Durch dunkle Schatten lenkt' ich meine Schritte

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Ludwig Tieck: Durch dunkle Schatten lenkt' ich meine Schritte Titel entspricht 1. Vers(1813)

1
Durch dunkle Schatten lenkt' ich meine Schritte,
2
Es ging mein treuer Freund zur Seite mir,
3
Er hörte meine ängstlich inn'ge Bitte
4
Und weilte nur zu meinem Besten hier.
5
Da standen wir in einer Felsthals Mitte,
6
Von dräu'nden Klippen eingeschlossen schier:
7
Mit bangem Herzen hielt ich ihn umschlossen,
8
Mein Haupt verbarg ich, meine Augen flossen.

9
Wir zitterten dem scharfen nächt'gen Winde,
10
Verloren in der dunkeln Einsamkeit,
11
Die schwarzen Wolken jagten sich geschwinde,
12
Die Eule laut vom Felsen niederschreit,
13
Nacht eng' um uns, wie eine dunkle Binde,
14
Ein Wassersturz, der tobend schäumt und dräut:
15
Ach! seufzt' ich, will kein Stern denn niederblicken,
16
Mit schwachem Flimmerschein uns zu beglücken?

17
Wie strebten wir mit Blicken durch die Schatten,
18
Ein Sternchen, nur ein Lichtlein zu erspähn!
19
Wir standen sinnend, wie zu diesen Matten
20
Der Gang in tiefer dunkler Nacht geschehn,
21
Doch, wenn wir plötzlich die Erinn'rung hatten,
22
Entfloh sie wieder in des Sturmes Wehn;
23
Wir waren ganz uns selber hingegeben
24
Und neben uns gedieh kein ander Leben.

25
Ach! da begann ein zärtlich Wechselstreiten,
26
Denn jeder will dem andern tröstlich seyn,
27
Die Liebe soll in diesen Dunkelheiten
28
Entzünden einen fröhlich süßen Schein,
29
Er rief: ich will, mein trauter Freund, dich leiten,
30
Geh kummerfrei mit mir das Bündniß ein,
31
Mag uns das Dunkel dunkler noch umfließen,
32
Es glänzt, wenn wir uns brüderlich umschließen.

33
Da kämpften wir, mit Blicken uns zu finden,
34
Zu schenken uns der Augen holden Gruß,
35
Und Aug' an Auge liebend festzubinden,
36
Die Freundschaft soll ertödten den Verdruß,
37
Doch, nimmer will das Dunkel sich entzünden,
38
Umarmung tröstet uns und Freundeskuß,
39
Und jeder, von dem andern festgehalten,
40
Ergiebt sich gern den feindlichen Gewalten.

41
Doch ist es wohl ein Blendniß unsrer Sinnen?
42
Ein Stern liegt klar zu unsern Füßen da,
43
Wir können noch den Glauben nicht gewinnen
44
So deutlich ihn auch schon das Auge sah.
45
Wir sehen kleine blaue Strahlen rinnen,
46
Die Gräser, die dem schwachen Schimmer nah
47
Erleuchten nun mit ihrer zarten Grüne,
48
Daß glänzendhell der kleine Raum erschiene.

49
Und wie wir noch das Wunder nicht begreifen,
50
Erschimmert heller der verlorne Stern,
51
Wir sahen deutlich buntgefärbte Streifen,
52
Und hafteten auf diesem Anblick gern:
53
Doch kleine Punkte hin und wieder schweifen,
54
Und zittern eilig hier und fern und fern,
55
Und aus dem räthselhaften Wunderglanze
56
Quillt plötzlich leuchtend her die schönste Pflanze.

57
Zwar schien sie herrlich nur in unsern Blicken,
58
Sie schwankt und glänzt wie wenn die Distel blüht,
59
Kein ander Auge würde sich entzücken,
60
Da uns die unbekannte Sehnsucht zieht;
61
Wir wollen schon die hohe Blume pflücken,
62
An unser Herz zu heften sie bemüht.
63
Sie tröstet unbegreiflich uns im Leiden,
64
Sie ist das Ziel der Sehnsucht wie der Freuden.

65
Und keiner denkt begeistert nachzufragen
66
Welch Glück ihm denn in dieser Blume ruht,
67
Vergessen sind schon alle vor'gen Klagen,
68
Wir fühlen neuen, kühnen Lebensmuth.
69
Für mich will er nun alles Unheil tragen,
70
Ich gönne ihm das schönste Lebensgut.
71
Wir beugen uns, da klingt es aus der Ferne
72
Entzückend schön, wie ein Gesang der Sterne.

73
Ein neues Staunen hält den Sinn gefangen,
74
Indem die Melodie nun lauter klingt,
75
Im Busen zittert mächtiges Verlangen,
76
Das wie zum Horchen so zur Freude zwingt.
77
Die Töne sich so wundersamlich schwangen,
78
Und jeder Klang uns Freundesgrüße bringt,
79
Und zärtlich wird von allen uns geheißen
80
Daß wir die Pflanze nicht dem Fels entreißen.

81
Mit Scheu und Liebe stehn wir vor der Blume,
82
Des Busens Wonne regt sich sanft und mild,
83
Wir fühlen uns so wie im Heiligthume,
84
Die vor'ge Liebe dünkt uns rauh und wild.
85
Wir schätzen es zu unserm schönsten Ruhme,
86
Zu lieben, nicht zu rauben jenes Bild:
87
Verehrung zieht uns auf die Kniee nieder,
88
Die erste Liebe kehrt verschönert wieder.

89
Jetzt war für uns die Einsamkeit voll Leben,
90
Wir sehnten uns nur zu der Blume hin,
91
Ein freudenvolles, geisterreiches Weben
92
Durchläuterte den innerlichsten Sinn;
93
Wir fühlten schon ein unerklärbar Streben,
94
Zum Edelsten und Schönsten treibt es hin,
95
Die Wonne wollte fast das Herz bezwingen,
96
Wir hörten Staud' und Baum und Fels erklingen.

97
Wie wenn uns zarte Geister Antwort riefen,
98
So tönt die Stimme hold und wundersam,
99
Aus allen dunkeln unterird'schen Tiefen
100
Uns Liebesdrang und Gruß entgegen kam,
101
Die Geister, die noch todt in Felsen schliefen
102
Erstehn, sich jeder Lebensregung nahm:
103
Wir waren rund vom zärtlichsten Verlangen,
104
Von Liebesgegenwart ganz eng' umfangen.

105
Wie kann die Blume solchen Zauber hegen?
106
So rief ich aus, wie sich mein Herz besann.
107
Mag sie die Brust so kräftiglich erregen
108
Daß ich die Welt und mich vergessen kann?
109
Es klopft das Herz mit neugewalt'gen Schlägen,
110
Der Geist dringt zum Unendlichen hinan,
111
Wohl mir, mein Freund, daß ich mit dir genieße,
112
Mit dir zugleich das schönste Glück begrüße!

113
Doch jener war in Wonne neu gebohren,
114
Er lächelte mit lichtem Freundesblick;
115
Doch Wort und Rede war für ihn verlohren,
116
Sein hochverklärtes Antlitz sprach sein Glück,
117
Nur für das Seligste schien er erkohren,
118
Und fand zur alten Welt nicht mehr zurück,
119
Er schien in weit entfernte schöne Auen
120
Mit hoher Trunkenheit hineinzuschauen.

121
Und wie ich mich an meinem Freund erfreue,
122
Sein Glück mich mehr, als selbst mein eignes rührt,
123
Erleuchtet über uns die schönste Bläue,
124
Die Wolken theilen sich, ein Windstoß führt
125
Sie abwärts, heller scheint des Himmels Freie,
126
Das holde Licht mit Tagesglanz regiert,
127
Die Blume schießt empor, die Blätter klingen,
128
Und Strahl und Funken aus dem Kelche springen.

129
Bald steht sie da und gleicht dem höchsten Baume,
130
Die Blüthen, jedes Blatt entfaltet sich,
131
Und aus dem innren Haus, dem grünen Raume
132
Entstehen Engelsbilder seltsamlich,
133
Wir stehn entzückt dem süßen Wundertraume,
134
Ich schau ihn an, sein Blick befraget mich,
135
Die Kinder tragen Bogen in den Händen,
136
Die sie mit goldnem Pfeil nach uns hinwenden.

137
Die Senne wird mit leichter Kraft gezogen,
138
Der schöne Pfeil enteilet durch die Luft,
139
Befiedert kömmt er zu uns hingeflogen,
140
Er rauscht hinweg, verfliegt in ferner Kluft.
141
Auf's neue schon gespannt der Silberbogen,
142
Herüber weht ein süsser Aether-Duft;
143
Wir stehen zweifelnd, und es ruft der Schöne:
144
Entsetzt euch nicht, die Pfeile sind nur Töne!

145
Wir horchen nun wie sie herüberdrangen,
146
Wie jeder glänzend uns vorüberfuhr,
147
Wie dann die Luft, der Wald, das Feld erklangen,
148
Ein Lustgesang ertönte die Natur:
149
Da glühen rosenroth des Freundes Wangen,
150
Er spricht berauscht und thut entzückt den Schwur:
151
Mich ziehen fort die süß-melod'schen Wellen,
152
Ich will den Pfeilen mich entgegen stellen!

153
Da beut die Brust sich trunken allen Tönen,
154
Er strebt und ringt, zu künden sein Gefühl,
155
Er blickt mit heiterm Lächeln nach den Schönen,
156
Sie freun sich mehr und mehr an ihrem Spiel,
157
Sie wollen gern den Freund mit sich versöhnen,
158
Und machen ihn nur ämsiger zum Ziel,
159
Ein jeder will den andern übereilen,
160
Den Liebling ganz von seinem Gram zu heilen.

161
Noch alle sind im kräftig muntern Streiten,
162
Als sich ein neuer Wunderanblick zeigt,
163
Vom Wipfel seh' ich Bilder niederschreiten,
164
Ein Geisterheer dem hohen Baum entsteigt,
165
Der edlen Menge, wie sie abwärts gleiten,
166
Sich rauschend Stamm und Ast und Wipfel neigt,
167
Sie kommen her, ich fühl' mein Herz entbrennen,
168
Und irr' ich? alle glaub' ich jetzt zu kennen.

169
Und hinter ihnen wie sie weiter gehen,
170
Durch Himmel, Luft und auf der grünen Flur,
171
Glaub' ich ein weißes helles Licht zu sehen,
172
Der Wiese Blum' erglänzt in ihrer Spur,
173
Die Bäume nun wie größre Blumen stehen,
174
Das Wasser lacht, es jubelt die Natur,
175
Ist alles rund mit Poesie umgossen,
176
Von Lieb' und Wohllaut jedes Blatt umflossen.

177
Sie sind's, die hochberühmten Wundergeister,
178
Der Greis Homer der vorderste der Schaar,
179
Ihm folgen Rafael, und jener Meister,
180
Der immer Wonne meiner Seele war,
181
Der kühne Britte, sieh, er wandelt dreister
182
Vor allen her, ihm weicht die ganze Schaar, –
183
Sie breiten rings ein schönes Licht, in Wonne
184
Erfunkelt es und dunkelt selbst die Sonne.

185
Nun war Entzücken rund umher entsprossen,
186
Die Wonn' umlaubt uns wie ein goldnes Zelt,
187
Vom Zauberschein ist alles rings umflossen,
188
Von süßen Tönen klingt die weite Welt,
189
Wohin wir gehn sind Blumen aufgeschossen,
190
Mit tausend Farben prangt das grüne Feld;
191
Es singt die Schaar: schaut, was wir euch verliehen,
192
Darum muß euer Herz uns ewig glühen.

193
Ich wachte nun aus meinem holden Schlummer,
194
Und um mich war der Glanz, das süße Licht:
195
Doch ach! o unerträglich herber Kummer,
196
Den vielgeliebten Freund, ihn fand ich nicht,
197
Ich suchte wieder den entflohnen Schlummer,
198
Das liebe wundervolle Traumgesicht,
199
Die Künstler waren noch mit Freundschaft nahe,
200
Doch weh! daß ihn mein Auge nicht mehr sahe!
201
Und soll ich nun noch gern im Leben weilen,
202
So reiche, Bruder, mir die treue Hand,
203
So weile, Lust wie Schmerz mit mir zu theilen,
204
Du, der als Kind sich liebend mir verband,
205
Entflieh mir nicht, gesellt laß uns durcheilen
206
Der Kunst und Poesie geweihtes Land,
207
Ich würde ohne dich den Muth verlieren,
208
So Kunst als Leben weiter fortzuführen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Ludwig Tieck
(17731853)

* 31.05.1773 in Berlin, † 28.04.1853 in Berlin

männlich, geb. Tieck

deutscher Dichter, Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.