Wohlauf und geh in den vielgrünen Wald

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Ludwig Tieck: Wohlauf und geh in den vielgrünen Wald Titel entspricht 1. Vers(1813)

1
Wohlauf und geh in den vielgrünen Wald,
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Da steht der rothe frische Morgen,
3
Entlade dich der bangen Sorgen,
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Und sing' ein Lied, das fröhlich durch die Zweige schallt!
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Es blitzt und funkelt Sonnenschein
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Wohl in das grüne Gebüsch hinein,
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Und munter zwitschern die Vögelein. –

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– Ach nein! ich geh nimmer zum vielgrünen Wald,
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Das Lied der süßen Nachtigall schallt,
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Und Thränen,
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Und Sehnen
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Bewegt mir die bange, die strebende Brust,
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Im Walde, im Walde wohnt mir keine Lust,
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Denn Sonnenschein,
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Und hüpfende Vögelein,
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Sind mir Marter und Pein!

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Einst fand ich den Frühling im grünenden Thal,
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Da blühten und dufteten Rosen zumahl,
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Durch Waldesgrüne
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Erschiene
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Im Eichenforst wild
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Ein süßes Gebild:
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Da blitzte Sonnenschein,
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Es sangen Vögelein
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Und riefen die Geliebte mein.

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Sie ging mit Frühling Hand in Hand,
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Die Weste küßten ihr Gewand,
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Zu Füßen
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Die süßen
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Viol und Primeln hingekniet
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Indem sie still vorüberzieht,
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Da gingen ihr die Töne nach
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Da wurden alle Stimmen wach,
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Da girrte Nachtigall noch zärtlicher ihr Ach!

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Mich traf ihr wundersüßer Blick:
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Woher? wohin du goldnes Glück?
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Die Schöne,
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Die Töne,
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Die rauschenden Bäume,
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Wie goldene Träume!
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Ist dies noch der Eichengrund?
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Grüßt mich dieser rothe Mund?
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Bin ich todt, bin ich gesund?

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Da schwanden mir die alten Sorgen
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Und neue kehrten bei mir ein,
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Ich traf die Maid an jedem Morgen
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Und schöner grünte stets der Hain.
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Lieb' wie süße
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Deine Küsse!
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Glänzend schönste Zier
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Wohne stets bei mir,
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Im vielgrünen Walde hier! –

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Ich ging hinaus im Morgenlicht
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Da kam die süße Liebe nicht;
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Vom Baum hernieder
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Schrie Rabe seine heisern Lieder:
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Da weint und klagt ich laut,
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Doch nimmer kam die Braut, –
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Und Morgenschein,
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Und Vögelein
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Nur Angst und Pein!

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Ich suchte sie auf und ab, über Berge, Thälerwärts,
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Ich sah manche fremde Ströme fließen,
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Aber ach! mein liebend banges Herz
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Nimmer fand's die Gegenwart der Süßen;
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Einsam blieb de Wald,
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Da kam der Winter kalt;
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Vöglein,
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Sonnenschein
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Flohen aus dem Walde mein. –

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Ach! schon viele Sommer stiegen nieder,
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Oftmals kam der Zug der Vögel wieder,
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Oft hat sich der Wald in Grün gekleid't,
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Niemals kam zurück die süße Maid.
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Zeit! Zeit.
76
Warum trägst du so grausamen Neid?

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Ach! sie kommt vielleicht auf fremden Wegen
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Unbekannter Weis' mir bald entgegen,
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Aber Jugend ist von mir gewichen,
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Ihre schönen Wangen sind erblichen,
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Kömmt sie auch hinab zum Eichengrund
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Kenn' ich sie nicht mehr am rothen Mund.
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O Leide
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Fremd sind wir uns beide!
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Keiner kennt den andern
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Im Wandern!

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Wer Jüngling ist der wandle munter
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Den Wald hinunter,
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Wohl mags, daß ihm Treulieb' entgegen ziehet
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Dann blühet
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Aus allen Knospen Frühling auf ihn ein: –
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Doch niemals treff' ich die verlohrne Jugend mein,
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Drum ist mir Sonnenschein
94
Die Nachtigall im Hayn
95
Nur Quaal und Pein! –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Tieck
(17731853)

* 31.05.1773 in Berlin, † 28.04.1853 in Berlin

männlich, geb. Tieck

deutscher Dichter, Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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