Im Herzen war es stille

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Ludwig Tieck: Im Herzen war es stille Titel entspricht 1. Vers(1813)

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Im Herzen war es stille,
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Der Wahnsinn lag an Ketten;
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Da regt sich böser Wille,
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Vom Kerker ihn zu retten,
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Den Tollen los zu machen:
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Da hört man Pauken klingen,
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Da bricht hervor mit Lachen
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Trommeten-Klang und Krachen,
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Dazwischen Flöten singen,
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Und Pfeifentöne springen
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Mit gellendem Geschrei
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Zwischen dröhnenden tönenden Geigen
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In rasender Wuth herbei,
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Das wilde Gemüth zu zeigen,
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Und grimmig zu morden das stille kindliche Schweigen. –

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Wohin dreht sich der Reigen?
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Was sucht die springende Menge
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Im windenden Gedränge? –
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Vorüber! Es glänzen die Lichter,
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Wir tummeln uns näher und dichter,
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Es jauchzt in uns das blöde Herz;
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Lauter tönet
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Grimmer dröhnet
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Ihr Cymbeln, ihr Pfeifen! betäubet den Schmerz,
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Er werde zum Scherz! –

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Du winkst mir, holdes Angesicht?
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Es lacht der Mund, der Augen Licht;
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Herbei, daß ich dich fasse,
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Im Schweben wieder lasse;
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Ich weiß, die Schönheit bald zerbricht,
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Der Mund verstummt, der lieblich spricht,
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Dich faßt des Todes Arm.
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Was winkst, du, Schädel, freundlich mir?
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Kein Kummer mir, nicht Angst und Harm,
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Daß du so bald erbleichest hier,
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Wohl heut, wohl morgen.
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Was sollen die Sorgen?
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Ich lebe und schwebe im Reigen vorüber vor dir. –

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Heut lieb ich dich,
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Jetzt meinst du mich;
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Ach, Noth und Angst sie lauern
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Schon hinter diesen Mauern,
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Und Seufzer schwer und thränend Leid
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Stehn schon bereit,
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Dich zu umstricken;
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Froh laß uns blicken
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Vernichtung an und grausen Tod;
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Was will die Angst, was will uns Noth?
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Wir drücken
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Im Taumel die Hand;
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Mich rührt dein Gewand,
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Du schwebest dahin, ich taumle zurück –
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Auch Verzweiflung ist Glück.

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Aus diesem Entzücken,
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Und was wir heut lachten,
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Entsprießt wohl Verachten
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Und giftiger Neid;
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O herrliche Zeit!
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Wenn ich dich verhöhne,
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Winkt dort mir die Schöne,
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Und wird meine Braut;
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Die andere schaut
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Noch kühner darein;
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Soll dies' es denn sein? –

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So taumeln wir alle
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Im Schwindel die Halle
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Des Lebens hinab,
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Kein Lieben, kein Leben,
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Kein Sein uns gegeben,
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Nur Träumen und Grab:
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Da unten bedecken
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Wohl Blumen und Klee
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Noch grimmere Schrecken,
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Noch wilderes Weh;
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Drum lauter ihr Cymbeln, du Paukenklang,
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Noch schreiender gellender Hörnergesang!
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Ermuthiget schwingt, dringt, springt ohne Ruh,
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Weil Lieb uns nicht Leben
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Kein Herz hat gegeben,
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Mit Jauchzen dem greulichen Abgrunde zu! –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Tieck
(17731853)

* 31.05.1773 in Berlin, † 28.04.1853 in Berlin

männlich, geb. Tieck

deutscher Dichter, Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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