Wir hören große Wunder

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Ludwig Tieck: Wir hören große Wunder Titel entspricht 1. Vers(1813)

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Wir hören große Wunder
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Vom klugen Weland sagen,
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Sein Vater, Riese Vade
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Bracht' ihn in jungen Tagen

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Zu Mimer, dem verständgen,
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Dem Schmid im dunkeln Than,
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Dann kam Weland zu Zwergen,
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Wo er mehr Kunst gewann.

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Zum König Nidung ging er,
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Sein Ruhm war weit bekannt,
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Er wirkte schöne Schwerdter,
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Und manchen Schildesrand.

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Und Messer, wunderkünstlich,
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Auch Becher goldner Pracht,
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Er wurde für den klügsten
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Und besten Schmid geacht't.

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Durch Welands Weisheit siegte
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Nidung, vom Feind gequält,
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Drum ward des Königs Tochter
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Dankbar dem Mann vermählt.

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Als nun der Feind geschlagen,
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Weland zum König trat,
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Doch zürnend hörte dieser
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Nicht, was der Schmid ihn bat.

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Er stieß ihn hart zurücke,
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Du kannst nicht seyn mein Sohn,
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Mein Kind find't ander Glücke! –
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So gebt in meinen Lohn,

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Laßt mich von dannen ziehen,
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Rief Weland, fern von hier;
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Du bleibst hier, rief der König,
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Das Fortgehn hindr' ich dir.

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Am Fuß ließ er die Sehnen
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Ihm schneiden; nun geh hin,
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Nicht fliehst du, sollt' ich wähnen,
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Sprach er mit falschem Sinn.

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Hinkend und ungemuthet
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Schlich Weland in sein Haus,
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Wie schwach er war, doch Rache
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Sann seine List ihm aus.

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Um schmieden ihn zu sehen
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Der Sohn des Königs kam,
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Beim Ambos stand der Listge,
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Er schnell den Knaben nahm,

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Und tödtete ihn heimlich,
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Dann faßt' er sein Gebein,
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Und goß von Erz und Silber
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Viel Leuchter schön und fein,

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Die Knochen in den Säulen,
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Den Schädel nahm er dann,
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Es machte den zum Becher
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Von Gold der kluge Mann.

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Man suchte wohl den Knaben,
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Sie fragten auch Weland;
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Der sprach: ich sah ihn nimmer,
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Er ist zum Wald gerannt.

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Des Königs schöne Tochter
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Ein junges Mägdelein
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Trug einen Ring von Golde
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Mit manchem Edelstein,

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Den ihr der Vater schenkte
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Und gern ihn schimmern sah
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An ihren weißen Fingern,
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Im Garten es geschah

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Als sie dort Blumen suchte,
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Daß ihr der Ring zerbrach,
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Die Jungfrau rang die Hände,
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Und klagte Weh! und Ach!

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Sie furchte ihres Vaters
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Bestrafung, seinen Zorn,
71
Sie rief: o wär' ich Arme
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Doch nimmermehr gebohrn!

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Er wird gewiß mich tödten
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Um dieses Ringelein,
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Kein Mägdlein könnte ärmer
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Auf dieser Welt doch seyn.

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Da riethen die Freundinnen:
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Geh heimlich zum Weland,
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Von seinen klugen Sinnen
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Wird bald dein Leid gewandt.

81
Sie trat in seine Schmiede,
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Und klagte ihre Noth,
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Er nahm den Ring und fachte
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Schnell an das Feuer roth,

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Er fügte ihn zusammen
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Und schmolz wohl Gold und Erz,
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Sie sah froh in die Flammen,
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Vergessen war ihr Schmerz.

89
Sie lächelte ihm freundlich,
90
Da schloß der Schmid Weland
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Schnell seine feste Thüre
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Und nahm sie bei der Hand.

93
Er zwang das Mägdlein dorten,
94
Die Nidung ihm versprach,
95
Sie weinte in den Nöthen,
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Und sah nie schlimmern Tag.

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Sie kehrte heim zum Vater,
98
Sie hat ihm nichts gesagt.
99
Bald fühlte sie sich schwanger,
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Da wurde viel geklagt.

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So hatte sich gerächet
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Weland, der kluge Mann,
103
Drauf macht er große Flügel
104
Und band sich diese an,

105
So stand er auf der Zinne,
106
Die Leute riefen: seht!
107
Weland ist nun ein Vogel,
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Er fliegend von uns geht.

109
Auch Nidung kam, der König,
110
Es nahm ihn Wunder groß,
111
Weland rief: fort ich fliege,
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Du bist nun erbelos.

113
Den Sohn hab' ich getödtet,
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In Leuchtern, golden fein,
115
Die deine Tafel schmücken
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Schmolz ich des Sohns Gebein.

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Auch hast du einen Becher,
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Leuchtend von Golde roth,
119
Du trinkst aus seinem Schädel,
120
Und kennst nicht deine Noth.

121
Und deine schöne Tochter
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Geht nicht mehr Jungfrau dir,
123
Sie zwang ich dir erzürnet,
124
Sie trägt ein Kind von mir.

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Der König nahm den Bogen,
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Legt' auf den scharfen Pfeil,
127
Alle Ritter im Zorne
128
Spannten in grimmer Eil.

129
Da flogen scharfe Stralen
130
Und schossen durch das Licht,
131
Doch Weland hob die Schwingen,
132
Kein Eisen traf ihn nicht.

133
Er flog mit klugen Sinnen
134
Auf seines Vaters Schloß,
135
Und Nidung starb, der König,
136
Das Herzeleid war groß:

137
Sein jüngster Sohn ward König,
138
Die Schwester sein gebar
139
Wittich, den kühnen Helden
140
Noch in demselben Jahr.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Tieck
(17731853)

* 31.05.1773 in Berlin, † 28.04.1853 in Berlin

männlich, geb. Tieck

deutscher Dichter, Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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