Kommt es nicht wie Träumen

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Ludwig Tieck: Kommt es nicht wie Träumen Titel entspricht 1. Vers(1813)

1
Kommt es nicht wie Träumen
2
Aus den grünen Räumen
3
Zu uns wallend nieder,
4
Wie Verstorbner Lieder?

5
Spricht Eckart zu den jungen Herrn,
6
Vernimmt den Zauberklang von fern.
7
Wie sich die Tön' herüberschwungen
8
Erwachet in den frommen Jungen
9
Ein seltsam böser Geist,
10
Der sie nach unbekannter Ferne reißt.

11
Wir wollen in die Berge, in die Felder,
12
Uns rufen die Quellen, es locken die Wälder,
13
Gar heimliche Stimmen entgegen singen,
14
In's irdische Paradies uns zu bringen!

15
Der Spielmann kommt in fremder Tracht
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Den Söhnen Burgunds ins Gesicht,
17
Und höher schwillt der Töne Macht,
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Und heller glänzt der Sonne Licht,
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Die Blumen scheinen trunken,
20
Ein Abendroth nieder gesunken,
21
Und zwischen Korn und Gräsern schweifen
22
Sanft irrend blau und goldne Streifen.

23
Wie ein Schatten ist hinweg gehoben
24
Was sonst den Sinn zur Erden zieht,
25
Gestillt ist alles ird'sche Toben,
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Die Welt zu einer Blum' erblüht,
27
Die Felsen schwanken lichterloh,
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Die Triften jauchzen und sind froh,
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Es wirrt und irrt alles in die Klänge hinein
30
Und will in der Freude heimisch sein,
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Des Menschen Seele reißen die Funken,
32
Sie ist im holden Wahnsinn ganz versunken.

33
Es wurde Eckart rege
34
Und wundert sich dabei,
35
Er hört der Töne Schläge
36
Und fragt sich, was es sei.

37
Ihm dünkt die Welt erneuet,
38
In andern Farben blühn,
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Er weiß nicht, was ihn freuet,
40
Fühlt sich in Wonne glühn.

41
Ha! bringen nicht die Töne,
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So fragt er sich entzückt,
43
Mir Weib und liebe Söhne,
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Und was mich sonst beglückt?

45
Doch faßt ein heimlich Grauen
46
Den Helden plötzlich an,
47
Er darf nur um sich schauen
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Und fühlt sich bald ein Mann.

49
Da sieht er schon das Wüthen
50
Der ihm vertrauten Kind,
51
Die sich der Hölle bieten
52
Und unbezwinglich sind.

53
Sie werden fortgezogen
54
Und kennen ihn nicht mehr,
55
Sie toben wie die Wogen
56
Im wildempörten Meer.

57
Was soll er da beginnen?
58
Ihn ruft sein Wort und Pflicht,
59
Ihm wanken selbst die Sinnen,
60
Er kennt sich selber nicht.

61
Da kömmt die Todesstunde
62
Von seinem Freund zurück,
63
Er höret den Burgunde
64
Und sieht den letzten Blick.

65
So schirmt er sein Gemüthe
66
Und steht gewappnet da,
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Indem kömmt im Gewüthe
68
Der Spielmann selbst ihm nah.

69
Er will den Degen schwingen
70
Und schlagen jenes Haupt:
71
Er hört die Pfeife klingen,
72
Die Kraft ist ihm geraubt.

73
Es stürzen aus den Bergen
74
Gestalten wunderlich,
75
Ein wüstes Heer von Zwergen,
76
Sie nahen grauerlich.

77
Die Söhne sind gefangen
78
Und toben in dem Schwarm,
79
Umsonst ist sein Verlangen,
80
Gelähmt sein tapfrer Arm.

81
Es stürmt der Zug an Besten,
82
An Schlössern wild vorbei,
83
Sie ziehn von Ost nach Westen
84
Mit jauchzendem Geschrei.

85
Eckart ist unter ihnen,
86
Es reißt die Macht ihn hin,
87
Er muß der Hölle dienen,
88
Bezwungen ist sein Sinn.

89
Da nahen sie dem Berge,
90
Aus dem Musik erschallt,
91
Und alsobald die Zwerge
92
Stillstehn und machen Halt.

93
Der Fels springt von einander,
94
Ein bunt Gewimmel drein,
95
Man sieht Gestalten wandern
96
Im wunderlichen Schein.

97
Da faßt er seinen Degen
98
Und spricht: ich bleibe treu!
99
Und haut mit Kraft verwegen
100
In alle Schaaren frei.

101
Die Kinder sind errungen,
102
Sie fliehen durch das Thal,
103
Der Feind noch unbezwungen
104
Mehrt sich zu Eckarts Quaal.

105
Die Zwerge sinken nieder,
106
Sie fassen neuen Muth,
107
Es kommen andre wieder,
108
Und jeder kämpft mit Muth.

109
Da sieht der Held schon ferne
110
Die Kind in Sicherheit,
111
Sprach: nun verlier ich gerne
112
Mein Leben hier im Streit.

113
Sein tapfres Schwerdt thut blinken
114
Im hellen Sonnenstrahl,
115
Die Zwerge niedersinken
116
Zu Haufen dort im Thal.

117
Die Kinder sind entschwunden
118
Im allerfernsten Feld,
119
Da fühlt er seine Wunden,
120
Da stirbt der tapfre Held.

121
So fand er seine Stunde
122
Wild kämpfend wie der Leu,
123
Und blieb noch dem Burgunde
124
Im Tode selber treu.

125
Als nun der Held erschlagen
126
Regiert der älteste Sohn,
127
Dankbar hört man ihn sagen:
128
Eckart hat meinen Thron

129
Erkämpft mit vielen Wunden
130
Und seinem besten Blut,
131
Und alle Lebensstunden
132
Verdank' ich seinem Muth.

133
Bald hört man Wundersagen
134
Im ganzen Land umgehn,
135
Daß, wer es wolle wagen
136
Der Venus Berg zu sehn,

137
Der werde dorten schauen
138
Des treuen Eckart Geist,
139
Der jeden mit Vertrauen
140
Zurück vom Felsen weist.

141
Wo er nach seinem Sterben
142
Noch Schutz und Wache hält.
143
Es preisen alle Erben
144
Eckart den treuen Held.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Tieck
(17731853)

* 31.05.1773 in Berlin, † 28.04.1853 in Berlin

männlich, geb. Tieck

deutscher Dichter, Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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