An dem Kreuz die Mutter stande

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Ludwig Tieck: An dem Kreuz die Mutter stande Titel entspricht 1. Vers(1813)

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An dem Kreuz die Mutter stande,
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Schmerzen fühlt sie vielerhande,
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Aufgelößt des Herzens Bande,
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Wie der Heiland überwande.

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Kommt mit mir zum Sehnsuchtslande!
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Ach im Brande
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Laßt die ganze Seele glühen,
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Strahlen aus und einwärts ziehen,
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Lilien werden auferblühen,
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Nacht und Dunkel schüchtern fliehen
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Von dem Lande,
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Wo das Kreuz in Thränen stande.

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Ach, Maria, welche Leiden
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Mußten deine Seele schneiden!
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Wer empfand doch von euch beiden
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Wohl zumeist den Tod der Freuden?

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Englein, kommt, im Niederklimmen
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Laßt erglänzen eure Stimmen,
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Ihr wart ja am Kreuz zugegen
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Als der Welt geschah der Seegen,
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Müßt euch klingend nun bewegen,
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Flüglein fein zusammen legen,
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Daß in den Gesanges-Stimmen,
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Störend mag kein Rauschen schwimmen.

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Als die Mutter in dem Sohne
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Sah ihr eignes Herze tödten,
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Ach, wie ward in bittern Nöthen
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Dir des Todes Angst zum Lohne!
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O, wo blieb die goldne Krone!
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Deine Seele rief zum Throne
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Mit dem Sohne: Vater, schone!
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Ach! wer könnte sich versteinen,
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Nicht mit dir, Maria, weinen?
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Seel' und Herz nicht dir vereinen?
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Thränen, brecht hervor mit Scheinen,
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Zittert Töne, klage Stöhnen,
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Siehe, wie in Schmach, Verhöhnen,
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Noth, Angst, Schmerz zerbricht den Reinen!
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Aber, Weinen,
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Laß in dir ein Lachen scheinen;
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Zittert Thränen, freundlich klingend,
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Und lobsingend
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Tritt hervor du tiefes Klagen!
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Wonnevoll sind seine Plagen,
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Und das Herz muß zu sich sagen:
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Meinethalb hat er's getragen.
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Selbst das Kreuz, an das geschlagen
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Jesus Christus unverschuldet
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Seine schwere Marter duldet,
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Will vor Freuden und vor Leiden
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Weinen,
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Thränen mit dem Blute einen.
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Menschen, seht hier eure Wonnen,
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Ausgelöscht sind eure Sonnen,
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Ausgetrocknet alle Bronnen:
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Aber habt ihr euch besonnen
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Daß euch dadurch Heil gewonnen?
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Daß mein Herz am Kreuzesschafte,
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Milder Jesus, ewig hafte,
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Bis es liebend ganz verbronnen!

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Ja, es soll in mir zerbrechen!
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Klagen, Weinen, holdes Lachen,
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Ihr müßt jetzt das Ende machen:
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So wie kleine Kindlein sprechen,
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Plötzlich aus in Thränen brechen;
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Ist es Schuld wohl und Verbrechen,
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Wenn sie in den Thränen lachen?
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Wunden, seid wie süße Blumen,
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Seufzer, aus den Heiligthumen
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Steigt empor wie süße Düfte,
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Wallet in die Himmelslüfte:
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Sehnen,
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Thränen,
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Holdseeligkeiten,
75
Himmlische Freuden,
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Wie sie süß und hell verbreiten
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Durch mein Herz die Herrlichkeiten!
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Nichts soll mich im Tode scheiden,
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Jesu Christ, von deinen Leiden!

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Sei mir du, Maria, milde,
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Gegen dieses Leben wilde,
82
O du süßes Gottesbilde!
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Deine Liebe sei mein Schilde!

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Wann die letzte Stunde kommen,
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Sei die Seel' in Lieb' entglommen,
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In den Himmel aufgenommen.
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Amen!
88
Es vernahmen
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Gott, Maria, Christ, die Bitten,
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Sie sind nicht von euch bestritten,
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Denn sie kamen
92
Recht hier aus des Herzens Mitten,
93
Auch für mich hast du gelitten,
94
Amen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Tieck
(17731853)

* 31.05.1773 in Berlin, † 28.04.1853 in Berlin

männlich, geb. Tieck

deutscher Dichter, Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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