.
31
Er trat vor mich und thät sich neigen,
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Und sprach alsdann nach kurzem Schweigen:
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Wie kömmt's, mein lieber kranker Freund,
34
Daß ihr hier sitzt, da Sonne scheint?
35
Der Frühling geht umher mit Pracht,
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Hat Laub des Waldes angefacht,
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Es brennt das grüne Feuer wieder,
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Und drein ertönen tausend Lieder,
39
Die Erde trägt ihr Sommerkleid
40
Der Plan erglänzt von Blumen weit,
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Es springt der Fisch in blauem See,
42
Vom Obstbaum hängt der Blühtenschnee,
43
Die Lieb- und Seegen-schwangre Luft
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Durchspielt in Wogen Kraft und Duft,
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Das Kindlein lacht die Blühten an
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Aus rothem Mund mit weissen Zahn,
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Der Jüngling sieht sein Herz und Lieben
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In Blumenschrift mit Glanz geschrieben,
49
Sich hebt der Jungfrau schöne Brust
50
In ahndungsvoller Liebeslust,
51
Der Greis erfrischt die alten Glieder
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Und dünkt sich in der Kindheit wieder,
53
Und jedermann fühlt freuden-schwanger
54
Den dunkeln Wald, den lichten Anger.
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Du nur willst sitzen hier gekauert,
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In deinen Sorgen eingemauert,
57
Von Schwermuths-Wolken rings umhängt,
58
In Noth und Zweifeln eingeengt?
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Ich kenne dich nicht wieder schier;
60
Hinaus mach' straks dich vor die Thür,
61
Und thu dein menschlich Angesicht
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Hinein in holdes Himmelslicht,
63
Laß nicht die Stirn dir so verrunzeln,
64
Der Lippen Frische ganz verschrunzeln,
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Das Auge, das sonst Strahlen scharf
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Von seinem lichten Bogen warf,
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Ist tief hinein zum Haupt geschmolzen
68
Und schießt nur schwer' und stumpfe Bolzen,
69
Entzweit hat sich dein Mund mit Lachen,
70
Scherz, Kuß sind ihm wildfremde Sachen,
71
In deiner gelb verschrumpften Haut
72
Der Kummer sich im Spiegel schaut;
73
Nicht, Kreatur, mach' Schand und Spott,
74
Der dich geschaffen, deinem Gott,
75
Schau aus, als seist nach seinem Bilde
76
Formiret edel, heiter, milde,
77
Verbrümmelt nicht und ungelachsen,
78
Als seyn in dir zusammgewachsen
79
All Unkraut, Stacheln, Disteln, Dorn,
80
Mit Schimmel, Pilzen fest verworrn;
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Frisch auf, laß dich von mir regieren,
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Ins Frühlings-Reich will ich dich führen.
83
Er schwang in seiner Rechten zart
84
Die Tulpenblum seltsamer Art,
85
Wie er sie auf und nieder regte
86
Ein farbig Feuer sich bewegte,
87
Und lichte Sterne kreisten, welche
88
Sich schüttelten aus goldnem Kelche,
89
Sie flogen wie die Vöglein munter
90
Mir um das Haupt, herauf, herunter,
91
Und neckten mich mit Flammenleuchte,
92
Wie ich auch bang sie von mir scheuchte.
93
Ich sprach halb zornig: wer bist du,
94
Der mich gestört in meiner Ruh,
95
Du Knäblein laut, vorwitziglich,
96
Daß du also bespöttelst mich,
97
Und willst, weil du ein Kindlein frei,
98
Daß alle Welt auch kindisch sei?
99
Ich habe mehr gelernt, erfahren,
100
Bin auch jetzund was mehr bei Jahren,
101
Daß Spiel, unnützer Zeitvertreib
102
Nicht mehr gefallen meinem Leib,
103
Auch ist umher die ganze Welt
104
Auf Ernst, Nachdenklichkeit gesiellt,
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Daß der nur Thor jedwedem scheint
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Der sich nicht höherm Zweck vereint,
107
Du aber, Knäblein, bist inmitten
108
Der Bildung nicht mit fortgeschritten,
109
Meinst noch, daß man nach Blum' und Kraut
110
Und all den Kinderei'n ausschaut,
111
Das hält man jetzt für Rauch und Dunst,
112
Mein Sohn, die Zeit ist nicht wie sunst.
125
Mein Auge, sprach ich, ist wohl blind;
126
Du also bist dasselbe Kind,
127
Das täglich Blumen mir gebracht,
128
Holdseliglich mich angelacht,
129
Das mir verscherzt die muntern Stunden,
130
Vielfältig Spielzeug mir erfunden?
131
Seitdem bist du von mir entwichen
132
Und anderwärts umher gestrichen,
133
Da kamen Ernst, Vernunft, Verstand,
134
Und gaben mir in meine Hand
135
Der Bücher viel und mancherlei
136
Voll tiefen Sinns, Philosophei,
137
Ich strebte, mich aus rohem Wilden
138
Zum wahren Menschen umzubilden;
139
Drauf ich auch zur Geschichte kam,
140
Die Noth der Welt zu Herzen nahm,
141
Die Chronikbücher unverdrossen
142
Hab' ich in Nächten aufgeschlossen,
143
Die Vorzeit stieg zu mir herüber
144
Und immer ernster ward's und trüber:
145
Bald schien mich an ein flüchtig Blitzen,
146
Dann glaubt ich Wahrheit zu besitzen,
147
Dann kam die Dämmrung, faßt' es wieder
148
Und taucht' es in die Finstre nieder;
149
Die Nacht ward wieder Lichtes schwanger,
150
Das neue Licht macht' mich noch banger,
151
Wohl ahndend, daß, wenn's ausgegohren
152
Die Finstre neu draus wird gebohren:
153
So wies Histori mir nur Noth,
154
Im Leben auch nur Grab und Tod,
155
Das Schöne stirbt, der Glanz löscht aus,
156
Das Irdisch-Schlechte baut sein Haus,
157
Und spricht von seinem Felsenthron
158
Den hohen Göttersöhnen Hohn:
159
Natur hab' ich ergründen wollen,
160
Da kam ich gar auf seltsam Schrollen,
161
Verlor mich in ein steinern Reich,
162
Ich glaubte all's, nichts doch zugleich,
163
Wollt Pflanz, Metall und Stein verstehn,
164
Mußt' mir doch selbst verloren gehn,
165
Hatt' viel Kunstworte bald erstanden,
166
Ich selbst gekommen nur abhanden,
167
Um endlich wieder zu gelangen
168
Noch dummer wo ich ausgegangen:
169
Vielleicht weil du, mein Sohn, gefehlt,
170
Hab' ich in Angst mich abgequält;
171
Verstehst du wohl die alten Schriften,
172
Wandelst wohl auch auf Weisheits-Triften?
173
Doch still, ich will dich jetzt nicht plagen,
174
Komm, laß uns in den schönen Tagen
175
So spielen, wie wir sonst gepflogen,
176
Wenn du mir etwas noch gewogen.
177
Der Kleine schmeichelt sich an mich,
178
Drückt' an mein Knie mit Lächeln sich,
179
Wandt' sich hieher und dorthin nun,
180
Fast wie die jungen Kätzlein thun.
181
Da gehn wir aus dem Haus, und warm
182
Nimmt Sommer mich in seinen Arm,
183
Die Lerch' in Lüften jubilirt,
184
Hänfling und Drossel musizirt,
185
Das Grün schmiegt sich um Plan und Hügel,
186
Der Schmetterling wiegt Purpurflügel,
187
Die Blumen roth, braun, gold und blau
188
Stehn dicht gedrängt auf grüner Au,
189
Die Bienen summen lustig, nippen
190
Den Honigseim von Blumenlippen,
191
Duft, röthlich Glanz kreucht aus dem Baum,
192
Hängt von dem Zweig, ein süßer Traum.
193
Wie ist, sprach ich, die Welt so bunt,
194
Von neuem tönt und schwazt der Mund
195
Der kind'schen Quellen, Frühlings Hand
196
Nahm von den Zungen ab das Band,
197
Das Winter jährlich um sie legt,
198
Daß sich kein lautes Wörtchen regt,
199
Die Sommergäst' auch sind mit Schalle
200
In's Land zurück gekommen alle.
201
Indem wand sich den Buchenhain
202
Vom Plane ab der Weg hinein,
203
Der Glanz mit Grün schön war gemischt,
204
Die stille Luft vom Wind erfrischt,
205
Die wilden Tauben hört' ich girren,
206
Zeisig und Fink in Nestern, schwirren,
207
Ein Duft süß aus den Bäumen floß,
208
Ein Rieseln sänftlich sich ergoß
209
Aus Tannenbäumen, die vom Winde
210
Sanft angespielt erklangen linde,
211
Das all war meinem kranken Leben
212
Als Labsal und Arznei gegeben.
213
Wo sind wir, Liebster? rief ich aus,
214
Sei mir gegrüßt, du grünes Haus,
215
Gegrüßt ihr frischen Bogengänge,
216
Willkommen mir, ihr Waldesklänge!
217
Ich war noch nie in den Revieren,
218
Sprich, wohin willst du mich denn führen?
219
Er sagte nichts, nur freundlich winkt
220
Sein Aug' das mir in's Auge blinkt.
221
Einsamer ward der dichte Hain,
222
Gespaltener des Lichtes Schein,
223
Der sich in Gattern um uns legte
224
Und mit des Luftes Zug bewegte;
225
Da hört' ich Wild von ferne schrei'n,
226
Da sangen fremde Vögel drein
227
Mit wundersamen Ton, es klangen
228
Viel Bächlein, die aus Felsen sprangen,
229
Wie Schatten zog es her und hin,
230
Ein Schauer flog durch meinen Sinn.
231
Nun war's, als hört' ich Kinder plaudern,
232
Hin lief ich ohne länger Zaudern,
233
Und als ich nach dem Ort gekommen
234
Von wo ich erst den Ton vernommen,
235
Da that sich auf des Waldes Dunkel,
236
Und vor mir lag ein hell Gefunkel,
237
Roth sah ich wilde Nelken blühn,
238
Sammt lichten Sternen von Jasmin,
239
Und duftend Kraut Je länger lieber,
240
Das rankte eine Grott' hinüber,
241
An die sich hoch der Epheu schlang,
242
Und aus der Höhle kam Gesang.
243
Da schaut ich in den Fels hinein,
244
Dort saß ein Bild mit lichtem Schein,
245
Güldnes Gewand den Leib umfloß,
246
An den sich Spang' und Gürtel schloß,
247
Das Antlitz bleich, entfärbt die Wange,
248
Sie schien in Furcht und Zittern bange
249
Und schloß sich an ein Mannsgebild,
250
Das schaute aus den Augen wild,
251
Doch lächelt' er mit Freundlichkeit:
252
Er war in schwarz Gewand gekleidt,
253
Ein dunkles Haar hing um das Haupt,
254
Er trug von wildem Wein umlaubt
255
Den güldnen Stab in seiner Hand,
256
Geflochten war um sein Gewand
257
Epheu und Tannenzweig' in Kränzen,
258
Wozwischen rothe Rosen glänzen;
259
Er sprach und sang der Schönen vor,
260
Und flüsterte ihr oft in's Ohr.
261
Da fragt ich: Kind, wer sind die beide?
262
Der Knabe sprach: im schwarzen Kleide
263
Der ist der Schreck, von Märchen alten
264
Beschreibt er gern die Schau'rgestalten;
265
Das Mägdlein da im lichten Kleid
266
Ist meine liebe Albernheit,
267
Sie ängstet sich und um so gerner
268
Hört sie den Andern reden ferner,
269
Sie fürchtet sich vor dem Erschrecken,
270
Läßt sich doch spielend davon necken,
271
Sie lächelt, und vor Schauder weint
272
Ihr Lachen, das in Thränen scheint,
273
Sie freut sich und wird voraus bleich,
274
So spielt sie mit dem Geisterreich,
275
Wenn Schreck ihr sagt: nun sprech' ich, jetzt,
276
Was dich recht durch und durch entsetzt!
277
Dann bittet sie: so schweige lieber, –
278
Nein, spricht sie dann, erzähl' es, Lieber:
279
Nun rauscht der schwarze Tannenhain,
280
Dann weinen Felsenbäche drein,
281
Sie meint sie stirbt vor Angst und Schmerz
282
Und drückt dem Schreck sich fest an's Herz.
283
Da sah ich einen Kleinen gaukeln
284
Und sich in allen Blumen schaukeln,
285
Ein herzigs Kind, das auf und nieder
286
Im Tanze schwang die zarten Glieder,
287
Bald klettert' es in Epheuranken
288
Und ließ sich kühn vom Winde schwanken,
289
Bald stand oben am Fels der Lose
290
Und duckte sich in eine Rose,
291
So eilig, daß der Stengel knickte
292
Wie er sich in die Röthe bückte,
293
Dann fiel er lachend auf die Au
294
Und war benetzt vom Rosenthau:
295
In Blättern, aus Jasmin gezogen,
296
Beschifft' er dann des Baches Wogen,
297
Und bracht' als Kriegsgefangne heim
298
Die Bienen mit dem Honigseim;
299
Dann sucht' er Muscheln sich im Sande
300
Und Stein' und Kiesel vielerhande,
301
Und putzte drinn das Felsenhaus
302
Mit vielen artgen Schnörkeln aus:
303
Auf einmal ließ er alles liegen
304
Und schien durch Lüfte schnell zu fliegen,
305
Nun auf dem höchsten Tannenbaum
306
Stand er und übersah den Raum,
307
Mit Riesenstärke bog er dann
308
Des Baumes Wipfel auf den Plan
309
Und ließ ihn dann zurücke schießen,
310
Des Baches Wogen mußten fließen
311
In Wasserfällen laut und brausend,
312
Der mächt'ge Wald dazwischen sausend,
313
Ein furchtbar Echo, das von oben
314
Hin durch den Thalgrund sprach mit Toben,
315
Dazu des Donners Krachen viel,
316
Schien alles ihm nur Harfenspiel.
317
Er selbst, der erst ein kleiner Zwerg,
318
War jetzt großmächtig wie ein Berg,
319
Und sprang so schnell wie Blitzes Lauf
320
Zur Höhe des Gebirgs hinauf,
321
Riß aus der Wurzel mächt'ge Felsen,
322
Die ließ er sich zum Thale wälzen
323
Mit lautem Donnern, furchtbarm Krachen,
324
Das machte ihn von Herzen lachen,
325
Wie sie im Pürzen, Springen, Kollern,
326
So ungeschlacht zur Ebne schollern,
327
Wie sie die nackten Hauer fletschen
328
Und Wald und Berg im Sturz zerquetschen.
329
Da war ich bang und furchtsam fast,
330
Ich sprach: wer ist der schlimme Gast,
331
Der erst ein Kindlein thörigt spielte,
332
An Bienen nur sein Müthlein kühlte,
333
Ein Tandmann schien, doch nun erwachsen
334
So ungeheuer, ungelachsen,
335
Daß kaum noch so viel Kraft der Welt,
336
Daß sie ihn sich vom Halse hält?
337
Das ist der Scherz, so sprach mein Freund,
338
Der Groß und Klein dasselbe scheint,
339
Oft ist er zart und lieb unschuldig,
340
Doch wird er wild und ungeduldig,
341
So kühlt er seinen Muth den frechen
342
Und all's muß biegen oder brechen. –
343
Kann man nicht, fragt' ich, Sitt' ihm lehren? –
344
Das hieß ihn nur, sprach er, verkehren,
345
Er acht't kein noch so klug Gebot,
346
Und schreit nur: das thut mir nicht noth!
347
So lassen sie ihm seinen Willen. –
348
Da schlug urplötzlich aus dem Stillen
349
Der Sang von tausend Nachtigallen,
350
Die ließen ihre Klage schallen,
351
Und aus dem grünen Waldesraum
352
Erglänzt' ein leuchtend goldner Saum,
353
Von Purpurkleidern, die erbeben
354
In Gluth, wie sich die Glieder heben
355
Vom schönsten weiblichen Gebilde,
356
Sie schritt nun lächelnd zum Gefilde,
357
Und kam aus dunkelm Wald hervor
358
Wie Sonne durch des Morgens Thor,
359
Das goldne Haar in Wellen fließend,
360
Das lichte Aug' die Welt begrüßend,
361
Das rothe Lächeln Wonne streuend,
362
Des Leibes Glanz rings all erfreuend;
363
So wie die Augen leuchtend gingen,
364
Die Blumen an zu blühen fingen,
365
Das Gras ward grüner, Wonnebeben
366
Schien Stein und Felsen zu beleben,
367
Die Wasser jauchzten, und im Innern
368
Bewegt' ein seeliges Erinnern
369
Der Erde allertiefstes Herz,
370
Demant erwuchs und Goldes-Erz.
371
Wer ist, fragt' ich, die dort regiert,
372
So zart und edel gliedmasirt,
373
Die Klare, Holde, Minniglich?
374
Nenn' ihren Namen, Knabe, sprich!
375
Dir ist es also nicht bewußt,
376
Sprach Phantasus, in deiner Brust,
377
Was Thier' und Pflanzen, Stein' empfinden?
378
Ich muß dir ihren Namen künden?
379
Die Liebe ist sie! Und alsbald
380
Kannt' ich die göttliche Gestalt,
381
Ich sprach im Flehn zu ihr: demüthig
382
Komm' ich zu dir, o sei mir gütig,
383
Wie du die ganze Welt beglückst,
384
In jedes Herz die Wonne schickst,
385
Gedenke mein, laß nicht mein Leben
386
Als liebeleeren Traum verschweben
387
Gebietend hob sie auf die Hand,
388
Da kamen aus dem grünen Land,
389
Von Bergen, aus dem niedern Thal,
390
Die Geister wimmelnd ohne Zahl,
391
Aus Bächen huben sie sich schnell
392
Und leuchteten von Schimmern hell,
393
Die Bäume thaten all sich auf,
394
Es sprangen vor mit munterm Lauf
395
Die zarten Elfen, und aus kleinen
396
Blümlein wollten sie auch erscheinen,
397
Gar klein gestalt, in Farben bunt:
398
Da sang ein tausendfacher Mund
399
Der hohen Göttin Lob und Dank,
400
Gar wundersam war der Gesang,
401
Sie sonnten sich in ihrem Lächeln
402
Berauscht von ihres Othems Fächeln.
403
Da wandt' sich Phantasus zu mir:
404
Nun, Werther, wie gefällts dir hier?
405
Ich wollte sprechen: seeliglich
406
Dünkt mir dies Leben sicherlich, –
407
Doch nahm der allergrößte Schreck
408
Mir plötzlich Stimm' und Othem weg:
409
Was ich für Grott' und Berg gehalten,
410
Für Wald und Flur und Felsgestalten,
411
Das war ein einzigs großes Haupt,
412
Statt Haar und Bart mit Wald umlaubt,
413
Still lächelt' er, daß seine Kind
414
In Spielen glücklich vor ihm sind,
415
Er winkt, und ahndungsvolles Brausen
416
Wogt her in Waldes heilgem Sausen,
417
Da fiel ich auf die Kniee nieder,
418
Mir zitterten in Angst die Glieder,
419
Ich sprach zum Kleinen nur das Wort
420
Sag' an, was ist das Große dort? –
421
Der Kleine sprach: dich faßt sein Gram,
422
Weil du ihn darfst so plötzlich schaun,
423
Das ist der Vater, unser Alter,
424
Heißt Pan, von allem der Erhalter. –