In frühen Kindestagen

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Ludwig Tieck: In frühen Kindestagen Titel entspricht 1. Vers(1813)

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In frühen Kindestagen,
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Aus Trutz und frevlem Muth,
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Entlief der Burg zu Santen
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Siegfried, ein Recke gut.

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Er kam nach vielem Irren
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In einen fernen Wald,
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Sah da die große Schmiede,
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Ein trat der Knabe bald.

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Hier wohnt' mit seinen Künsten
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Mimer, ein Held bekannt,
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Der mit vielen Gehülfen
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Schmiedete schön Gewand.

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Er wirkte edle Schwerdter,
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Panzer und Schilde breit,
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Die kauften werthe Recken
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Und Kön'ge hoch erfreut.

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Er war ein Held gewaltig,
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Zu ihm trat Siegfried ein,
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Und wollt' im grünen Walde
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Mimers Gehülfe seyn.

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Als größer ward der Knabe
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Zeigt' er viel bösen Sinn,
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Er droht' und plagte alle,
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Der Meister furchte ihn:

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Er stellt' ihn an die Arbeit
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An einem Sommertag,
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Da nahm Siegfried den Hammer
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Und that so kräftgen Schlag,

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Daß er den Ambos spaltete
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Und schlug ihn in den Grund,
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Darob sie all erschraken
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Und wünschten zu der Stund,

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Er wäre nie gekommen,
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Sie hatten sein nicht Noth,
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Sie furchten daß der Große
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Sie alle schlüge todt.

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Ein giftiger Linddrache
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Dort in dem Walde was,
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Vor dessen grimmen Rachen
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Der Kühnste nicht genas.

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Mimer in seinen Listen
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Dachte mit klugem Sinn:
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Der Knab' wird sich nicht fristen;
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Sandt' ihn zum Wurme hin.

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Da folgt der Jüngling kühne
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Dem anbefohlnen Werke,
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Ohn' Waffen in der Grüne,
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Nur in selbsteigner Stärke.

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Der Drache schoß im Grimme
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Aus seiner Höhle wild,
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Den jungen Ritter schirmten
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Baumzweige wie ein Schild.

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Damit kämpft' er so kräftig
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Und schlug das Ungeheuer,
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Dann aß er in dem Walde
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Und zündete ein Feuer,

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Im Drachenblut er badete,
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Hürnen ward seine Haut,
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Kein Waffen ihm nun schadete,
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Wie scharf es auf ihn haut.

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In sehr grimmigen Muthe
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Riß er vom Wurm das Haupt,
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Und rennt durch Waldesdunkel,
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Als schon der Meister glaubt

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Er sey im Wald erstorben.
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Da schreien die Gesellen:
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Wir sehen Siegfried kommen,
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Der wird uns alle fällen!

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Er trägt das Wurmhaupt blutig
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Wie einen Schildesrand!
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Siegfried trat ein wildmuthig,
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Sie flohn zur Steineswand.

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Mimer ging ihm entgegen,
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Er sah des Jünglings Wuth,
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Um Gnade bat der Degen,
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Harnisch und Schwerdter gut

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Versprach er fleh'nd dem Werthen:
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Siegfried nichts sagte wieder,
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Das Haupt warf er zur Erden
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Und schlug den Meister nieder.

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Auf saß er dann zu Rosse,
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Und nahm ein Sturmgewand,
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Nicht sucht' er die Genossen,
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Weit fuhr er durch das Land.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Tieck
(17731853)

* 31.05.1773 in Berlin, † 28.04.1853 in Berlin

männlich, geb. Tieck

deutscher Dichter, Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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